Florida, 11. April 1970: Die letzten Sekunden des Countdowns zum Start der Apollo-13-Mission werden heruntergezählt. Das Interesse der Öffentlichkeit hält sich in Grenzen. Im Jahr zuvor sind US-Amerikaner erstmals auf dem Mond gelandet: Mit Apollo 11 errangen sie den ersehnten Prestigesieg über die Sowjetunion. Die NASA hatte noch neun weitere Landemission geplant, doch der Kongress will die nötigen Mittel nicht für alle bewilligen: Der Vietnamkrieg verschlingt enorme Summen - ein Vielfaches des gesamten Mondflugprogramms! Schon hat die NASA die Apollo-20-Mission streichen müssen. Für etliche US-Amerikaner sind die Mondflüge sowieso bloß eine Abfolge von Wiederholungen.

Im April 1970 ist nur noch wenigen Menschen bewusst, wie riskant derartige Unternehmungen sind. Schon bei der zweiten Mondlandung traten Probleme auf. Sekunden nach dem Abheben von Apollo 12 verschwand die mächtige Saturn V Rakete in dunklen Wolken. "Was zum Teufel war das?!", rief Pete Conrad aus, als plötzlich alles ums Schiff herum hell aufstrahlte. Anzeigen fielen aus. Warnlichter leuchteten, Backup-Systeme liefen an, die Stromversorgung schwächelte dramatisch. Offensichtlich war ein Blitz auf die Rakete übergesprungen und dann durch den Abgasstrahl zu Boden gefahren. Ein zweiter folgte. Im Erdorbit angelangt, checkten die drei Astronauten ihr Schiff durch. Bei den Sprengbolzen für das Fallschirmsystem musste man auf Tests verzichten. Die NASA entschied, die Mission fortzusetzen.

So landete Apollo 12 am 19. November 1969 im Mondmeer der Stürme. Um das Interesse der Öffentlichkeit aufzufrischen, brachten die Männer erstmals eine Farb-TV-Kamera mit. Versehentlich auf die Sonne gerichtet, quittierte sie sofort den Dienst. Während der knapp vierstündigen Exkursion bauten Pete Conrad und Alan Bean eine wissenschaftliche Messstation auf. Sie sollte jahrelang weiterarbeiten und wurde deshalb von einem Radioisotopengenerator betrieben.

Die Astronauten montierten die heiße, überaus solide Kapsel mit dem eingeschlossenen Plutoniumdioxid von der Landefähre ab und steckten sie in den Generator. Die so erzeugte Hitze lieferte 70 W elektrischer Leistung. Am 24. November 1969 wasserte Apollo 12 im Pazifik – allerdings so hart, dass eine herabstürzende Filmkamera Alan Bean am Kopf traf. Er erlitt eine Gehirnerschütterung und verlor kurz das Bewusstsein.

Im Monat davor war auch bei der russischen Konkurrenz nicht alles glatt gegangen. Im Oktober 1969 sollte die Sojus 8 im Erdorbit an die Sojus 7 ankoppeln. Sojus 6 näherte sich dem Duo, um das Manöver zu filmen. Das sensationsheischende Szenarium umfasste erstmals drei Schiffe mit insgesamt sieben Kosmonauten! Das entsprach dem Wunsch von Dmitri Ustinow: Der Sekretär des Zentralkomitees wollte der ersten US-Mondlandung etwas Spektakuläres entgegensetzen. Doch die Annäherungsautomatik versagte. Und für einen Anflug per Handsteuerung fehlten die nötigen Instrumente. Das Manöver scheiterte.

Der Wassermann

Die Crew und die Reservecrew von Apollo 13 haben gemeinsam trainiert. Das Kind eines der Ersatzmänner kam in der Schule mit Röteln in Kontakt. Ken Mattingly, der designierte Pilot des Kommandomoduls Odyssey, ist nicht immun. Man stellte ihn sicherheitshalber zurück, nur wenige Tage vor dem Start. Seinen Platz hat Jack Swigert eingenommen. Fred Haise soll die Mondfähre steuern. Das Kommando führt Jim Lovell. Er ist schon mit Gemini 7 und 12 um die Erde und mit Apollo 8 um den Mond gekreist. Der Routinier hat die Landefähre in Anspielung an die antike Mythologie "Aquarius" getauft (lat., Wassermann).

Swigert (links) mit einem Modell von Kommando- und angeschlossenem Servicemodul, Lovell mit einem der Landefähre.
 
- © NASA/Ed Hengeveld

Swigert (links) mit einem Modell von Kommando- und angeschlossenem Servicemodul, Lovell mit einem der Landefähre.

