Sein erstes Osterfest als Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich hätte sich Michael Chalupka sicher anders vorgestellt. Der 59-Jährige, der bis zur Amtseinführung am 1. September 2019 langjähriger Diakonie-Direktor war, hat vor dem heutigen Karfreitagsgottesdienst (9.30 Uhr live auf ORF 2) mit der "Wiener Zeitung" am Telefon über die Corona-Krise und ihre Folgen für seine Kirche gesprochen.

"Wiener Zeitung": Herr Bischof, wo sind Sie gerade?

Michael Chalupka: Im Moment bin ich im Evangelischen Zentrum und bereite den Karfreitagsgottesdienst vor. Aber es ist hier sehr leer, weil fast alle Mitarbeiter im Homeoffice sind. Und normalerweise bin ich das auch.

Schaffen Sie also die "körperliche Distanz und Nähe der Seelen", von denen Sie getwittert haben?

Ich denke, es geht mir so wie allen, dass man das durch möglichst viele Telefonate und Skype-Konferenzen auch im privaten Bereich aufrecht zu erhalten versucht. Mit meiner Mutter, die fast 90 ist, habe ich wahrscheinlich noch nie so viel geskypt wie jetzt.

Die Jungen haben Online-Livestreams, Blogs und Soziale Medien, um in Kontakt zu bleiben. Viele Ältere, die nicht einmal Internet haben, tun sich jetzt aber schwerer. Was kann die Kirche gegen die drohende Vereinsamung tun?

Es ist natürlich eine ganz, ganz schmerzliche Situation, gerade jetzt zu den Osterfeiertagen, wo der gemeinsame Gottesdienst, die gemeinsame Feier in der Kirche, in der Familie ganz zentral ist. Wir erleben, dass die Kirche jetzt besonders gefragt ist und gebraucht wird. Und dass diese Netzwerke auch halten. Gemeinden verteilen etwa den Ostergruß in Telefonketten an alle Gemeindemitglieder. Oder Kinder und Jugendliche, die bisher alle 14 Tage ein Diakonie-Pflegeheim besucht haben, schicken den alten Menschen dort jetzt Zeichnungen und Videos. Da entsteht ganz viel Kreativität, die aber natürlich die persönliche Begegnung nicht ersetzen kann. Die Kirche ist derzeit besonders in zwei Bereichen gefragt: in der Diakonie und in der Seelsorge. Das bedeutet Unterstützung für Menschen, die es jetzt besonders schwer haben, auch ökonomisch. Und in der Seelsorge sind die Pfarrerinnen und Pfarrer fast rund um die Uhr erreichbar, weil es schon eine Grunderfahrung gibt, dass man ihnen fast alles erzählen kann, dass die eigenen Ängste bei ihnen gut aufgehoben sind, weil sie der Verschwiegenheit verpflichtet sind.

Schlägt jetzt womöglich die große Stunde der Kirche? Oder geht doch viel kaputt durch die Einschränkungen?

Ich glaube weder das eine noch das andere. Es gibt so etwas wie eine spirituelle, aber auch eine gesellschaftliche Ressource gerade durch dieses Osterfest. Dass der Tod und das Leiden auch zum Leben gehören, verdrängen wir ja gerne und möchten wir nicht wahrhaben. Deswegen war ja für uns auch diese Karfreitagsregelung im Vorjahr so schmerzlich. Da ging es nicht um einen freien Tag, sondern um diesen Tag, an dem daran erinnert wird, dass das Leben unverfügbar ist und der Tod nicht abgeschafft werden kann. Und jetzt erleben wir alle so etwas wie einen großen Karfreitag, wo man nicht mehr daran erinnert werden muss, sondern wo das ständig präsent ist. Aber wir haben eben auch diese Ressource, dass auf den Tod die Auferstehung folgt und die Hoffnung darauf immer da ist. Hoffnung heißt ja nicht einfach nur Optimismus, sondern Hoffnung bedeutet, die Zukunft nicht der Verzweiflung zu überlassen. Ich denke, diese Ressource ist jetzt wieder deutlicher spürbar. Das merkt man auch in der Wortwahl nicht-kirchlicher Menschen.

Kann die evangelische Kirche etwas aus der Krise mitnehmen?

Es gab ja schon vorher eine Diskussion um die digitale Kirche. Sie hat bisher ein Schattendasein geführt, aber sie wird jetzt als Kommunikationsmittel entdeckt, da wird etwas bleiben. Martin Luther hätte sicher Twitter und Facebook genutzt, so wie er seinerzeit auf alle neuen Kommunikationskanäle gesetzt hat. Als durch und durch demokratisch verfasste Kirche mit vielen Gremien, die sich sehr oft treffen müssen, lernen wir jetzt sehr schnell, wie Videokonferenzen funktionieren. Ich denke, darauf wird man auch später zurückgreifen. Und diese Krise zeigt mir, dass unsere Gemeinschaft für viele, die sich ihr zugehörig fühlen, auch Kraft und Stärke beinhalten kann. Sie erleben, dass Gott sie auch im Leid nicht alleine lässt.

