Eine Ukrainerin trägt ihr Kind über die Grenze nach Polen. 
- © afp, Angelos Tzortzinis

Eine Ukrainerin trägt ihr Kind über die Grenze nach Polen.

- © afp, Angelos Tzortzinis

Der Einlass gestaltet sich so umstands- wie formlos, dank eines EU-Passes und eines tags zuvor hastig organisierten Empfehlungsschreibens des Militärs. Ein Blick, ein Stempel, ein "Danke fürs Kommen und viel Glück" und schon steht man auf der anderen Seite. Seit drei Wochen steht die Ukraine unter Beschuss, aber wer die Grenze nahe der polnischen Kleinstadt Przemysl dieser Tage zu Fuß überquert, hört weder Einschläge noch das Pfeifen von Kugeln. Alles scheint auf seltsame Weise geordnet: die provisorischen Zeltlager, in denen die Flüchtlingsströme Erstaufnahme finden; die Holzverschläge, aus denen die Mitarbeiter von internationalen Hilfsorganisationen und NGOs warmes Essen, Kaffee und Tee ausschenken; der Pavillon, der die Möchtegern-Kämpfer der "Foreign Legion" empfängt und per Kleinbus über das Land verteilt.

Polens Zöllner kontrollieren Pässe nicht mehr so genau

Während an diesem Donnerstagmorgen im Frühling 2022 nur eine Handvoll Leute die Grenze Richtung Ukraine überqueren, warten auf der anderen Seite drei bis vier Hundertschaften darauf, sich in die entgegengesetzte Richtung aufzumachen. Ihr einziger Trost besteht darin, dass alles noch schlimmer sein könnte. In den vergangenen Tagen sind die Temperaturen gestiegen, den Gefrierpunkt erreichen sie nur mehr nachts. Aufgrund des Ausnahmezustands, der es Männern im wehrfähigen Alter verbietet, das Land zu verlassen, flüchten nahezu ausschließlich alte Menschen, Frauen und Kinder.

Viele tragen so viel bei sich, wie sie können, und manche noch mehr. Aber so sehr ihnen die Strapazen der Reise, die sie aus allen Teilen der Ukraine hierher gebracht hat, ins Gesicht geschrieben stehen und so abgekämpft und müde sie sein mögen: Sie haben es geschafft. Die russischen Bomben, Kugeln und anderen Geschoße, die gefühlt unentwegt auf ihre Häuser und Wohnungen fallen, können sie hier nicht mehr erreichen. Nach Polen sind es nur mehr ein paar Meter und die Zöllner nehmen es mit der Passkontrolle sichtlich nicht mehr so ernst, wie sie es taten, bevor Wladimir Putin den Angriff auf das Nachbarland befahl.

Auch alte Leute werden im Rollstuhl über die Grenze gebracht. 
- © afp, Wojtek Radwanski

Auch alte Leute werden im Rollstuhl über die Grenze gebracht.

- © afp, Wojtek Radwanski

Auch wenn der Strom an Leibern aus dem Osten, der sich vor den Invasoren auf (relativ) sicheres EU-Gebiet retten will, bis heute nicht abreißt, hat er sich laut den Helfern, die sie auf der polnischen Seite empfangen, in den vergangenen Tagen doch merklich ausgedünnt. Den Neuankömmlingen hilft das freilich wenig. In grenznahen Städten wie Przemysl sind die Kapazitäten erschöpft. Weil es keinen Platz mehr für die Unterbringung der ukrainischen Flüchtlinge gibt, bemühen sich die Behörden im Tandem mit lokalen und internationalen Helfern, sie so umstandslos wie möglich weiter ins Landesinnere zu transportieren.

