Russland zieht an der Grenze zur Ukraine Truppen zusammen und lässt Panzer auffahren, während die ganze Woche fieberhaft versucht wurde, den Konflikt zu entschärfen. Man hat verhandelt, gedroht und versucht, irgendwie eine gemeinsame Basis zu finden. Jetzt herrscht Ratlosigkeit: Ist die Kriegsgefahr gebannt oder steuert Europa nur fünfeinhalb Autostunden von Wien entfernt tatsächlich auf eine militärische Konfrontation zu? Handelt es sich bei den drastischen Worten Russlands, der Nato und des OSZE-Vorsitzes nur um Kulisse und wie könnte ein Krieg mit Russland, so der doch Wirklichkeit wird, aussehen? Auf diese Fragen sollen hier Antworten gefunden werden.

Eine Woche lang wurde verhandelt. Was hat es gebracht?

In einem Punkt waren sich beide Seiten einig: Es war gut, dass man mit der längeren Funkstille gebrochen und wieder miteinander gesprochen hat. Auch betonten Politiker beider Seiten, weiter miteinander reden zu wollen. In der gegenwärtig angespannten Lage ist das bereits ein Fortschritt. Das sollte aber nicht überdecken, dass man sich inhaltlich keinen Millimeter angenähert hat. Und dass Russland signalisiert, nicht ewig reden zu wollen: Gebe es keine "konstruktive Antwort auf unsere Vorschläge", müsse Moskau "die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um das strategische Gleichgewicht zu gewährleisten und unannehmbare Bedrohungen für die nationale Sicherheit zu beseitigen", sagte der russische OSZE-Botschafter Alexander Lukaschewitsch.

Wie wahrscheinlich ist jetzt, dass es zum Krieg kommt?

An sich ist das Interesse Russlands an einem Krieg mit der Ukraine gering. Bei einem Angriff auf das Nachbarland auf breiter Front hätte Russland weit mehr zu verlieren als zu gewinnen: Die Sanktionen des Westens, die Russlands Wirtschaft schon in den letzten Jahren geschadet haben, würden neue Dimensionen erreichen, und Moskau müsste ein riesiges Gebiet sichern, dessen Bevölkerung ihm feindselig gegenübersteht. Zudem wäre ein Angriff auf die Ukraine auch in Russland nur wenig populär. Andererseits will Moskau einen Nato-Beitritt der Ukraine um so gut wie jeden Preis vermeiden. Die Grenze zwischen einer Nato-Ukraine und Russland sowie dem mit Russland verbündeten Belarus ist lang und schwer zu sichern, der Weg ins Herz Russlands offen. Sollte man im Kreml zum Schluss kommen, dass ein Militäreinsatz das geringere Übel ist, wird man ihn wagen - aller Opfer zum Trotz.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will sein Land in die Nato führen. 
- © APAweb / afp, John Thys

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will sein Land in die Nato führen.

- © APAweb / afp, John Thys

Wie könnte eine Lösung in der Konfrontation aussehen?

Eine mögliche Lösung bestünde in einer Neutralität der Ukraine. Bei einem solchen Modell bekäme Russland seine geforderten Sicherheitsgarantien, und die dann neutrale Ukraine könnte sich - ähnlich wie Finnland und Österreich in der Zeit des Kalten Krieges - möglicherweise in Ruhe nach Westen orientieren und dringend nötigen inneren Reformen widmen. Eine solche Lösung ist freilich nur wenig wahrscheinlich: Im Budapester Memorandum hatte sich die Ukraine in den 1990er Jahren dazu verpflichtet, ihre Atomwaffen an Russland abzutreten, und dafür von Moskau Garantien bekommen, dass ihre Grenzen unangetastet bleiben. Im Moment des Konflikts 2014 waren diese Garantien jedoch nichts mehr wert, Russland annektierte die Krim und stützte die Rebellen im Donbass. Kiews Vertrauen, dass eine ukrainische Neutralität respektiert werden würde, dürfte also bei null liegen. Außerdem müsste in einem solchen Fall wohl auch Moskau der Ukraine bei den Streitfällen Donbass und Krim entgegenkommen. Eine Rückgabe der Krim wäre für Putin allerdings ein enormer Gesichtsverlust - und ist deshalb wohl undenkbar.

