50.000 Kreuze gegen die russischen Besatzer

Ansonsten konzentrieren sich Kreuze in Friedhöfen, Wallfahrtsorten und Kalvarienbergen. Die bekannteste Ansammlung findet sich - mit etwa 50.000 Stück - auf einem Hügel an der Straße nach Riga in Litauen (iauliai) und wurde im 20. Jahrhundert Wallfahrtsort des politischen Widerstands gegen die Sowjetunion. Die Besatzermacht versuchte von 1959 bis in die 1970er Jahre mit Bulldozern und Bränden, diesen Ort bester Volkskunsttradition zu zerstören.

Die religiösen Symbole haben sich hier stark verdichtet, nachdem tausende im Gulag vermisste Personen bis zur Unabhängigkeit 1991 Kreuze gesetzt bekamen. Papst Johannes Paul II. regte 1993 während einer Messe ein Kloster an, das es seit dem Jahr 2000 gibt. Der "Berg der Kreuze" ist von starker politischer Wirkung, aber freilich auch von kitschigen Motiven mitbestimmt.

Aktionismus vermischt Bluttaufe mit Kreuzigung

Kitschig sind auch die im Symbolismus beliebten nackten Märtyrerinnen am Kreuz, deren Vorläuferin die heilige Kümmernis, eine bärtige frühchristliche Heilige mit keltischen Ursprüngen, ist. In der Fotografie kehrt diese Gekreuzigte bei František Drtikol wieder, in der feministischen Avantgarde von Hannah Wilke, Bettina Reims und Francesca Woodman voller Ironie.

Auch unter solchen Bedingungen kann die Inszenierung in Christuspose stattfinden. Jesus Christ Superstar und die Pop-Art haben Tabus in der Kunst vorübergehend fallen lassen. Daran beteiligt waren Aktionisten und Fluxuskünstler wie Hermann Nitsch und Joseph Beuys. Nitschs Orgien-Mysterien-Theater bringt mit Kreuzaufrichtung und Bluttaufe den antiken Dionysoskult und das Christentum in Einklang; Beuys verfolgt das christliche Zeichen zurück bis in die Prähistorie, sein "Braunkreuz" ziert viele Werke wie ein Stempel und nimmt die ältere griechische Kreuzform mit gleich langen Balken auf. Die waagrechte (irdische) und die senkrechte (himmlische) Achse veranschaulichen den Austausch zwischen Leben und Tod, weiblich und männlich, Materie und Geist im Zyklus der Jahreszeiten; das Kreuz und die kretische Doppel-Kult-Axt (Labrys) sind verwandte Symbole.

Die älteste Darstellung ist das rote Kreuz, das Steinzeitmenschen in der Höhle von Chauvet neben Tiere gemalt haben. In Kombination mit dem Pferd ist das Kreuz auf keltischen Münzen zu finden: Als Auferstehungssymbol fliegt es vor dem Maul im Atem des im Kosmos schwebenden Tieres. Das Kreuz als Auferstehungssymbol vor dem christlichen Märtyrerkult kann man auch im alten Ägypten finden: Dort hält Hathor, die Göttin des Westens, dem toten Pharao Amenophis II. ein Henkelkreuz in seinem Grab zur Wiederbelebung vor die Nase. Die verfolgten Kopten verbinden Letzteres bis heute mit dem lateinischen Kreuz zu ihrem christlichen Sinnbild.