"Konnte nicht mehr zusehen bei dem, was passiert"

Gelingen tut das dank Leuten wie Jonasz und Kamil. Ihre Nachnamen wollen die ehemaligen Berufssoldaten nicht verraten, aber die Insignien auf der Uniform des Letzteren und sein hellblaues Barett zeugen von langjähriger Erfahrung mit Ausnahmesituationen: Bosnien, Kosovo, Irak, Golan. Jonasz und Kamil engagieren sich freiwillig bei Stowarzyszenie Weteranow Misji, einer Veteranenorganisation der polnischen Armee.

Deren Mitglieder helfen seit Wochen an den Grenzübergängen ihres Landes zur Ukraine in verschiedensten Funktionen aus. Der Militärucksack von Jonasz ist entsprechend nicht mit Waffen, sondern bis oben hin mit Spielzeug und Stofftieren vollgestopft: "Für die Kinder, die ihre Väter zurücklassen mussten. Ersetzen kann ihnen die keiner. Aber alles hilft, was sie ein bisschen ablenkt." Auch wenn er und sein Kamerad bestätigen, dass sich die Situation mittlerweile ein wenig eingependelt hat, erwarten sie so schnell keine Besserung: "Wir konzentrieren uns auf das, was wir tun. Egal, wie lange es dauert."

Ein Schwur, den er heute mit Leuten aus aller Herren Länder teilt, die sich dieser Tage Richtung Ukraine aufmachen. Unter der Handvoll, die Donnerstagmorgen die Grenze bei Przemysl zu Fuß überqueren, finden sich auffallend viele Nordamerikaner: ein Pastor aus dem kanadischen Ontario, der in Lwiw bei einer Schwestergemeinde aushelfen will; ein in Las Vegas lebender IT-Fachmann aus Texas, der sich eine Auszeit genommen hat, um fürs Rote Kreuz zu arbeiten; Joe aus West Virginia, ein ehemaliger Marine, der nicht einmal einen Koffer bei sich hat, sich aber laut Eigenauskunft "irgendwie nützlich machen will da drüben. Ich bin nicht mehr der Jüngste, aber ich konnte einfach nicht mehr zuschauen bei dem, was passiert."

Ein Hilfszelt im polnischen Medyka an der Grenze. 
- © afp, Louisa Gouliamaki

Ein Hilfszelt im polnischen Medyka an der Grenze.

- © afp, Louisa Gouliamaki

Wer sich dieser Tage von Polen aus Richtung Ukraine aufmacht, bekommt indes auch eine Ahnung davon, dass die überwältigende Anteilnahme der Polen am Schicksal der Bürger ihres Nachbarlandes gewisse Grenzen hat - nicht für Letztere, aber für Menschen, deren Situation sich kaum weniger gefährlich, aber komplizierter darstellt. Victoria und Aleysa sind Freundinnen, die vor einem Monat aus einer Kleinstadt im Westen von Belarus nach Polen kamen, um hier zu arbeiten. Die Agentur, die ihnen gegen ein Entgelt legale Arbeit in Krakau versprochen hatte, löste sich von heute auf morgen in Luft auf.

Am Rand der Obdachlosigkeit

Ihr Entschluss, trotzdem in Polen Geld zu verdienen, um ihre Familien zu unterstützen - beide sind alleinerziehende Mütter, die ihre insgesamt vier Kinder bei den Großmüttern zurückließen -, hat sich durch die Rolle ihres Heimatlandes im Ukraine-Krieg nur noch verstärkt: "Die Belarussen wollen diesen Krieg nicht. Egal, was Lukaschenko sagt." In der Hoffnung, auf anderem Weg als dem geplanten Arbeit zu finden, lebten sie in den vergangenen Wochen von der Hand in den Mund und gerieten an den Rand der Obdachlosigkeit.

Zurückgehen kommt für sie trotzdem nicht in Frage: "Wir haben zu viel durchgemacht in unserem Land. Wir haben keine Lust mehr. Wir wollen hier bleiben, arbeiten und unsere Kinder nachholen. Die Ukrainer bekommen alles und das ist auch gut und gerecht so. Aber was ist mit uns?"