Darmstadt/Wien. Mit ihrem neuen Weltraum-Teleskop "Gaia" will die Europäische Raumfahrtagentur ESA eine Milliarde Sterne so exakt wie noch nie erfassen. Die Sonde ist am Donnerstag an Bord einer Sojus-Rakete ins All gestartet. Sie soll eine dreidimensionale Karte der Milchstraße erstellen. Österreichische Unternehmen waren am Bau der Sonde beteiligt, Forscher der Uni Wien werden die Daten mit auswerten.

"'Gaia' wird fünf Jahre den Himmel abtasten - und das mit einer Präzision, wie sie bisher noch nicht möglich war", sagte der ESA-Direktor für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb, Thomas Reiter, im Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt. Laut Hersteller Astrium ist die Kamera so genau, dass sie von der Erde aus eine 1-Euro-Münze auf dem Mond entdecken könnte.


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Jeder der rund eine Milliarde Zielsterne wird im Durchschnitt etwa 70 Mal über einen Zeitraum von fünf Jahren überwacht und seine genaue Position und sein Weg durch das All vermessen. Das entspricht etwa vierzig Millionen Beobachtungen pro Tag. Die Entfernungsbestimmung sei eines der schwierigsten Probleme in der Erforschung des Weltalls, meinte Joao Alves vom Institut für Astrophysik der Universität Wien, der mit seinem Team an der Mission und der Auswertung ihrer Daten beteiligt ist.

Rückschlüsse auf Ursprung der Galaxie sollen möglich werden

Zudem werden grundlegende physikalische Eigenschaften, etwa Temperatur, Leuchtkraft und Zusammensetzung, jedes Sterns untersucht. Dies soll den Astronomen Rückschlüsse auf den Ursprung und die Entwicklung unserer Galaxie ermöglichen. "Gaia" soll zudem Zehntausende neuer Objekte entdecken, darunter Asteroiden in unserem Sonnensystem, Planeten um nahe Sterne sowie explodierende Sterne, sogenannte Supernovae, in anderen Galaxien. "Wir werden auch viele Objekte finden, die wir noch gar nicht kennen", so Projektleiter Andreas Rudolph über die "Entdeckungsmaschine".

Nach dem Start vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana soll die Sonde Anfang 2014 ihren Arbeitsplatz in 1,5 Millionen Kilometer Entfernung von der Erde erreichen. Nach Zwischenschritten soll der Atlas des Himmels etwa im Jahr 2020 vorliegen.

"Gaias" Vorgängermission "Hipparcos" hatte von 1989 bis 1993 rund 100.000 Sterne mit hoher Präzision und etwa 2,5 Millionen Sterne mit geringerer Genauigkeit vermessen. "'Gaia' ist hier unser nächster Quantensprung", sagte Rudolph.

Thermoisolation einer Wiener Firma schützt Sonde

Bei ihren Beobachtungen wird die Sonde ein Schirm mit einem Durchmesser von zehn Metern vor störender Sonnenstrahlung bewahren. Bespannt ist der Schirm mit Thermalisolation der Wiener Weltraumfirma RUAG Space. Das Unternehmen stellte auch die Isolation her, die für einen ausgewogenen Temperaturhaushalt im Inneren des Satelliten sorgt. Siemens Österreich hat Testequipment für den Bau des Satelliten geliefert, u.a. für die Stromversorgung und Kommunikations-Subsysteme.

Alves' Doktorand Stefan Meingast beschäftigt sich damit, wie man einen Katalog mit einer Milliarde Sterne mit je 26 gemessenen Eigenschaften sinnvoll visualisieren kann. Das Teleskop des Leopold-Figl-Observatoriums der Uni Wien am Schöpfl im Wienerwald (NÖ) ist Teil des weltweiten Teleskop-Netzwerks, mit dem die Position der Sonde selbst vermessen wird. Dies ist für die Präzision des Sternkatalogs erforderlich. Die Wiener Wissenschafter sind zudem am Programm "Gaia Science Alerts" beteiligt, bei dem es um die rasche Nachbeobachtung von Ereignissen geht, die der Satellit unerwartet entdeckt, etwa Supernovae, Sterneruptionen und Gravitationslinseneffekte.