- © NASA/Ed Hengeveld

Vom nun unmittelbar bevorstehenden Start der Apollo 13 haben die Zeitungen vergleichsweise wenig berichtet. Einige Artikel drehten sich um Swigerts Status als Junggeselle – ein Novum in der US-Raumfahrt. Andere befassten sich mit der angeblichen Unglückszahl "13". Als Apollo 13 am 11. April vom Kennedy Space Center in Florida abhebt, zeigen die Uhren in Houston, Texas, tatsächlich 13 Uhr 13. Dort befindet sich die Flugleitung der Mission, angeführt vom Flugdirektor Gene Kranz.

Torkelndes Schiff

Houston witzelt über Funk: An Bord befände sich der Streifen "Der Flug von Apollo 13" mit John Wayne, Shirley Temple und Lou Costello. Niemand ahnt es: 1995 wird tatsächlich ein Film über Apollo 13 in den Kinos anlaufen – allerdings mit Tom Hanks, Kevin Bacon, Bill Paxton und Ed Harris. Auf dem Weg zum Mond versuchen die Astronauten, den TV-Zusehern ihre Kommandokapsel Odyssey und die angedockte Mondlandefähre Aquarius vorzustellen: Die großen Netzwerke NBC, CBS oder ABC übertragen ihren Live-Bericht mangels Interesse aber nicht.

In den USA schreibt man den 13. April 1970, als das Schiff fünf Sechstel des Wegs zum Mond geschafft hat. 320.000 Kilometer trennen es von der Erde. Die Männer halten sich im kegelstumpfförmigen Kommandomodul Odyssey auf. Daran schließt das nicht unter Druck stehende, fast acht Meter lange zylindrische Servicemodul an. Es ist in sechs Sektoren unterteilt und beherbergt z.B. Titanblechtanks für die Treibstoffe, für Helium, Wasserstoff und Sauerstoff. Ebenso drei Brennstoffzellen: Sie produzieren aus Wasserstoff und Sauerstoff elektrischen Strom sowie, als Nebenprodukte, Wasser und Wärme. Die überdimensionierte Düse des Apollo-Haupttriebwerks ragt aus dem Heck des Moduls.

Mehrere Stromleitungen münden in die beiden Sauerstofftanks des Servicemoduls: für die Füllstands- und Temperaturmessung sowie für ein Heizelement samt Ventilator zum Umrühren. Um den Druck zu stabilisieren, soll die Crew die Ventilatoren mindestens einmal pro Tag einschalten. So auch jetzt. Doch Jahre zuvor waren bei einem Test Teile der Leitungsisolation im Sauerstofftank 2 weggeschmolzen – was niemand bemerkt hat. Jetzt führt ein Funke zur Explosion.

Die Crew hört den Knall. Ein Alarm schrillt, der Bordcomputer startet neu. Die Spannung in einem der beiden Hauptschaltkreise – nominal 28 Volt – fällt. "Houston, we’ve had a problem", funkt Lovell. Für den Flugdirektor Gene Kranz klingen die Stimmen der Astronauten ganz normal. Die Flugmediziner registrieren allerdings einen beschleunigten Herzschlag. Die Situation ist zunächst völlig unklar. Die Lageregelungstriebwerke der Odyssey schalten sich ein und aus, sie "torkelt" gewissermaßen auf ihrer Bahn. Lovell stabilisiert die Lage per Handsteuerung. Eine weiße Wolke hüllt das Schiff ein. Sie entströmt offenbar dem Servicemodul.

Laut Anzeige ist der Sauerstofftank 2 leer. Der über das Rohrsystem mit ihm verbundene Tank 1 verliert immer mehr Druck. Die Brennstoffzellen 1 und 2 liefern somit weder Strom noch Wasser. In weniger als zwei Stunden wird der verbliebene Sauerstoff aufgebraucht sein. Die Odyssey verendet gewissermaßen, mit der Crew in ihrem Bauch.

Das Rettungsboot

Die Erde im Fenster: Nach der Explosion das einzige Ziel der Apollo 13.
 - © NASA/Kipp Teague
Die Erde im Fenster: Nach der Explosion das einzige Ziel der Apollo 13.
- © NASA/Kipp Teague

Lovell und Haise sollten eigentlich die Fra-Mauro-Region erkunden. Doch an eine Mondlandung ist nicht mehr zu denken. Es geht nur noch darum, die Astronauten heil zur Erde zu bringen. "Die Flugleitung wird nie einen Amerikaner im All verlieren", prägt Gene Kranz dem rasch zusammengetrommelten Team ein. Die Stunde nach der Explosion wird die längste seines Lebens. Das ihm zugesprochene "A failure is not an option" sagt Kranz nicht. Der Satz fasst aber seine entschlossene Haltung zusammen: Ein Fehlschlag – und damit der Tod der Besatzung – kommt für ihn nicht in Frage. Doch welche Ressourcen hat Apollo 13 noch? Wie lange reichen sie? Und wie gelangt die Crew rasch und sicher zur Erde zurück?

