Tiefe Narben

"Als das Licht wenig später wieder funktionierte, konnte Madame Senide schwer verletzt aus dem Löwenmaul befreit werden und dem Tod nur knapp entrinnen." Es dauerte lange, bis sie sich von dieser Attacke wieder erholt hatte. Zahlreiche tiefe Narben am Hals waren bleibende Spuren, doch trotzdem ließ sie sich von diesem Vorfall nicht abschrecken, sondern verteidigte ihre Position als einer der spektakulärsten Dompteusen auf dem sonst männderdominierten Sektor.

Felix Salten schreibt in seinem Buch "Wurstelprater": "Die Zirkusleute vereinigen zwei Eigenschaften, die einzeln schon selten zu finden sind, die zusammen aber nichts in der Welt unmöglich machen: Kühnheit und Fleiß!"

Es folgten weitere Tourneen und weitere Berufsverletzungen, von denen Miss Senide sich nicht groß irritieren ließ. Erst, als ihre Mutter 1905 schwer erkrankt in Wien lag, musste sie die Leitung der Praterbude übernehmen, verkaufte ihre Tiere an den Zirkus Hagenbeck und wurde sesshaft.

Zwei Jahre später starb Emma Willardt, und Senide war die Alleinerbin des Pratergeschäftes, von wo aus sie weitere rührende G’schichteln in die Welt streute, die in den Zeitungen überliefert wurden: "Eines Tages kam ein Zirkus nach Wien und Henriette besuchte mit ihrem Ziehsohn die Tierschau während der Mittagszeit. Die Löwen lagen träge in den Käfigen. Als Senide zu einem Käfig kam, erhob einer von ihnen den Kopf und begann jämmerlich zu heulen. Als sie ihre Hand in den Käfig steckte, leckte ein Löwe seiner einstigen Herrin die Hände. Es war eines von den Tieren, die 1905 an Hagenbeck verkauft wurden. Der Löwe hatte seine Herrin erkannt und ihr die Treue bewahrt. Madame Senide weinte bitterlich. Nach Aussage des Zirkuspersonals soll auch der Löwe geweint haben."

Miss Senide führte das Pratergeschäft erfolgreich weiter, bis sie 1923 mit 57 Jahren an einem Nierenleiden in ihrer Praterwohnung verstarb. Ihr Ziehsohn führte das Unternehmen bis 1945 weiter, dann wurde die Praterhütte durch Kriegshandlungen zerstört.