• vom 10.02.2016, 15:37 Uhr

Pratergeschichten

Update: 31.03.2016, 13:25 Uhr

250 Jahre Prater

Gruseln im Panopticum




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Von Clemens Marschall

  • Der Prater feiert 2016 seinen 250. Geburtstag: "Unbekannte Pratergschicht’n" Teil III.

Wien. "Früher hat man über auffällige, exzentrische Menschen gesagt: ‚Der gehört ins Panopticum!‘ - das war eine geflügelte Redensart", sagt Robert Kaldy-Karo, während er sich durch eine Archivkiste wühlt, auf der vorne groß "Präuschers Panopticum" steht. Wir befinden uns im Wiener Circus- und Clownmuseum, einem Hort von Praterobskuritäten, und begeben uns mit Kaldy-Karo, dem Direktor des Hauses, auf Spurensuche.



Hermann Präuscher wurde 1839 in Gotha als Sohn eines Schaustellers geboren. Wie damals typisch verbreitete auch er eine Artistenlegende. Dieser zufolge wollte seine Familie, dass er Medizin studiert, doch der junge Präuscher flüchtete aus dem Elternhaus und erarbeitete sich in verschiedenen Zirkussen seinen Ruf als Raubtierdompteur. 1871 - so will es die Legende - erhielt der damalige Hasardeur von einer gewonnen Wette in Paris einen höheren Geldbetrag. Doch was auf jeden Fall stimmt, ist, dass er im Prater sein Panopticum errichtete.

Dazu beauftragte er die Theaterarchitekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer, die ein renommiertes Architekturbüro führten und an beinahe 50 Theaterbauten in Europa beteiligt waren. In der Wiener Landschaft gehen das Volkstheater, das Akademietheater und das Konzerthaus auf ihr Konto. Seine Eltern erlebten die Eröffnung des Hauses nicht mehr mit, doch sie waren in anderer Form zugegen: Neben einer Unzahl von Wachsfiguren stellte Präuscher die von ihnen ererbte Sammlung von Tierpräparaten aus.

Auf der Rückseite eines Museumsführers aus den späten 1880ern, der an die Besucher verkauft wurde, war zu lesen: "Besuchen Sie nebenan Präuschers Museum Anatomie. Nur für Erwachsene". Das Ausstellungshaus war also bewusst zweigeteilt: in das Panopticum und das getrennt begehbare Anatomiemuseum.

Das Panopticum bestand aus dem Wachsfigurenkabinett und wechselweise einem Spiegel-Irrgarten, einem Lachkabinett, einer Exotenschau, einem Flohzirkus sowie Tierdressuren mit Löwen und Affen. Zu sehen waren prominente Figuren aus Wachs, darunter Prinz Eugen von Savoyen, Maria Theresia, Joseph II., Martin Luther, Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Richard Wagner und Johann Strauss. Die Wachsdarstellungen beinhalteten auch Gladiatorenkämpfe, große Mumiengruppen der Inkas und "urwienerische" Eigenarten: Im Museumsführer ist etwa als Punkt 89 das Wachsexponat "Beim Heurigen" genannt.

Panoptica waren damals fixer Bestandteil von Jahrmärkten und Volksfesten. Es gab nicht nur jene mit fixen Standorten, sondern - mehr noch - wandernde Wachsfigurenkabinette. Wenn auch der anrüchige Touch gewichen sein mag, sind sie auch noch heute beliebte Attraktionen: Man denke nur an die Niederlassungen von Madame Tussauds in sämtlichen Metropolen, von Wien über Berlin nach London und New York. Doch auch Madame Tussaud hat einen pikanten Hintergrund: Sie fing ihre Karriere damit an, zur Zeit der Französischen Revolution nach den Hinrichtungen die geköpften Häupter in Wachs abzubilden.

In dieser Tradition bewegen sich die "große, internationale Verbrechergalerie" und die "Schreckenskammer" in Präuschers Panopticum: Folterwerkzeuge, lebendig begrabene Menschen, Massenhängungen aus dem Dreißigjährigen Krieg, ein französisches Inquisitionsgericht, eine Hinrichtung am Kongo sowie Serienmörder wie Hugo Schenk, Peter Kürten ("Der Vampir von Düsseldorf") und Fritz Haarmann ("Der Totmacher") wurden dort im Halbdunkeln dargestellt. All das zählte damals noch zum "Familienprogramm".

Nur für Erwachsene

In Präuschers anatomisches Museum hingegen wurden keine Kinder hineingelassen. Hier waren fast 900 anatomische Präparate zu sehen: Föten in verschiedenen Entwicklungsstufen, menschliche Skelette, Missbildungen sowie sämtliche Krankheitsbilder und Körperteile; vom Uterus eines Schweins zu österreichischen Säuferlebern und Schrumpfköpfen aus dem Amazonas. Eine Mischung aus Staunen, Schrecken und Neugier waren die Zutaten solcher Ausstellungen, oft versehen mit dem "Exoten-Bonus" als Trumpf in der Hand.

So stellte Präuscher vor seinem Panopticum als Blickfang und Lockmittel die Gestalt eines Gorillas auf, der ein weißes Mädchen an sich reißt. Die Originaldarstellung stammt vom Bildhauer Emmanuel Frémiet. In Präuschers Fall wurde sie sogar mechanisch betrieben, damit der Gorilla mit seinem Gebiss fletschen konnte. Natürlich wurde dazu - sowohl von Präuscher als auch seinen Ausrufern - eine reißerische Geschichte verbreitet, nämlich, dass diese Figurengruppe auf einer wahren Begebenheit beruhe und die Tochter eines Plantagenbesitzers in Südafrika von einem Gorilla geraubt worden wäre. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Jägerlatein und Marketinggag, liegt doch das Verbreitungsgebiet von Gorillas in den Wäldern West- und Zentralafrikas. Doch auf den Effekt kam es an, und die Figur sollte als Pforte in ein anderes Reich dienen. Kaldy-Karo fügt hinzu: "Das war damals generell ein sehr beliebtes Sujet und führte etwa zu ‚King Kong‘. Aber auch heute noch ist vor der Geisterbahn im Prater ein Gorilla zu sehen."




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Schlagwörter

250 Jahre Prater, Panopticum

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-02-10 15:41:05
Letzte Änderung am 2016-03-31 13:25:24


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