- © Klaus Pichler
© Klaus Pichler

"Ich bin ja im Prater aufgewachsen. Hier war ein Märchenkarussell und daneben eine kleine Schießbude von meiner Tante", erzählt Nikolaj Pasara, der Ururenkel des legendären Rumpfmenschen und Praterunternehmers Nikolai Kobelkoff bei Sonnenschein im Prater. Heute gehört ihm selbst eine Schießbude, hinter der er mit seiner Frau und drei Kindern wohnt: gelebte Pratertradition. "Ich erinnere mich sehr gern an meine Kindheit im Prater. Mein Großvater Otto Kobelkoff, also der Enkel von Nikolai Kobelkoff, hatte auch Fahrgeschäfte. Da hat mein Vater noch gearbeitet und ich hab schon als Kind in seiner Schießbude die Dosen aufgestellt, die Bälle zurechtgelegt – so, wie das meine Kinder heute auch bei mir machen."

Nach einer mehrjährigen Prater-Auszeit, in der er die Matura nachgemacht hat und als Hauptschullehrer tätig war, ist Nikolaj Pasara seit etwa zehn Jahren wieder zurück im Prater: "Wenn man hier aufwächst, hängt man natürlich daran. Ganz weggekommen bin ich nie vom Prater, auch nicht, als ich unterrichtet habe." Daran Schuld: Nikolai Wassiljewitsch Kobelkoff, der 1851 in Russischen Kaiserreich im Gouvernement Orenburg geboren wurde. Seine Mutter hatte zuvor schon 15 "normale" Kinder geboren – doch Kobelkoff kam ohne Arme und Beine zur Welt. Der intelligente und geschickte Bub lernte schnell, sich mit den Umständen zu arrangieren, wie im "Wochenblatt" vom 14. Dezember 1957 steht: "Als Nikolai Kobelkoff zwei Jahre alt war, sah eines Tages seine Mutter zu ihrer maßlosen Überraschung, wie sich der Kleine ihr mit sprunghaften Bewegungen näherte. Der Rumpfmensch hatte seine ersten ‚Schritte‘ getan. Nach einem Jahr spielte er schon mit den Kindern der Nachbarn, und jedermann sprach davon, dass Nikolai Kobelkoff ‚laufen‘ und ‚springen‘ könne." Mit sieben ging er in Minsk zur Schule, galt als scharfsinnig und fleißig, und konnte bald schöner schreiben als viele Mitschüler: den Federstiel hielt er zwischen Armstumpf und Kinn. Nach der Schule arbeitete er als Schreiber und lernte, zusätzlich zu Russisch, Deutsch und Französisch. Kobelkoff wurde zeit seines Lebens ca. 80 cm groß und 60 kg schwer.

Hinaus in die Welt

Nikolaj Pasara erzählt über seinen Ururgroßvater und dessen unbändige Neugier: "Er wollte unbedingt Moskau sehen und bat seine Familie darum, in die ‚große weite Welt’ hinaus ziehen zu dürfen." Die Erlaubnis dazu bekam er 1870, und daraufhin reiste er mit dem Postschlitten, der von zwölf Hunden gezogen wurde, und einem Begleiter ab. Nikolai Kobelkoff sollte nie wieder zurückkehren. Nikolaj Pasara erzählt Details zu dieser imposanten Reise: "Über Kasan und den Schiffsweg über die Wolga kamen sie bis nach Moskau. Kobelkoff gab seine ersten Auftritte in Moskau im Theater ‚Berg’ für 20 Rubel pro Abend. In der Folge gab er Vorstellungen in allen Ecken des Zarenreichs, von Moskau bis Jekaterinburg, von Odessa bis nach Sankt Petersburg. Über Riga kam er dann nach Helsinki und weiter nach Uppsala, Norrköping, Göteborg und Malmö. In Norwegen bereiste er Hamar und Kristiansand und fuhr dann per Schiff nach Dänemark. Hier hielten ihn Engagements für ein Monat in Aarhus und Odense fest, bis er schließlich nach Kopenhagen kam." Dort arbeitete er als Rumpfkünstler am Tivoli und traf unter anderem auch mit König Christian von Dänemark zusammen, der ihm eine seiner Doggen schenkte. Kobelkoff nannte diese ‚Tivoli’, so Nikolaj Pasara: "1875 trat Kobelkoff über die deutsche Grenze und debütierte in Hamburg für 150 Mark pro Woche. Hier lernte er den Wiener Impresario August Schaaf kennen, der ihn sofort für sein Etablissement im Wiener Prater engagierte." – eine nachhaltige Einladung.