Das Beispiel Tunesien lässt erkennen: Die arabische Jugend sitzt zwischen den Stühlen

"ICH ...", aufgesprayt auf eine Mauer in Tunis. Ein wortkarges, schweigendes, leidendes Männchen: Ist das der aktuelle Spiegel der arabischen Jugend? Für den Moment, an dem es vielleicht sein Schweigen brechen sollte, hat Europa jedenfalls schon jetzt zufriedenstellende Antworten und Ideen vorzubereiten.
"ICH ...", aufgesprayt auf eine Mauer in Tunis. Ein wortkarges, schweigendes, leidendes Männchen: Ist das der aktuelle Spiegel der arabischen Jugend? Für den Moment, an dem es vielleicht sein Schweigen brechen sollte, hat Europa jedenfalls schon jetzt zufriedenstellende Antworten und Ideen vorzubereiten.

Paris? Oder eher doch afrikanische Metropole? Wer in Tunis im Straßencafé die Muße hat all die Vorbeigehenden zu beobachten, könnte für kurze Momente meinen, er hätte in einer Seitenstraße der Champs-Élysées Platz genommen. Neben dem Kleidungsstil der Passanten ist es auch Stil des Straßenzuges, der Architektur, der Speisekarte und von noch so erstaunlich vielem mehr, welches allesamt nur eine Sprache, nämlich Französisch, spricht. So auch die Entwicklung der Literatur in dieser seit 1956 unabhängigen nordafrikanischen Nation: sie entwickelte sich nicht nur in der eigentlichen Sprache des Landes, Arabisch, sondern gleichauf in der Sprache des ehemaligen Kolonialherren, in Französisch. Dies ist klar erkennbar während einer Stippvisite in einem zentrumsnahen Buchladen. Die sich darin findende Auswahl stammt aus zwei und noch mehr Welten, selbst ein religionskritisches Buch mischt ganz neu mit, dieses dann ausnahmsweise in Englisch.

Tunis nahm Einfluss auf das europäische Festland

Zwei Welten, nur 140 Kilometer voneinander getrennt. Das und nicht mehr ist Tunesiens geographische Distanz zum europäischen Festland. Diese Nähe mag erklären, weshalb die untergegangene Metropole, auf der die Hauptstadt des Landes Tunis gebaut wurde, früher so maßgeblich an Entwicklungen im gesamten europäischen Kontinent beizutragen wusste.

Karthago, das ist die geschichtliche Legende, die Rom einmal fast ihren Rang ablief. Irgendwann im Kalender der letzten zweitausend Jahre war Karthago der Ort, wo arianische christliche Ideen gedeihten, irgendwann startete Hannibal von hier aus zu seiner legendären Alpenüberquerung mit seinen außergewöhnlich dickhäutigen Elefanten, irgendwann erfolgte der Einfall des germanischen Volkes der Vandalen.

So viel Geschichte, die selbst auf Gesellschaften fernab von Karthago prägenden Einfluss nahm. So ganz vorbei geht diese Geschichte der jungen tunesischen Generation von heute wohl nicht: "Vandalz", genau so heißt die Gang, die sich Graffiti sprühend an Tunis' Mauern verewigt - und mit manchen Motiven eine intelligente Abwechslung zu eingeritzten Hakenkreuzen in Zugwaggons bildet.

Sitzt die tunesische Jugend schweigend zwischen den Stühlen?

Sitzt die tunesische Jugend schweigend zwischen den Stühlen? Zumindest sitzen tun sie, ja, nach den lauten Protesten von 2011. Doch zu einem Thema artikulieren sich stellvertretend zu den vielen tausend Universitätsabsolventen einige junge Tunesier ziemlich hörbar: zum Thema Frankreich, die ehemalige Protektoratsmacht. Ein Stück als unangenehm erlebte (und eigentlich vergangen geglaubte) Erinnerung, die ob der charmant wirkenden Ähnlichkeit zu Paris in den Köpfen einiger Bewohner von Tunis wieder hochkommt, immer noch unvergessen weiterlebt.