Das christliche Osterfest wird durch die Fastenzeit und die Osterzeit eingerahmt. Die Osterzeit beginnt mit dem Aschermittwoch und endet mit dem Pfingstfest. Die Lage von Aschermittwoch und Pfingsten im Kalender wird bestimmt durch das bewegliche Datum des Osterfestes, das am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond stattfindet - hier sind die jüdischen Wurzeln des Festes erkennbar: Im ersten nachchristlichen Jahrhundert wurde Ostern noch zum Zeitpunkt des jüdischen Pessach-Festes, das mit dem Frühlingsvollmond zusammenfällt, gefeiert; erst im zweiten Jahrhundert beginnt man, am Sonntag nach diesem jüdischen Festtag Ostern zu feiern.

Die Auferstehung bei Paulus

Wassilij Perow: Osterprozession (Сельский крестный ход на Пасхе), 1861 - © Wikimedia Commons
Wassilij Perow: Osterprozession (Сельский крестный ход на Пасхе), 1861 - © Wikimedia Commons

Im Gegensatz dazu sind die ältesten biblischen Aussagen über diese Ereignisse sehr knapp gehalten. In den Briefen des Apostels Paulus, welche die ältesten Schriften des Neuen Testaments sind, finden sich die ersten Erwähnungen von Ostern. Kurz und bündig fasst dieser im Römerbrief die Ereignisse zusammen, die dem Osterfest zugrunde liegen (8,34b): "Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt." Auch im ersten Korintherbrief (15,1-3) betont Paulus diesen Kern der christlichen Botschaft, die Nachricht von Tod und Auferstehung Jesu.

Mit wachsendem zeitlichem Abstand zum Ursprung werden die Berichte länger, man erzählt sich ausführlicher, was zu Ostern geschehen ist. Die Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas, die vom Tod Jesu am Pesach-Fest und seiner Auferstehung am dritten Tag berichten, enthalten viele gemeinsame Überlieferungen, das Johannesevangelium, das den Tod Jesu am Rüsttag zum Pesach-Fest datiert, bietet darüber hinaus traditionelles Sondergut. Doch gerade bei den Ostererzählungen besteht ein entscheidender Unterschied: Das Markusevangelium - es ist das älteste Evangelium und wird um 70 n. Chr. datiert - endete ursprünglich mit der Erzählung von den drei Frauen, die am Ostermorgen zum Grab Jesu kommen und dort dem Engel begegnen, der ihnen die Auferstehung Jesu verkündet und sie beauftragt, diese Botschaft weiterzutragen. Die Frauen seien voller Furcht vom Grab weggegangen und hätten niemandem etwas davon erzählt.

Das Matthäus- und das Lukasevangelium berichten von Begegnungen des Auferstandenen mit den Jüngern - besonders schön ist die Begegnung des Auferstandenen mit den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, wie sie Lukas überliefert. Ein vergleichbarer Bericht über eine Begegnung des Auferstandenen mit seinen Jüngern wurde wohl im zweiten Jahrhundert auch an das Markusevangelium angehängt. Das etwas jüngere Johannesevangelium - es wird meist auf das letzte Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts datiert - berichtet ebenfalls ausführlich von Erscheinungen des Auferstandenen. So verdanken wir ihm die Erzählung von dem sprichwörtlichen ungläubigen Thomas, der zuerst die Finger in die Wunden Jesu legen möchte, bevor er glaubt. Auch die Begegnung des Auferstandenen mit Maria Magdalena findet sich in diesem Evangelium.

Diese vier Evangelien sind unbestritten die ältesten Evangelien, und nur diese sind in die für Christen verbindliche Sammlung der Bücher aufgenommen worden, die man heute als das Neue Testament bezeichnet. In späterer Zeit, etwa ab dem zweiten Jahrhundert, entstand eine Vielzahl anderer Evangelien, die teilweise über mehrere Jahrhunderte hinweg mit Interesse, Begeisterung oder auch Skepsis gelesen wurden.

Diese Texte werden meist als die Apokryphen des Neuen Testaments bezeichnet. Der dem Griechischen entlehnte Begriff bedeutet "geheim", "verborgen" und wurde meist von Vertretern der Kirche verwendet, um zum Ausdruck zu bringen, dass es sich dabei eben nicht um die offizielle Überlieferung der Kirche handelt.
Über das Evangelium, das unter dem Namen des Apostelfürsten Petrus überliefert wurde, berichtet der Kirchenhistoriker Euseb Anfang des vierten Jahrhunderts, dass Bischof Serapion von Antiochia es um 200 n. Chr. in einer zu seiner Diözese gehörigen Gemeinde vorfand. Der Kirchenmann ließ die Gemeinde ihr Petrusevangelium erst einmal weiterverwenden, prüfte den Text gründlich und beschloss dann, dieses Evangelium zu verbieten, weil es nicht in allem mit der Lehre der Kirche übereinstimmte. Lange Zeit war außer der Nachricht, dass ein derartiges Evangelium einmal existierte, wenig bekannt. Im Winter des Jahres 1886/87 fand man im Grab eines Mönches im oberägyptischen Akhmim eine griechische Handschrift aus dem 8. Jahrhundert, die Teile dieses Werkes überliefert, darunter auch den Bericht über die Auferstehung Jesu.

