• vom 19.03.2016, 12:00 Uhr

Raumfahrt

Update: 14.05.2018, 23:22 Uhr

Geschichte der Raumfahrt

Kunststücke in der Umlaufbahn




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Von Christian Pinter

  • Das Gemini-Programm 2: Vor 50 Jahren erwarb sich die NASA all die technischen und fliegerischen Fertigkeiten, die für die Reise zum Mond benötigt wurden.



Die Bewegung außerhalb des Raumschiffs gehörte zu den Errungenschaften des Gemini-Programms. 

Die Bewegung außerhalb des Raumschiffs gehörte zu den Errungenschaften des Gemini-Programms. © NASA Die Bewegung außerhalb des Raumschiffs gehörte zu den Errungenschaften des Gemini-Programms. © NASA

Das zweite Jahr der Gemini-Flüge beginnt beinahe mit einer Katastrophe: Am 16. März 1966 hebt die unglückselige Gemini 8 ab. Ihre beiden Insassen sind Neil Armstrong und David Scott.

Es ist dies die sechste bemannte Mission des Gemini-Programms, das im Jahr zuvor begonnen wurde. Die NASA bedient sich dabei zweisitziger Schiffe ("Gemini", lat. "Zwillinge") mit einem kräftigen "Orbit Attitude and Maneuvering System" (OAMS). Dieses besteht aus 16 kleinen Triebwerken. Die können das drei Tonnen schwere Schiff im Raum nicht nur um alle drei Achsen drehen, sondern sogar in einen anderen Orbit hieven. Ein Bordcomputer hilft beim Navigieren. Brennstoffzellen sorgen für ausreichend Strom.

Heikler Funkkontakt

Das Funkgerät bleibt die meiste Zeit über still. Der Kontakt mit dem Kontrollzentrum in Houston ist immer nur ein paar Minuten lang möglich; immer dann, wenn sich die Gemini im Sichtbereich einer der wenigen Bodenstationen befindet. Dann hören allerdings meist auch die Medien mit. Möchte die Crew mit der Flugleitung nun Risiken besprechen oder die Ärzte kontaktieren, gaukelt sie mit dem Codewort "UHF 6" einen Funktest vor. Dann kappt Houston die Tonverbindung nach draußen. Es dauert aber nicht lange, bis die Presse den Trick durchschaut.

Scott soll einen zweistündigen Ausstieg ins All wagen. Weil die Gemini nur eineinhalb Stunden für einen kompletten Erdumlauf benötigt, wird er gleichsam "um die ganze Welt spazieren". Die nötige Fitness hat er sich mit Gewichtheben, Handball und Jogging angeeignet. Doch vor diesem Abenteuer muss noch die unbemannte Agena-Rakete angesteuert werden. Diese Oberstufe ist nach dem gleichnamigen Kniestern des Sternbilds Zentaur getauft. Als "Commonwealth-Star" ziert er zusammen mit dem Kreuz des Südens die australische Flagge.

Normalerweise wird die Agena von der US-Air Force eingesetzt, um Militärsatelliten ins All zu bringen. Im Auftrag der NASA hat man sie ein wenig umgebaut. Das starke Triebwerk der schmächtigen, sieben Meter langen Agena lässt sich im All mehrmals starten; manche sprechen spöttisch von einer "wiederanzündbaren Zigarre". Außerdem besitzt auch die Agena mehrere kleine Lageregelungstriebwerke, die ihre Ausrichtung im Raum steuern. Am wichtigsten ist jedoch der Andockadapter, der sich am vorderen Ende der Rakete befindet.

Die Agena wurde exakt 90 Minuten vor der Gemini in den Orbit gebracht. Deren Radargerät erfasst sie im dritten Umlauf, aus einer Distanz von 332 Kilometern. In 140 Kilometer Entfernung machen die Astronauten ihr Zielobjekt selbst aus, zunächst als hellen Stern. Der Computer übernimmt den Anflug.

Einparken im All

Die letzten Meter steuert Armstrong per Hand. Bei jedem Herzschlag kommt er der Agena um acht Zentimeter näher. Dann dringt die Nase der Gemini in den Andockstutzen der Agena ein. Scott findet das Manöver so einfach, "wie das Parken in einer freien Garage".

Erstmals in der Geschichte der Raumfahrt sind nun zwei Fahrzeuge fest miteinander in der Umlaufbahn verbunden. Doch nach einer halben Stunde beginnt das Gespann plötzlich um seine Längsachse zu rollen. Scott schaltet das Lageregelungssystem der Agena ab. Doch nun wirbelt man um alle drei Achsen. Armstrong versucht, mit dem OAMS der Gemini gegenzusteuern. Die Treibstoffreserven sinken dabei auf 13 Prozent. Schließlich geben die Männer auf und koppeln wieder ab.

Ohne die Masse der Agena taumelt die Gemini jetzt aber noch schneller. Ihr OAMS-Triebwerk Nummer 8 schaltet sich nämlich willkürlich ein und aus, wohl wegen eines elektrischen Defekts. Die beiden Astronauten sitzen in einer orbitalen Zentrifuge fest. Sie sind drauf und dran, das Bewusstsein zu verlieren. In jeder Sekunde blitzen Sonne und Erde von neuem vorbei, wie ein gigantisches Stroboskop. Armstrong und Scott kämpfen ums Überleben. Die Bodenkontrolle ist gerade außer Funkreichweite.

Es gibt nur noch eine Chance, das todbringende Ringelspiel zu beenden. Dazu muss Armstrong das zweite Lageregelungssystem aktivieren. Es ist ausschließlich dafür gedacht, das Schiff für den Wiedereintritt in die Lufthülle korrekt auszurichten. Dieser überlebenswichtigen Funktion wegen genießt es Priorität und sollte das fehlerhafte OAMS sofort abschalten. Falls nicht, gibt es keine Rettung mehr.

Sehen kann Armstrong den entsprechenden Schalter über seinem Kopf kaum noch. Doch als erfahrener Jetpilot hat er sich die Position aller Kontrollen eingeprägt; er findet den Schalter blind. Tatsächlich kommt das Schiff nun zur Ruhe. Allerdings verfügt das Zweitsystem nur über sehr wenig Treibstoffreserven. Die Crew muss also rasch landen und deshalb auf Scotts Ausstieg verzichten.

Notlandung

Über dem nächtlichen Afrika zündet man die vier Bremsraketen. Dann geht zum letzten Mal die Sonne auf. Nach dem Höllenritt durch die Lufthülle öffnet sich der Fallschirm. Die Männer sehen nicht, wohin er sie trägt. Auf Festland würde die Kapsel zerschellen; daher müsste man jetzt die Schleudersitze betätigen. Über Wasser wäre dies aber ein fataler Fehler. Zum Glück erspäht Armstrong den blauen Ozean gerade noch rechtzeitig. Die Astronauten bleiben in ihrem Gefährt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-18 13:53:07
Letzte Änderung am 2018-05-14 23:22:13



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