Wien. "Wer auf den Wiesen vor dem Riesenrad und dem Planetarium geht, flaniert durch ‚Venedig in Wien‘ - nur 120 Jahre zu spät", lacht Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums. "Venedig in Wien", der aufwendige Nachbau der Lagunenstadt, war einer der ältesten Themenparks der Welt, der am 18. Mai 1895 auf dem Gelände des vorherigen "Englischen Gartens" beziehungsweise des "Kaisergartens" eröffnete. Davor waren dort hauptsächlich Schuhplattlergesellschaften, Drahtseilkünstler und dressierte Wölfe. Mit einer Jahresmiete von 26.000 Gulden hatte der kleine, quicklebendige Unternehmer Gabor Steiner, der im Theaterbetrieb aufgewachsen war, eine neue Herausforderung gefunden.

Als Steiner dem damaligen Polizeipräsidenten Franz von Stejskal seine Pläne unterbreitete, antwortete dieser zynisch: "Ja, mir hab’n nix gegen ein großes Vergnügungsetablissement. Endlich hab’n wir an‘ Ort, wo wir alle Gauner finden werden." Die Unterwelt war nicht Steiners einziges Risikofeld, sondern auch die Praterunternehmer außerhalb der Lagunenstadt, die in ihm einen gefährlichen Konkurrenten sahen. Das Wiener Venedig sollte dem echten möglichst genau entsprechen, was vor allem für den Architekten Oskar Marmorek und den Maler Ferdinand Moser eine Herausforderung war. Dem Zauber der Lagunenstadt wurde auf 50.000 Quadratmetern, einem 1 Kilometer langen und zwischen 5 Metern und 18 Metern breiten Kanalnetz mit einer Gesamtwasserfläche von 8000 Quadratmetern und 11 Brücken nachgespürt.

25 Gondeln im Prater

Ebenso kopiert wurden die Fassaden von Straßenzügen und Palästen in einem kleineren Verhältnis. Dazwischen hatte man durch enge Gässchen zu huschen, die dem einzigartigen Gefühl, durch Venedig zu wandern, nachempfunden waren. 25 Gondeln inklusive 40 venezianischer Gondolieri tingelten auf den Kanälen umher, "Venezia"-Ballette wurden aufgeführt, und original italienische Straßensänger sangen an jeder Ecken "O Sole Mio".

"Von diesen Sängern erreichte besonders Luigi Bassik ("der schöne Luigi") Berühmtheit. "Dazwischen witterten auch unzählige Prostituierte ihre Chance auf Geld und gingen auf Männerfang", fügt Kaldy-Kadro hinzu. Die venezianischen Nachbauten waren tatsächlich betretbare Häuser, Verkaufsläden venezianischer Produkte und italienische Restaurants. "Die Arbeitsschichten gingen von 15 bis 4 Uhr morgens, und fast 2000 Mitarbeiter waren in ‚Venedig‘ beschäftigt", erläutert Kaldy-Karo die Dimensionen des Betriebs. "Das sind irrsinnig viele Menschen, aber wenn man bedenkt, wie viele Leute in den Küchen der einzelnen Restaurants gearbeitet haben und dass die Musikkapellen damals um die 30 Köpfe gezählt haben, kommt man schnell auf eine große Summe."

Zusätzlich fanden aufwendige Events statt wie die "Internationale Ausstellung neuer Erfindungen", das Ballett "Der Carneval in Venedig", Operettenaufführungen sowie Ring- und Wettschwimmkämpfe. 1896 ließ Steiner Glasbläser aus Murano und den Bologneser Mandolinistenklub in seine Phantasiestadt kommen. Franz Lehár trat hier ebenso mehrmals als Dirigent auf. "Venedig" war zwar groß, aber liebevoll in kleine, überschaubare Plätze unterteilt. Anfangs kamen täglich etwa 20.000 Besucher, von der Saisoneröffnung Ende Mai bis zum 20. Oktober 1895 waren bereits zwei Millionen zahlende Gäste erschienen. Wie man sich vorstellen kann, waren die Praterunternehmer außerhalb der venezianischen Stadtgrenze wenig erfreut. Die Volkszeitung vom 16. Juni 1895 titelte "Schwere Zeiten im Prater" - womit alles außer Venedig gemeint war.