Sehr schön zeigt ein Vergleich des Petrusevangeliums mit dem Matthäusevangelium, was die Entstehung dieser apokryphen Texte entscheidend beeinflusst hat: der Wissensdurst der Christen bei der Frage, wie denn die Auferstehung Jesu genau geschehen sei. Nach dem Matthäusevangelium ereignet sich am Ostermorgen - das ist gleichzeitig der erste Tag einer neuen Woche - ein Erdbeben. Der Stein, der vor dem Grab Jesu liegt, wird von einem plötzlich erschienenen Engel weggewälzt, und die Wachen am Grab fallen vor Schreck in Ohnmacht (Mt 28,1-4).

Im Bericht des Petrusevangeliums findet sich keine Erwähnung des Erdbebens. Eine Akzentverschiebung führt dazu, dass die Ereignisse viel detaillierter berichtet werden können: Die Wächter fallen nicht in Ohnmacht, und werden dadurch zu Augenzeugen der Ereignisse: Ein großer Lärm in der Höhe erregt die Aufmerksamkeit der römischen Wächter. Sie sehen den Himmel offen, zwei Männer, die hell leuchten, steigen herab und treten zum Grab. Der Stein, der vor dem Grab liegt, rollt von selbst weg, und die beiden Männer treten in das offene Grab. Die von den Ereignissen etwas überforderten Wächter tun das, was man als Untergebener in einer solchen Situation macht: man informiert den Vorgesetzten. Und während sie noch von den Ereignissen berichten, sehen sie nun drei Männer aus dem Grabe heraustreten, zwei stützen den dritten. Und das Kreuz folgt ihnen. Die zwei reichen bis zum Himmel hinan, der dritte jedoch überragt sogar noch die beiden anderen, sein Haupt ragt über den Himmel hinaus. Von oben ertönt nun eine Stimme, die fragt, ob er den Entschlafenen gepredigt habe. Vom Kreuz ertönt die bejahende Antwort. Die Wächter und Ältesten überlegen, das Erlebte dem Pilatus zu melden. Da kommt eine weitere Person vom Himmel herab und geht in das Grab hinein. Pilatus streitet noch einmal alle Schuld an den Ereignissen ab, die zum Tod Jesu geführt hatten, und befiehlt dem Hauptmann und seinen Soldaten, über das Gesehene Stillschweigen zu bewahren.

Sehr gut erkennt man im Vergleich mit dem Matthäusevangelium, wie das spätere Petrusevangelium den Bericht ausschmückt und gerade über jene Ereignisse Informationen liefert, zu denen keine Nachrichten aus den biblischen Evangelien existieren. Die Person, die nach der Auferstehung Jesu in das Grab hineingeht, ist übrigens der Engel, den Maria Magdalena nach den Berichten der biblischen Evangelien erblickt.

Das Thomasevangelium

Das bekannteste dieser "verbotenen Evangelien" ist sicherlich das Thomasevangelium. Von diesem kannte man lange Zeit nur den Namen, erst 1945 wurde in der Nähe des oberägyptischen Dorfes Nag Hammadi ein derartiger Text gefunden. Am Ende des Textes ist vermerkt, dass er das "Evangelium nach Thomas" sei, es handelt sich jedoch nicht im eigentlichen Sinn um ein Evangelium, sondern vielmehr um einzelne Sprüche Jesu und kurze Dialoge mit seinen Jüngern; Kreuzigung, Tod und Auferstehung Jesu kommen in diesem Evangelium nicht vor.

Auffällig ist, dass in etlichen apokryphen Texten eine Konkurrenz zwischen Maria Magdalena und den Aposteln zu spüren ist. Dies könnte mit ihrer besonderen Rolle als erster Zeugin des Auferstandenen zusammenhängen, einer Rolle, die ihr auch im Rahmen der biblischen Erzählungen über die Auferstehung Jesu zuerkannt wird.

So vielfältig und unterschiedlich der Charakter der einzelnen Texte ist, so unterschiedlich ist letztlich auch der Umgang mit ihnen. Während viele Texte aufgrund kirchlicher Verurteilung verschollen sind und andere nur durch zufällige Handschriftenfunde bekannt wurden, haben manche Texte die bildende Kunst und die Literatur geprägt. Der Roman "Quo vadis" von Henryk Sienkiewicz hätte ohne die apokryphen Petrusakten, die von der Begegnung des Apostels mit dem Auferstandenen berichten, wohl nie in dieser Form entstehen können. Ebenso wäre die Kunstgeschichte ohne das "Evangelium des Jakobus" um die Darstellung der Geburt Jesu in einer Höhle ärmer.

Festzuhalten bleibt: Die Texte sind letztlich zu vielschichtig und zu unterschiedlich, als dass man sie pauschal beurteilen oder bewerten könnte. Sie sind Zeugnisse verschiedener volkstümlicher Überlieferungen vor allem über jene Passagen aus dem Leben Jesu, über welche die biblischen Texte schweigen oder nur spärliche Berichte überliefern - über seine Kindheit und Jugend, die Geschehnisse der Auferstehung und auch die Gespräche Jesu mit seinen Jüngern nach der Auferstehung.