Wie könnte ein Krieg mit Russland aussehen?

Neben einem klassischen Feldzug, wie er im 20. Jahrhundert üblich war, stehen Kreml-Chef Wladimir Putin noch ganz andere Mittel zur Verfügung. Der gelernte Geheimdienstler hat bei der Annexion der Krim 2014 auf Soldaten gesetzt, die keine Hoheitszeichen trugen, damit nicht zuordenbar waren und die nach und nach eingesickert sind. Es gibt viele Wege, die Lage in einem andern Land zu destabilisieren. Cyber-Attacken sind ein bewährtes Mittel. Zuletzt kam es zu einem massiven Hackerangriff auf Internetseiten der ukrainischen Regierung. Ein Cyberangriff könnte unter Umständen auch die Strom- oder Wasserversorgung lahmlegen.

Russland fühlt sich vom Westen bedroht. Zu Recht?

Im Westen wertet man die Ängste Russlands vor Einkreisung als Phobien einer beleidigten Ex-Großmacht. Nato und USA betonen immer wieder das Recht der Ukraine, als souveräner Staat über ihre Außen- und Sicherheitspolitik selbst zu entscheiden. Sie erklären, dass es ihnen nicht um Einflusssphären ginge - im Gegensatz zu Russland, dem ein längst überwunden geglaubtes Großmachtdenken vorgeworfen wird. Dabei ignoriert der Westen, dass die Erweiterung der "Friedens- und Sicherheitszone" der Nato in Moskau als Erweiterung der westlichen Einflusssphäre gewertet wird. Auch wenn man vermutlich auch im Kreml nicht an ein Szenario wie bei Hitler 1941 und Napoleon 1812 glaubt (beide sind mit großen Armeen in Russland einmarschiert): Die mögliche Erweiterung des westlichen Militärbündnisses um die in weiten Teilen russischsprachige Ukraine erzeugte in Kombination mit der Kündigung von wichtigen Rüstungskontrollverträgen durch die USA für Russland ein Deja-vu-Erlebnis. Man fühlt sich an traumatische Stunden der eigenen Geschichte erinnert. Im Kreml hält man es für möglich, dass es den USA darum geht, Russland und seine Rohstoffe unter seine Kontrolle zu bekommen und das Land möglicherweise aufzuteilen. Es geht also in des Kremls Sicht um alles - entsprechend weit wird Moskau gehen, wenn es das Gefühl hat, dass keine Verhandlungslösung mehr möglich ist.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (l.) und Russlands Vizeaußenminister Alexander Gruschko (r.) waren sich bei den jüngsten Gesprächen im Nato-Russland-Rat uneins. 
- © APAweb / afp, Olivgier Hoslet

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (l.) und Russlands Vizeaußenminister Alexander Gruschko (r.) waren sich bei den jüngsten Gesprächen im Nato-Russland-Rat uneins.

- © APAweb / afp, Olivgier Hoslet

Wie lange würden die ukrainischen Streitkräfte in einem konventionellen Krieg standhalten?

Dass Russland der Ukraine militärisch haushoch überlegen ist, liegt klar auf der Hand. Allerdings gibt es zahlreiche Beispiele, wo der scheinbar hoffnungslos Unterlegene den Spieß zumindest zeitweise umdrehen konnte. Als die Sowjetunion 1939 Finnland angriff, holte sich die Rote Armee eine blutige Nase. Die Finnen konnten sich phasenweise mit einfachen Mitteln erfolgreich verteidigen. Auch die ukrainische Armee ist nicht wehrlos, sie hat durch die Kämpfe mit russischen Freischärlern in Donezbecken Erfahrungen gesammelt und verfügt über moderens Kriegsgerät. Etwa über türkische Drohnen und Panzerabwehrraketen aus den USA. Vor allem Letztere können Invasoren empfindliche Verluste zufügen. So hat die Hisbollah der israelischen Armee bei Kämpfen im Libanon 2006 mit panzerbrechenden Raketen übel mitgespielt. Militärexperten gehen davon aus, dass der russischen Armee im Fall einer Besetzung der Ukraine ein verlustreicher Partisanenkrieg droht.