Die restlichen Kapazitäten der Odyssey darf man nicht anrühren. Man braucht sie später für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Also schalten die Astronauten ihr Schiff so gut es geht ab und wechseln in die Mondfähre Aquarius hinüber. Ein Glück, dass sie in dieser Flugphase angekoppelt ist! In der Erdatmosphäre würde sie unweigerlich verglühen. Sie eignet sich aber zwischenzeitig als "Rettungsboot", verfügt sie doch über unabhängige Systeme und Ressourcen: Sauerstoff, Wasser, Energie. Die sind allerdings nur für zwei Insassen und knapp zwei Tage bemessen – nicht für drei Menschen und eine fast doppelt so lange Flugzeit.

Schneller ginge es zurück, ließe man das starke Haupttriebwerk im Servicemodul fünf Minuten lang mit vollem Schub losfeuern. So würde man gleichsam "am Stand" umdrehen und wäre in eineinhalb Tagen daheim. Doch das ist riskant: Die Explosion könnte auch dieses Triebwerk beschädigt haben. So wählt Kranz einen anderen Weg: Apollo 13 soll zunächst um den Mond herumfliegen und erst dann, von dessen Anziehungskraft beschleunigt, auf die Erde zusteuern. Für die beiden dazu nötigen Kurskorrekturen reicht das kleine Triebwerk der Landefähre. Allerdings dauert diese Variante zwei Tage länger.

Auf Erden werken die Astronauten Ken Mattingly und John Young im Simulator. Sie sollen jene Verfahren ausprobieren, die die Crew an Bord ausführen muss. Apollo 13 überfliegt die Mondrückseite, ist 400.000 Kilometer von der Erde entfernt. Danach verringert sich die Distanz zum Heimatplaneten wieder. Gleichzeitig steigt der Kohlenstoffdioxid-Gehalt in der Kabine. Er nimmt bedenkliche Werte an. Die entsprechenden Filter der Landefähre sind erschöpft, die Ersatzfilter des Kommandomoduls nicht. Doch die beiden Schiffe stammen von unterschiedlichen Herstellern. Die quadratischen Filter aus der Odyssey passen nicht in die runden Filterbehälter der Aquarius. Man muss sie umbauen.

Bastelstunde im All: Der adaptierte CO2-Filter.
 
- © NASA

Bastelstunde im All: Der adaptierte CO2-Filter.

- © NASA

In Houston ersinnt man einen entsprechenden Bauplan – mit Materialien, die sich auch an Bord der Apollo 13 befinden: darunter Karton vom Bordhandbuch, Schläuche, die Plastikverpackung der Thermounterwäsche und eine Armlänge graues Klebeband. Die einzelnen Bastelschritte werden den drei Astronauten via Funk beschrieben.

Ein Höllenritt

In der Aquarius ist es bitterkalt, Wasser ist knapp und Haise hat Fieber. Seine Harnwegentzündung rührt wohl vom sparsamen Trinken her. In einer der vier Batterien kommt es zu einer Explosion; sie bleibt dennoch funktionstüchtig. Dann verliert die Mondfähre Helium. Es dient dazu, Treibstoff in die Brennkammer ihres Triebwerks zu pressen. Für die finale, kleine Kurskorrektur genügen die schmächtigen Düsen der Lageregelung. Dieses Manöver ist nötig, um später mit dem korrekten Winkel von 6,5 Grad in die Lufthülle einzutauchen. Ein wenig flacher, und das Schiff prallt von der Atmosphäre ab; ein wenig steiler, und Reibungshitze sowie Abbremsung wären tödlich.

Das Servicemodul nach seiner Abtrennung: Der ganze Sektor 4 liegt offen.
 
- © NASA/Kipp Teague

Das Servicemodul nach seiner Abtrennung: Der ganze Sektor 4 liegt offen.