Riesenrad in Venedig

Bereits 1897 sollte sich das 67 Meter hohe Riesenrad auf dem Gelände von Venedig in Wien erheben, das Gabor Steiner beauftragt hatte. Das Wahrzeichen wurde von Ingenieur Harry Hitchins der Londoner Firma Basset erbaut und zu einem Riesenpublikumserfolg. Von Beginn an sorgte es für Aufsehen, wie in Norbert Rubeys und Peter Schoenwalds Buch "Venedig in Wien: Theater- und Vergnügungsstadt der Jahrhundertwende" steht: "Nach der Eröffnung des Riesenrads am 3. Juli 1897 drängten sich vor allem Liebespaare zur Fahrt, denn es gab ‚Wagons separée‘. (...) Viele glaubten, sich tatsächlich in einem Separée zu befinden, und benahmen sich derart ungeniert, daß die Fahrt mit dem Riesenrad für sie oft am Polizeikommissariat einen unangenehmen Ausklang fand." Auch andere sensationelle Aktionen sorgten für Aufsehen und Ärger: Marie Kindl, eine 20-jährige Artistin ohne Engagement, legte am 30. Juni 1898 eine Runde mit dem Riesenrad zurück, indem sie sich mit ihren Zähnen an einem Seil festbiss, das aus einem der Wägen hing. Sie streckte währenddessen die Hände von sich und gab einen Schuss aus einer geladenen Pistole ab.

Bei der unangemeldeten Guerillaaktion sammelte sich eine erregte bis besorgte Menschenmenge an. Das Riesenrad wurde gestoppt, während Marie Kindl darauf hang. Ihr wurden Warnungen und Drohungen zugerufen, sie möge zurück in den Wagen klettern. Die Feuerwehr rückte aus und spannte ein Sprungtuch auf, doch sie bewegte sich weder in ihren Waggon, noch ließ sie sich fallen - stattdessen blieb sie, mit den Zähnen festgebissen, am Seil hängen. So setzte man das Riesenrad wieder in Gang, und als sie unten angekommen war, warf sie der nunmehr jubelnden Menschenmenge Kusshände zu. "Die Polizei nahm diesen Vorfall nicht auf die leichte Schulter und brachte sie auf die nächste Wachstube. Die arbeitslose Artistin hatte versucht, mit dieser Aktion Aufmerksamkeit zu erregen, sagte sie", erklärt Kaldy-Karo. Wie alles im Prater mutierte auch "Venedig", und anstatt der italienischen Paläste kamen immer mehr ägyptisch und japanisch anmutende Bauten, die dem Zeitgeist vorausgreifen wollten und nach Exotik griffen: 1901 hatte sich das streng durchkomponierte Venedig in einen Fleckerlteppich verwandelt, in die "Internationale Stadt im Prater", die wiederum zur "Blumenstadt" wurde, im Jahr darauf zur "Elektrischen Stadt".

Daraufhin wurde die Olympia-Arena gebaut, Europas damals größte Freilichtbühne: 30 Meter breit und 40 Meter tief. Dort konnten mächtige Stücke wie "Die Reise um die Erde in 80 Tagen" mit Musik von Franz von Suppé aufgeführt werden, später waren dort auch Havemanns Raubtiergruppen und Ettore Tiberios Stierkämpfe zu sehen. 1911 entstand auf dem Gelände "Liliput", die Märchenstadt für Kleinwüchsige, zu der auch ein "Narrenpalast" errichtet wurde.

Gabor Steiner ging nach finanziellen Eskapaden 1912 nach London und in die Schweiz, um der damals üblichen Schuldhaft zu entgehen. Sein Sohn Max lebte nach dem Zusammenbruch der Lagunenstadt in London, ab 1914 in New York, und war ab 1929 als Filmkomponist für Hollywood tätig. Auf sein Konto gehen die Musik zu "Vom Winde verweht" (1939) und "Casablanca" (1943). Er half seinem Vater über finanzielle Engpässe hinweg und organisierte dessen Emigration in die USA. Gabor Steiner starb 1944 als 86-Jähriger in Hollywood. Das Riesenrad wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, und doch: Es dreht sich bis heute, und das echte Venedig ist noch immer nicht versunken.