Vor der Stadtkirche in Pigadia lärmen seit Stunden explodierende Feuerwerkskörper. Bis in die Straßen hinein drängen sich Menschen vor dem größten Gotteshaus des Inselhauptortes auf Karpathos, um in der Nacht vor Ostersonntag die griechisch-orthodoxe Ostermesse zu feiern. Um Mitternacht verlöschen in der Kirche plötzlich alle Lichter. Der Priester trägt eine Kerze durch die Schar der Gläubigen, die an der Flamme ihre Stabkerzen entzünden und das Licht wie eine Stafette durch die Nacht reichen. Der flimmernde und glimmernde Kirchplatz ist erfüllt von feierlichem Gemurmel: "Christos Anesti", freut sich die Gemeinde ("Christus ist auferstanden").

Am Morgen des Osterdienstags ist die Hafenmole der am meisten bevölkerte Platz in Pigadia. Karpathioten, Festlandgriechen und Touristen wollen mit einem Ausflugsschiff zu Griechenlands traditionsreichem Osterfest "Lambri Triti" (Fest der Lebenden und Toten) nach Olympos, das in der orthodoxen Welt nur in diesem urtypischen Bergdorf gefeiert wird. Zwei Stunden tuckert das Motorschiff an klobigen Bergwänden entlang in den spröden Norden von Karpathos nach Diafani. Morgensonne unterhält die Passagiere mit Schattenspielen auf den Felsen, die Luft über dem silberglänzenden Meer des Dodekanes ist von seltener Klarheit.

Prozessionsgruppen mit Fahnen und Ikonen

Vor 35 Jahren, als es auf Karpathos noch keinen Flugplatz und keine Asphaltpiste in das fast 600 Jahre alte Bergdörfchen gab, hätten sich auf diesen Pinselstrich der Natur allenfalls im Sommer ein paar Fremde verirrt, erzählt ein Grieche und zwirbelt seinen stattlichen Schnauzbart.
Das Erdbeben im Jahr 2017 hat keine Schäden angerichtet, in Diafani stören nur qualmende Auspuffe und stotternde Motoren der schon wartenden Omnibusse und Taxis das friedliche Idyll. Dann schnauft der Bus die Serpentinen hinauf ins zehn Kilometer entfernte Olympos mit seinen jahrhundertealten orthodoxen Festritualen und einem auf anderen Ägäis-Inseln längst ausgestorbenen Dialekt.

Auf 700 Metern Höhe öffnet sich auf der rechten Fensterseite eine Guckkastenbühne mit verschwenderischem Gebirgspanorama. In den Tälern sind Prozessionsgruppen mit Fahnen und Ikonen zu Bergkapellen unterwegs, deren rote Kuppeln in der kargen Bergwelt leuchten. Die über Terrassenfelder in den blauen Himmel strebende bunte Vielfalt der Siedlung scheint aus dem Berg herauszuwachsen.

Festliche Kleidung, selbstgebackenes Brot und kunstvolle Handarbeit

Als der Bus am Ortsrand hält, weisen festlich gekleidete Mädchen den Weg in die "Oberstadt". Wo Männer und Söhne ausgewandert sind, beherrschen Frauen das Alltagsleben. Heute haben sie ihre weiß-schwarze Arbeitskleidung gegen farbenreiche Gewänder getauscht. In den öffentlichen Steinöfen, in denen die Tage vor Pascha (Ostern) Brotlaibe gebacken und Festessen gegart werden, ist die Glut verloschen.

Vor Haustüren bieten Frauen kunstvolle Handarbeiten zum Verkauf an. In seinem Laden an der steilstufigen Hauptgasse fertigt ein Schuhmacher Stiefel aus Ziegenleder nach Maß an. Die von Touristen jedes Jahr neu diskutierte Frage, ob das Festhalten der Bewohner am Brauchtum Ausdruck ihres traditionellen Lebensgefühls oder willkommene Gelegenheit ist, an der Suche der Urlauber nach dem "ursprünglichen Griechenland" mit ein paar Euros beteiligt zu sein, interessiert den Alten wenig. "Ase Mou", winkt er gelangweilt ab, "wem würde die Antwort schon weiterhelfen?"

