Stinatz. Im südburgenländischen Stinatz (Bezirk Güssing) wird seit Jahrzehnten ein uraltes Brauchtum gepflegt - das Ostereierkratzen. Derzeit widmen sich fünf Damen dieser Kunst. Eine von ihnen ist Erika Stipsits. Sie kratzt seit mehr als 40 Jahren Blumen, Herzen und Ornamente in färbige Ostereier - und zwar aus Überzeugung und nicht um Geld zu machen, wie sie der APA erzählte.

Erika Stipsits hat ein Repertoire von über 200 Mustern. Gekratzt werden Wachtel-, Hühner-, Gänse-, Enten- und Straußeneier. Ihre Technik - auch was das "Ausblasen" der Eier betrifft - ist seit Jahren die selbe, nämlich ein "ausgeklügeltes System", wie sie sagt. Die Eier werden mit einem Kompressor, den sie sich zurecht gemacht hat, ausgeblasen. Der Inhalt geht an Privatpersonen zum Backen oder Nudeln machen und an die Feuerwehr für ein großes Eierspeis-Essen.

Auch große Eier

Sind die Eier leer, werden sie gefärbt, in ein Handtuch gehüllt und dann mit ruhiger Hand verziert. Mit einem Stahlmesser wird das Muster - das können auch Firmenlogos oder Comics sein - dann von den Eiern abgekratzt - und zwar mit freier Hand und ohne Vorlage. "Der Trend geht hin zu den großen Eiern. Gänse- und Straußeneier mit traditionellem Muster sind sehr bliebt."

Sowohl bei der Herstellung als auch beim "Vertrieb" setzt Frau Stipsits auf Individualität statt Massenware. "Bei mir gibt es keine Großbestellungen", sagt die Südburgenländerin. Die Nachfrage sei zwar da, aber ihr gehe es um die persönliche Bindung. "Meine Kunden sind einfach so gerne hier im Haus bei mir. Alles ist dekoriert, auch der Vorgarten. Manche kommen auch nur, um zu schauen", erzählt sie. "Ich mache das nicht, um das große Geld damit zu verdienen. Ich mache das aus Überzeugung und aus Tradition."

Heuer ist es etwas stressiger als sonst. Den kurzen Fasching und damit auch die kurze Vorlaufzeit bis Ostern spürt sie. "Ich habe Anfang Jänner mit der heurigen Produktion gestartet, weil die Nachfrage immer größer wird und auch weil Ostern so früh ist."

Ganz abschalten kann sie aber sowohl vor als auch nach Ostern nicht. Unter dem Jahr werden Materialien gekauft - etwa die Schnüre, mit denen die verzierten Ostereier dann aufgehängt werden, oder auch die Gänseeier. "Die muss ich schon ein Jahr vorher bestellen." Und weil sie noch in Fahrt sei, "die Hand noch gut geht und die Lust noch da ist", kratzt sie auch noch etwa zwei Wochen nach Ostern. Ganz abschalten könne sie nie.

Heuer hat die Südburgenländerin etwa 200 Leute zu Besuch. Drei Pensionistenvereine kommen mit dem Bus. Den Besuchern zeigt sie - in kleinen Gruppen in ihrer Küche, in großen im Keller - ihr Handwerk und erzählt dazu.

Überliefertes Brauchtum

Auch in den umliegenden Schulen oder im Kindergarten erzählt sie über das Brauchtum des Ostereierkratzens. Wirklich aktiven Nachwuchs gibt es allerdings nicht. "Meine Enkeltöchter probieren schon, die sind aber erst vier und sechs Jahre alt. Ob sie das später auch noch machen wollen, kann man jetzt noch nicht sagen. Aber ich denke, sie haben eher Interesse daran, weil sie damit aufwachsen."

Die Preise für ein gekratztes Osterei liegen bei Frau Stipsits zwischen 1,50 Euro und 3,50 Euro. Für ein aufwendiges Ei mit Goldbordüre verziert und mit Acrylfarbe gestrichen verlangt sie 4,50 Euro. Das teuerste aber zugleich größte Kunstwerk ist ein gekratztes Straußenei zum Preis von 30 Euro.