Sesshaft im Prater

Nikolai Kobelkoff, der später tatsächlich in Wien sesshaft wurde, war nicht nur gefeierter Artist, sondern auch geschickter und tüchtiger Unternehmer: Er betrieb den legendären Toboggan und die Manege Parisienne. Barbara Büchner schreibt im AZ Journal vom 1. März 1975: "Der Krüppel ohne Arme und Beine wurde einer der großen Persönlichkeiten des historischen Praters, ein Weltmann und Geldmann, der unbefangen seinen Platz in der Gesellschaft behauptete." Die Wilferts, Schaafs und Kobelkoffs – mittlerweile eng zusammengeschweißt, verwandt und verschwägert – wurden zu den drei führenden Praterdynastien, die aus aller Welt zusammengewürfelt waren und internationales Format in den ohnehin mischkulturellen Tegel Wien brachten.

1912 verstarb Nikolai Kobelkoffs Gattin Anna an einem epileptischen Anfall in Paris, was ihn in tiefste Trauer riss: "Sie war das beste, das edelste Wesen, das je gelebt hat, ein Engel der in mein Leben trat um mir das höchste Glück zu schenken. Keine Frau konnte gütiger und treuer sein als sie." Er zog sich daraufhin in sein Haus hinter dem Toboggan zurück, zeigte sich nicht mehr öffentlich und managte seine Unternehmen aus dem Hintergrund.
Nikoali Kobelkoff starb am 19. Juni 1933 im Alter von 82 Jahren. Er wurde in einem Kindersarg auf den Wiener Zentralfriedhof hinausgetragen und erhielt ein ehrenhaftes Begräbnis. Nikolaj Pasara nickt: "Ein Ort, der noch Material über ihn haben könnte, ist der Wiener Narrenturm im Alten AKH. Sie haben ihn dort immer wieder zu Untersuchungen eingeladen, weil sie es nicht glauben konnten, wie aktiv und agil er war. Für die war er immer ein großes Rätsel, das sie bis zum Schluss nicht für sich klären konnten." Einer der dortigen Atteste lautet: "Ich bestätige, daß N.W. Kobelkoff aus Wossnessensk so geboren wurde, und daß ihm seine Gliedmaßen nicht amputiert wurden. Er stellt eines der interessantesten Phänomene dar, im Bereich der Anatomie, Logik und Ethik." – signiert mit "Wiener Klinik, 18. Juni 1875, Berater des Hofes, Professor Theodor Billroth". Nikolaj Pasara verlässt das Museum und geht zurück zu seinem Schießstand in den Prater, wo einst sein Ururgroßvater eine Dynastie begründet hat, die bis heute wächst: "Ich glaube, dass Nikolai Kobelkoff nach wie vor sehr hoch geschätzt wird: als Artist, als Unternehmer, und auch als Mensch."