Der Drang, in Abgründe zu blicken - ob nun auf einem "Schmäh" oder realen Tatsachen beruhend - scheint ein immanenter Bestandteil des Menschen zu sein, der bis heute ungebrochen ist. Gestillt wird diese Sehnsucht durch Horrorfilme, verschärften Versionen von Geisterbahnen und sogenannten "Horror Houses". In Letzteren werden teilweise tatsächliche Foltermethoden angewandt, die man in einem anderen Kontext niemals zulassen würde.

Als brutalstes seiner Art gilt das McKamey-Horrorhaus in San Diego: Dort werden die Besucher durch einen stundenlangen Echtzeithorrorfilm gejagt, in Blut getränkt, unter Wasser gehalten oder in einen Käfig mit lebendigen Schlangen gesperrt. Das Heikle daran: Wie in anderen "Haunted Houses" sonst üblich, gibt es in diesem kein Codewort, mit dem man den Schrecken beenden kann. Hier entscheiden die Folterknechte, wann Schluss ist.

Auch damals schon hatte Hermann Präuscher kreativ zu sein, um das abgehärtete Publikum auf Trab zu halten, wie ein Artikel des "Neuen Wiener Tagesblatts" vom 29. April 1872 zeigt, in dem es über ihn und sein Panopticum heißt: "Die größte Sehenswürdigkeit desselben wird jedoch nicht für Geld gezeigt, und diese ist der Herr selbst, der bekannte ehemalige Löwenbändiger Hermann. Er dürfte den Wienern bekannt sein, aber was nicht jeder weiß, ist eine eigentümliche, ihn jetzt beherrschende Marotte. Hermann kauft mit einer unbegreiflichen Leidenschaft Menschenhäute noch lebender Personen. Der gewöhnliche Preis ist zehn Gulden, doch soll er für eine besonders gute Haut sogar hundert Gulden gezahlt haben. Zehn Perzent des Kaufpreises werden sofort erlegt und noch soforter vertrunken, und das scheint die Hauptsache zu sein."

Seinen Körper nicht der Wissenschaft, sondern dem Präuscher anvertrauen? Kaldy-Karo schüttelt den Kopf: "Das kann man eigentlich als eine ‚Urban Legend‘ bezeichnen bzw. einen Werbegag. Wie diese Legende entstanden ist, könnte mehrere Ursachen haben: Womöglich sind gewisse Gerüchte aufgetaucht, als er die Mumie von Miss Pastrana ausgestellt hat, und er hat quasi den Spieß umgedreht und die Nachrednerei für sich genutzt. Er könnte das Gerücht aber auch selbst in die Welt gesetzt haben. Fakt ist, dass niemals festgestellt wurde, dass eine seiner Figuren mit Menschenhaut überzogen war."

Politisierte Unterhaltung

Lehrreiches stand bei Präuscher neben Kuriosem, Tatsachen neben Flunkereien, Historisches neben Unterhaltsamen, die Schuhe des isländischen Riesen Johann Petursson neben der Totenmaske Napoleons. Die Kuriositätenshow wurde im Ausstellungsführer teils pädagogisch aufbereitet und die jeweiligen Artefakte kontextualisiert. "Des Wieners Stolz ist sein Prater! Präuscher’s Stolz ist seine Praterhütte!", steht noch im "Illustrierten Wiener Extrablatt" vom
5. Mai 1889 zu lesen, doch gut 20 Jahre später schienen sich die Dinge geändert zu haben. Das hatte auch mit Hermann Präuschers Tod 1896 zu tun und damit, dass seine Erben das Panopticum weiterführten. In Zeitungsanzeigen ließen sie zwar noch drucken: "Der Name Präuscher bietet die Garantie, dass nur wirklich Vollkommenes und Sensationelles ausgestellt wird." Felix Salten schreibt in seinem 1911 erschienen Buch "Wurstelprater" aber bereits kritisch über das Panopticum: "Das Licht des verdämmernden Nachmittags fällt in den weiten Raum auf all die Figuren, die mit starren, toten Gebärden dastehen in verschlissener schäbig gewordener Pracht. Es ist, als wären schon hundert Jahre vorbei, und alles, was die Welt bewegte, stände hier wie morsches Gerümpel in einer Scheuer beisammen - Bismarck und Moltke und Richard Wagner und Munkacsy und Hugo Schenk" - allesamt berühmte historische Persönlichkeiten, denen man "begegnen" konnte, doch manchmal sah man vielleicht mehr, als man wollte: 1919 brachen Unbekannte ins Panopticum ein und stahlen sämtliche Kleidungsstücke von Johann Strauss sowie von den Politikern Karl Lueger und Franz Schuhmeier.

Politisch sollte es auch in "Präuschers Menschenmuseum" werden, wie es ab den 1920ern hieß: Im Museumsführer von 1940/41 ist plötzlich von "Abstammung und Rassenkunde des Menschen" sowie "Rassen- und Völkerkunde" zu lesen: Punkte, die zu Zeiten Hermann Präuschers keinen Platz darin gefunden hatten.

Opfer der Flammen

Im April 1945 wurde Präuschers Panopticum mit dem großen Praterbrand vernichtet und nur wenige Figuren konnten gerettet werden. Rosl Frankfurt (1899-1985), einer Enkelin von Hermann Präuscher, war es gelungen, einen kleinen Teil der Objekte aus den Flammen zu sichern. Sie führte das Panopticum weiter und wird in der ersten August-Ausgabe 1959 der wöchentlich erschienen Frauenzeitschrift "Samstag" zitiert: "Wir wollen den Leuten nicht nur Kuriositäten zeigen, sondern auch etwas fürs Gehirnkastl." Sie fügt hinzu: "Wenn ein Betrunkener ins Museum hereinkommt, zeige ich ihm als Erstes die Säuferleber. Das soll ihn abschrecken, weiterzutrinken. Und glauben Sie mir, das hat schon bei manchem geholfen."

Doch bald mussten auch jene Objekte, die den Angriff überstanden hatten, aufgrund von Geldnöten verkauft werden. Acht Wachsfiguren und 68 Vitrinen mit anatomischen Wachsnachbildungen wurden 1956 im Dorotheum versteigert. Die gesamte Sammlung wurde angeblich von der Antiquitätenhändlerin Heintschel-Heinegg und der Künstlerin Elisabeth Wong für 3000 Schilling erworben. Die beiden hatten Präuschers Hinterlassenschaft später an verschiedene Klienten weiterverkauft. Die Stücke wurden in alle Himmelsrichtungen zerstreut, nur ein paar wenige können bis heute sichergestellt werden: darunter ein anatomisches Präparat im Technischen Museum Wien und ein Indianerkopf aus Wachs in der Kunstkammer Georg Laue in München.