Im Labyrinth der kreuz und quer, unter und übereiander sich schlängelnden Gassen herrscht Gedränge und Geschiebe. Auf der Bergspitze versammeln sich jetzt vor der großen Kirche Frauen in farbenprächtigen Trachten. Die Älteren sind in schlichte schwarze Kleider gehüllt, über denen sie bunte Schürzen oder Westen mit Blumenmotiven und Schmuckbändern tragen. Stickereien verzieren die Kopftücher und breiten Taillenbänder. Als Zeichen ihres Wohlstandes tragen unverheiratete Mädchen auf Kopf und Dekolleté zusätzlich oft kiloschwere Goldketten und Münzen. Immer dichter, immer farbenfroher wird die festliche Versammlung der stolzen Frauen von Olympos.

Wein und "Tsoureki"

Zu ihren Füßen unterhalb der Kirchentreppe spielen Familien ein typisches griechisches Osterspiel. Tock, tock schlagen Vater und Sohn zwei rotbemalte Eier aneinander. Das Ei in der Hand des Buben splittert nicht, was Glück und einen freien Wunsch bedeutet. Junge Burschen bauen Tische und Stühle auf, während das Summen asiatischer Fernsehkameras ahnen lässt, dass das Bilderbuchdorf und seine folkloristische Kulisse bald auch im Reich der Mitte ein Tipp wird. Die nahezu vollzählig versammelten Einwohner der 300-Seelen-Enklave verfolgen das mediale Treiben mit reservierter Gelassenheit. Viele von ihnen haben noch nie den Fuß auf eine andere Insel gesetzt.

Kein Medienaufgebot, auch nicht steigende Touristenzahlen hätten den Insulanern bisher ihre Würde und kulturelle Identität nehmen können, versichert der karpathiotische Tourismusmanager. Man müsse berücksichtigen, dass der karstige, felsige Norden der typischen Auswandererinsel vom fruchtbaren Süden abgeschnitten und auf "überschaubaren" Fremdenverkehr angewiesen sei.
Aus einer Seitenstraße nähert sich jetzt eine Prozession. Männer mit schwitzenden Gesichtern tragen huckepack schwere Ikonen die Stufen hinauf zum heiligen Platz vor die Kirche. Andere bahnen dem frommen Zug ein Spalier durch die Menschentraube. Auf den Tischen stehen Wein und das süße Ostergebäck "Tsoureki". Nach den Männern bewegen sich Frauen und Kinder ehrfürchtig an den aufgestellten Gottesbildern vorbei zum Dorfpriester, der die Osterbotschaft verkündet. Als später Musikanten Lyra und Laute wieder einpacken, kriechen erste Schatten über die sonnenwarmen Steine.

 Farbenrausch

Aufbruchsstimmung macht sich breit, das kleine Dorf scheint Luft zu holen. Auch die mit Videokameras, Fotoapparaten und Handys ausgerüsteten Touristen verlassen allmählich die Mauern, Treppen und "Logenplätze" auf den flachen Hausdächern. Zwei Stunden bleibt noch Zeit auf dem Bergbuckel, die der Meerseite zugewandten Dorfpfade zu durchstreifen. Dort ist der Farbenrausch auf einmal zu Ende.

Die Rückseiten der Würfelhäuser sind nur selten getüncht und passen sich mit unverfremdetem Naturstein dem kahlen Berg an. Bunte Farben hätten schon von weitem Seeräuber auf das Dörfchen aufmerksam gemacht. Immerhin war das langgestreckte Karpathos im Mittelalter ein Piratennest in der Ägäis. Welch ein Glück, dass die Insel unter dem Schutz des Gottes Poseidon stand…

Eine 80-jährige Frau freut sich, wenn sie Gästen ihr Haus zeigen darf. Vergilbte Fotografien von ihrem Mann, der in Deutschland gearbeitet hat, und dem in die USA ausgewanderten Sohn hängen an der Wand. Die Wohnung besteht wie in den meisten Olympos-Häusern aus einem liebevoll mit Krimskrams und Stickereien dekorierten Raum, den eine Mittelsäule trennt. Hinter verzierten Vorhängen steht ein Holzpodest mit Matratze und Decken, das "Schlafzimmer" der alten Frau.

In der Taverne unterhalb der Windmühlen kann man die Aussicht über die wildromantischen Gebirgstäler genießen, und dabei köstliche "pita" (Spinat- und Käsetaschen) probieren – bis die röhrende Bussirene zur Rückfahrt ruft. Geschickt lenkt der Fahrer seinen Oldtimer zwischen Felswand und Abhang in die richtige Position. Auf den staubigen Omnibus hat eine Kinderhand große Buchstaben gekritzelt: "Kalo Pasha stin Kárpatho." Frohe Ostern auf Karpathos.