• vom 30.05.2008, 14:36 Uhr

Platten der 60er/70er Jahre

Update: 11.08.2016, 15:44 Uhr

1968

Zwischen Liebe und Hoffnung




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Von Bernhard Torsch

  • Der Soundtrack zur Revolte 1968 hat in der Pop- und Rockmusik seine Spuren hinterlassen.

Flower Power und Polit-Rock: 1968.Christian Berger

Flower Power und Polit-Rock: 1968.Christian Berger Flower Power und Polit-Rock: 1968.Christian Berger

Mögen Berufenere all die Nachrufe, Lobreden, Gegenreden und Grabreden halten - hier geht es nur um die Musik. Welche Platten waren der Soundtrack zur Revolte, welche Musik hat heute noch Bestand?

The Rolling Stones: "Beggars Banquet". Schon das Cover mit dem grindigen, grafittiübersähten Klo ist eine Provokation, ein Stinkefinger in Richtung Bürgertum und Hochkultur. Und wenn dann das Percussionintro die grandiose Satanistenhymne "Sympathy For The Devil" einleitet wird endgültig klar: Hier sind ganz böse Jungs am Werk, die mit den Hells Angels auf Du und Du stehen und Schnaps zum Frühstück trinken. Dieses Badboy-Image sollte zumindest verkauft werden, und das gelingt den Stones auf dieser Platte wie auf keiner anderen. Hier ist alles dreckig und rau und versifft, gnadenlos hart und nahe am Blues. Aber selbst der Song "Street Fighting Man", den man bei so gut wie jeder Dokumentation über die Unruhen von 1968 zu hören kriegt, deutet schon an, dass die Musikanten - bereits damals Millionäre - mit dem Chaos nur kokettierten und keinesfalls eine echte Revolution wollten, denn am Ende des Tages kann - sprich: will - man halt doch nix anderes sein als ein gut verdienender Rockstar ("But what can a poor boy do / except to sing for a RocknRoll band?")


The Beatles: "The Beatles" (Weißes Album). Auch das Konkurrenzunternehmen der Stones ließ es sich nicht nehmen, direkt zum gesellschaftspolitischen Hexenkessel von 1968 Stellung zu nehmen. Hieß es auf der Singleauskoppelung des an sich höchst intelligenten Songs "Revolution" noch "But if you talk about destruction, dont you know that you can count me out?", so wurde auf der Studioversion dem "out" ein "in" hinzugefügt, um beim gewaltgeilen Teil der Revoluzzer punkten zu können. Ansonsten ist dieses Doppelalbum bis auf wenige Ausnahmen ("Obla di obla da" - meine Güte, was hat sich McCartney dabei gedacht??, oder Lennons pseudoavantgardistisches "Revolution Nr. 9" als "Kunststudentenbullshit" -, unerträglich!) ein atemberaubender Stilmix und sowohl vom Songwriting als auch von der Produktion her absolut richtungsweisend, ja bis heute prägend für die Pop- und Rockmusik.

The Kinks: "The Village Green Preservation Society". Ray Davies und seine Jungs schwimmen auch 1968 gegen den Strom: Sie propagieren keinen revolutionären Umsturz, sondern beklagen die aus ihrer Sicht weniger erfreulichen Aspekte der Modernisierung und singen ein Loblied auf das vermeintlich einfache Leben auf dem Lande. Dennoch beweist Bandleader Davies, dass er mehr Weitsicht hat als die meisten seiner Kollegen, denn nicht nur sollten viele Leute, die 1968 Steine und Molotow-Cocktails geworfen hatten, wenig später ganz real das tun, was die Kinks noch ironisierend als Ideal verkauft hatten (nämlich aufs Land ziehen und in bäuerlichen Strukturen das Glück suchen), Davies ahnt auch schon, was aus den meisten Maulhelden jenes Jahres werden würde, wie er es im Lied "Do you remember, Walter?" so treffend ausdrückt: "I bet youre fat and married and youre always home in bed by half-past eight / and if I talked about the old times youd get bored and youd have nothing more to say".

Jimmy Hendrix: "Electric Ladyland". Eine in der Tat völlig elektrisierende und begeisternde Großleistung des wohl besten Gitarristen, den die Rockwelt jemals sah: Dieser atemberaubende Mix aus Rock, Blues, Funk und Jazz ist heute noch ebenso sexy wie im Entstehungsjahr und hat der Welt mit "Crosstown Traffic", vor allem aber mit Hendrix Version von Bob Dylans "All Along The Watchtower" einen Score geliefert, der sich noch immer zur musikalischen Untermalung juveniler Unzufriedenheit und Angst eignet.

The Doors: "Waiting For The Sun". Passend zum mit umstürzlerischen Gedanken vollgepackten Erscheinungsjahr ist dies ein textlich sehr aggressives Werk von Jim Morrison & Co. Wie den in Buchform erschienenen Erinnerungen ehemaliger Mitglieder der "Roten Armee Fraktion" zu entnehmen ist, war der Song "Five To One" eines der Lieblingslieder von Andreas Baader und Gudrun Ensslin, was bei Sichtung der Lyrics nicht verwundert: "The old get old / and the young get stronger / may take a week / and it may take longer / they got the guns but we got the numbers / gonna win, yeah, were takin over".

The Byrds: "The Notorious Byrd Brothers". Auf ein Trio geschrumpft (der Abgang im Streit von David Crosby wird auf dem Cover dadurch symbolisiert, dass dessen Gesicht durch einen Pferdekopf ersetzt wird), liefen die Byrds hier noch einmal zu einer Hochform auf, die von den meisten Kritikern, die das rustikale Werk "Sweetheart Of The Rodeo" vorziehen, bestritten wird; dennoch ist "The Notorius Byrd Brothers" die eindeutig bessere, aufregendere Platte. Dermaßen experimentell waren die Byrds nie wieder, und nur wenige andere Produktionen aus dem selben Jahr können in Sachen "vertontes Hippietum" mithalten.

The Band: "Music from Big Pink". Die langjährige Live-Begleitband von Bob Dylan zeigt hier, dass sie nicht nur fantastisch rocken kann, sondern auch vom Songwriting her zum Besten gehört, was Amerika zu bieten hat (man höre sich den Gottsong "The Weight" an!). Dieses Album ist vor allem "Musicians Music", wurde also von Musikern mehr geliebt als vom Publikum. Aber nur kurz, denn schon bald sollte "The Band" mit ihrer unnachahmlichen Mischung aus Rock, Americana und Folkblues voll den Geschmack eines Publikums treffen, das keine Steine mehr werfen, sondern sich als Biobauern betätigen wollte. Abgesehen davon war "The Band" eine der besten, wenn nicht sogar die beste Liveband, die es je gab.

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1968

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Dokument erstellt am 2008-05-30 14:36:54
Letzte Änderung am 2016-08-11 15:44:25

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