Tut sich die evangelische Kirche mit ihrer Tradition des Geheimprotestantismus in der Krise leichter als andere?

Wir müssen uns das zweite Jahr in Folge mit unserer Geschichte auseinandersetzen und erleben sie auch als Ressource oder Kraft. Im Vorjahr war es die Debatte um den Karfreitag. Das war ein Erinnerungszeichen an Diskriminierung, fehlende Bürgerrechte, Verfolgung in der Gegenreformation und deswegen so schmerzlich. Und heuer ist es so, dass wir als Kirche diese Zeiten, in denen sich die Evangelischen nicht in Kirchen versammeln konnten, ja erlebt haben. Das waren immerhin 180 Jahre. Und selbst Anfang des 20. Jahrhunderts waren die evangelischen Landkirchen oft schlecht erreichbar. Es gibt also noch dieses Bewusstsein, den Glauben auch im eigenen Haus, im Kreis der Familie feiern zu können. In der Gegenreformation waren sogenannte Hausgottesdienste üblich, da gab es Bibelschmuggler, die Martin Luthers Hauspostille verbreitet haben. Und ein typischer Ostersonntag hat so ausgesehen, dass man miteinander um den Tisch versammelt die Bibel gelesen hat, gesungen hat, gebetet hat, bevor sich die Familienmitglieder mit einzelnen Texten zurückgezogen haben. Das ist schon etwas, von dem wir jetzt zehren können.

Die Rolle der kleinen, fleißigen Systemerhalter, insbesondere der Frauen, wird jetzt öffentlich mehr gewürdigt. Das ist doch typisch evangelisch.

Martin Luther hat ja bei Beruf und Berufung nicht groß von irgendwelchen Professoren oder Dichtern gesprochen, sondern von ganz kleinen Berufen, die auch ihre Berufung haben. Ich finde wichtig, dass jetzt deutlich wird, dass zwei Gruppen Systemerhalter sind: Das sind mehrheitlich Frauen, und es ist ein überaus hoher Anteil von Bürgerinnen und Bürgern nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft. Ich finde, beides muss gewürdigt werden. Systemerhalter waren sie ja schon bisher, in diesen Berufen und in unbezahlter Hausarbeit, auch in ganz normalen Zeiten, wo wir eher die Banken als systemrelevant angesehen haben. Es muss eine deutliche Aufwertung für sie geben – und da darf es nicht beim Klatschen und Bedanken bleiben. Das muss sich auch gesellschaftlich zeigen in den Berufsbildern, in der Entlohnung.

Was halten Sie als ehemaliger Direktor der Diakonie von den Corona-Hilfen der Bundesregierung?

Grundsätzlich finde ich es sehr erfreulich, dass man auf Experten und die Wissenschaft hört und daher Maßnahmen gesetzt hat, die auch wirklich helfen. Wo man noch genauer hinschauen wird müssen, sind die Menschen ganz unten. Da gibt es die Forderung der Diakonie, die Ausgleichszulage auf 1000 Euro anzuheben, zumindest für die Zeit der Krise der nächsten sechs Monate, weil es wirklich darum geht, Armut zu verhindern. Denn die notwendigen Maßnahmen führen zu einer Gefährdung gerade der Ärmsten. Und wo man gesondert hinschauen muss, ist der Schutz der Pflegebedürftigen, auch in der Hauskrankenpflege. Und dann wird es auch Ethiker brauchen in Fragen der Abwägung. Man wird spezielle Modelle entwickeln müssen, um Einsamkeit entgegenzuwirken.

Sie sind jetzt seit sieben Monaten Bischof. Wie geht es Ihnen bisher?

Ich habe zu Beginn gesagt, dass ich genau hinhören will. Da habe ich schon sehr viel Schönes, Positives, Lebendiges in den Pfarrgemeinden gehört. Und wir haben zwei Prozesse gestartet, die mir wichtig sind: Beim einen geht es um eine zukunftsfähige Kirche, wo alle bestehenden Traditionen gleichberechtigt zu Wort kommen und auch alle sichtbar sind. Und wir wollen bei Mobilität, Gebäudebewirtschaftung, Veranstaltungen eine möglichst CO2-freie Kirche werden, weil Klimaschutz ein großes Thema ist. All das, was wir jetzt in der Corona-Krise lernen, werden wir auch in der Klima-Krise brauchen. Ich hoffe, die Gesellschaft geht dann nicht einfach zur Tagesordnung über und handelt genauso konsequent wie jetzt.

Wie wird der Kernsatz Ihrer Karfreitagspredigt lauten?

Auch wenn die Sonne sich verfinstert oder die Zeit stillzustehen scheint und Gott ganz ferne wirkt, so dürfen wir doch darauf vertrauen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Am Karfreitag leuchtet schon der Horizont der Auferstehung.