- © NASA/Kipp Teague

Es dauert quälend lange, bis Houston die Liste mit den nötigen Prozeduren für die letzten Stunden fertig hat. Die 400 Schritte füllen 39 Seiten Papier. Die Astronauten schweben schließlich zurück in die eiskalte Odyssey, erwecken sie wieder zum Leben. Doch bei Temperaturen knapp über null Grad ist die Luftfeuchtigkeit an kalten Flächen kondensiert – auch am Armaturenbrett mit seinen hunderten Kippschaltern, Drehknöpfen und Druckknöpfen. Hoffentlich verursachen die Wassertropfen keinen Kurzschluss! Für den Rest der Reise müssen die Bordbatterien der Odyssey herhalten. Das havarierte Servicemodul wird abgekoppelt und im Vorbeiflug begutachtet. Einer der sechs Sektoren ist stark beschädigt, offensichtlich bis hinunter zum Haupttriebwerk.

Angespannte Stimmung in Houston – ist der Hitzeschild intakt?
 - © NASA/Kipp Teague
Angespannte Stimmung in Houston – ist der Hitzeschild intakt?
- © NASA/Kipp Teague

Der Hitzeschild der Odyssey grenzte zuvor ans Servicemodul an. Sollte auch er Schaden genommen haben, ist alles vergeblich. Das Schiff taucht in die Lufthülle ein, hüllt sich in eine heiße, orangefarbige Plasmablase. Die unterbricht den Funkkontakt. In Houston weiß niemand, ob der Hitzeschild hält, ob die Männer überhaupt noch existieren. Die berechneten vier Minuten Funkstille sind längst verstrichen. Weitere eineinhalb Minuten lang rauscht es bloß aus den Lautsprechern. Dann sendet ein Flugzeug erste Bilder der Kapsel. Sie sinkt an ihren drei Fallschirmen herab und wassert nahe Samoa im südwestlichen Pazifik. Selbst der hartgesottene Flugdirektor Gene Kranz weint vor Erleichterung. Die Astronauten werden nach knapp sechs Tagen Aufenthalt im All von der USS Iwo Jima aufgenommen.

Die Astronauten an Bord der USS Iwo Jima. - © NASA
Die Astronauten an Bord der USS Iwo Jima. - © NASA

Die abgesprengte Landefähre Aquarius ist der Kapsel Richtung Erde gefolgt und verglüht. Auch sie führte, wie schon Apollo 12, einen Radioisotopengenerator mit. Der solide Behälter mit dem Plutoniumdioxid versinkt nahe dem Tongagraben im Meer. Die NASA hat gezeigt: Sie kann selbst Notsituationen meistern. So wird der Unfall letztlich zum Erfolg. Allerdings muss sie aus budgetären Gründen nun auch die Landemissionen 19 und 18 streichen.

Weltrekordler

Die Zeitungen der UdSSR haben ausführlich über das Apollo-Drama berichtet. In einem Tagebucheintrag lobt Generaloberst Nikolai Kamanin, der Leiter der sowjetischen Kosmonautenausbildung, die technischen Fähigkeiten der US-Amerikaner. Die Rettung der Astronauten sei den Redundanzen im Apollo-Design zu verdanken, stellt er nicht ohne Neid fest. Während die NASA 1970 keine weitere Mission startet, brechen zwei sowjetische Kosmonauten zu einem Langzeitflug auf. Ihr Start hätte eigentlich zu Lenins 100. Geburtstag im April erfolgen sollen, verzögerte sich aber bis zum 1. Juni. Nun bringt die Sojus 9 den Weltraumneuling Witali Sewastjanow und den erfahrenen Andrijan Nikolajew in die Erdumlaufbahn. Dort unternehmen die beiden Männer medizinische und andere Experimente. Die Gymnastikübungen benötigen mehr Zeit als auf Erden.

Nach 18 Tagen landen die Kosmonauten – sie haben längst einen neuen Dauerflugrekord in der Tasche – westlich von Karaganda. Sie können kaum gehen und müssen gestützt werden. Kamanin beschreibt sie als bleich, aufgedunsen, apathisch und abgemagert. Erst zwei Wochen nach der Landung kann man die Weltrekordler im Kreml begrüßen.

Der UdSSR gelingen 1970 zwei beachtliche, wenngleich unbemannte Mondflug-Premieren: Im September landet die automatische Sonde Luna 16 sanft im Meer der Fruchtbarkeit. Sie holt 101 Gramm Mondmaterie aus 35 Zentimetern Tiefe und schickt sie mithilfe einer Wiederaufstiegsstufe zur Erde. Im November setzt die Sonde Luna 17 ein 756 kg schweres ferngesteuertes Mondfahrzeug aus: Der achträdrige Rover Lunochod 1 legt 11 Kilometer im Regenmeer zurück, analysiert vor Ort Mondgestein und schießt 20.000 Fotos. Er soll außerdem als Funkbarke für eine bemannte russische Mondlandemission dienen – zu der es allerdings nie kommt.