Doch damit war es mit dem Panopticum noch nicht ganz vorbei: Das Nachfolgeetablissement war ein Sexmuseum, das von einem Herrn Schwingsmehl geführt wurde: schmuddliger und weniger pädagogisch, dafür aber auch nicht so schockierend wie Präuschers ehemaliger Tempel der Absonderlichkeiten. Nur ein Präparat schaffte es noch, in Präuscher’scher Tradition zu gruseln, wie ein Artikel von Heino Seitler vom 30. Oktober 1958 in "Der Komet" beschreibt. Demzufolge wurde auf einem Dachboden in Wien eine Wachsfigur deponiert und fortan nicht weiter beachtet, bis eine ältere Dame zufällig darauf stieß und einen fürchterlichen Schock erlitt. Sie rief die Polizei: Leichenfund! Ihre Bestürzung wich erst, als die Polizei den Sachverhalt aufklärte.

Hermann Präuscher hingegen ruht bereits seit 1896 wohlig unter der Erde, nachdem ein feierlich-repräsentatives Begräbnis abgehalten worden war. 1963 erwies ihm die Stadt Wien eine späte Ehre, und der Präuscherplatz im Prater wurde nach ihm benannt. Das Sexmuseum schloss Ende der 1990er Jahre endgültig seine Pforten, was allerdings nicht heißt, dass der Trieb des Menschen, bizarre bis erschreckende Phänomene zu sehen, erloschen ist. Ganz im Gegenteil sind diese heutzutage ins Unterhaltungsfernsehen vorgerückt, und das Internet ist eine nie enden wollende Freakshow ohne moralische Bindungen. Aber auch in "Bildungszirkeln" ist jene voyeuristische Neugier allgegenwärtig, so etwa in Gunther von Hagens Ausstellung "Körperwelten", in der menschliche Präparate und ganze Leichen präsentiert werden. Die internationale Wanderausstellung konnte bereits zig Millionen Besucher für sich gewinnen. So unwahrscheinlich es auch ist, dass man seine Haut an Präuscher spenden konnte, so sicher ist es, dass man seinen Körper von Hagens Ausstellung vermachen kann. Doch es gibt eine Gemeinsamkeit von Präuschers Panopticum und den "Körperwelten": Beide sollten laut ihren Erschaffern keinen sensationslüsternen Zweck erfüllen, sondern "zur Selbsterkenntnis des Menschen" beitragen.


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