In seinen Shows – und auch im Alltag – nahm Kobelkoff verschiedene Gegenstände mit seinen Zähnen und klemmte sie dann zwischen seinen rechten Armstumpf und sein Kinn. Auf der Bühne schoss er so mit einem Gewehr präzise auf eine Zielscheibe, malte live Bilder, die er nach den Vorstellungen verkaufte, und behauptete sich als Entfesselungskünstler. Man legte ihm auch ein Brett auf die Schultern, auf das sich drei Männer stellten, und Kobelkoff konnte sich als robuster Athlet beweisen. Seine Aktionen erforderten extreme Disziplin und Fleiß, was wahrscheinlich nicht von allen Zuschauern, aber doch von einigen mit ehrlichem Respekt und Bewunderung belohnt wurde. Das Österreichische Filmarchiv hat eine sensationelle Aufnahme von Kobelkoff aus dem Jahr 1900, wo man einen Teil seiner Aufführung in Paris sehen kann. "Das ist die einzige Filmaufnahme, die es von ihm gibt. Es gab mal ein Gerücht, dass er in Tod Brownings Film ‚Freaks’ mitgespielt hat, aber das stimmt nicht", so Nikolaj Pasara: "Er selbst hat auch abseits der Bühne gern gemalt, aber seine Bilder sind rar: Meine Schwester hat ein Original, ich hab auch eins – das hab ich derzeit Kaldy-Karo für sein Museum gegeben, wo es in der Praterausstellung zu sehen ist." Was darauf zu sehen ist? "Das können wir uns dort gerne anschauen." Gesagt, getan.

Mit dem Ururenkel ins Museum

Im Circus- und Clownmuseum, das einen Steinwurf entfernt am Ilgplatz im 2. Bezirk liegt, öffnet der Direktor Robert Kaldy-Karo freundlich die Tür und führt zu einer Vitrine, die Nikolai Kobelkoff gewidmet ist: Zu sehen ist nicht nur das bemerkenswert gemalte Wasserlandschaftsgemälde, sondern auch historische Fotos aus dem öffentlichen und privaten Lebens Kobelkoffs, sowie Sessel, Kostüm und Gewehr, die er in seinen Shows verwendet hat. "1875 hat ihn August Schaaf zum ersten Mal in den Wiener Prater geholt, wo er bald Anna Charlotte Wilfert kennenlernen sollte, die aus einer berühmten Schaustellerfamilie stammte", hakt Robert Kaldy-Karo ein. Er ist der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums im Stuwerviertel und hat die Prater-Ausstellung, die dort derzeit zu sehen ist, mitgestaltet.

Kobelkoff und Wilfert haben 1876 in Budapest geheiratet, erzählt Nikoaj Pasara weiter: "Sie haben um die Erlaubnis der russisch orthodoxen Kirche gefragt, und das nicht nur in Wien, sondern auch persönlich in Dresden. Nikolai Kobelkoff war ja russisch orthodox, bis zu seiner Vermählung, da wurde er dann evangelisch. Die Familie Wilfert war eine evangelische Familie und daher ließ sich Kobelkoff nach der Ablehnung durch die russisch orthodoxe Kirche dann in Budapest evangelisch trauen."

Bei der Zeremonie hat die Braut den Bräutigam auf ihren Armen zum Traualtar getragen, wo er ihr mit seinen Zähnen den Ehering ansteckte. Seinen Ehering hatte Kobelkoff dann immer in einem Ledertäschchen bei sich, das er um den Hals trug. Die beiden bekamen elf – normale – Kinder und 30 Enkel. Von den elf Kindern hatte jedes einen anderen Geburtstort, da die Familie vom Prater aus die ganze Welt bereiste: von Deutschland, Italien und Frankreich kamen sie bis Coney Island. Kobelkoff war eine zeitlang bei Barnum & Bailey aktiv, einem der bis heute größten und berühmtesten Zirkusunternehmen weltweit. Der ganze Familientross half bei den Tourneen zusammen und kümmerte sich gemeinsam um Auf- und Abbau, Kartenverkauf und sonstige Aufgaben. In den Wanderjahren spielten sich filmreife Szenen ab, wie im Wochenblatt zu lesen ist: "In dem Varieté, in dem er sich zeigte, war ein Brand ausgebrochen und Nikolai Kobelkoff war nicht imstande, sich in Sicherheit zu bringen. Der französische Riese Antoine Doué, der 2,48m groß war, hört seine Hilferufe und trug ihn aus dem brennenden Haus."