Mehrere Etagen eines Wohnhauses der 30er Jahre geht es hinunter, vorbei an vergilbten Fliesen und abblätternder Farbe. Die Wände in den Bauten aus der Stalin-Ära sind massiv, am Ende des kalten Korridors, in dem jeder Schritt laut hallt, steht auf einer blaugrauen Türe mit rostroter Farbe: Modeatelier. So vieles passt nicht zusammen in Charkiw, so vielem wohnt eine seltsame Ironie inne, so vieles wirft Fragen auf, auf die es keine Antworten gibt.

Charkiw ist die zweitgrößte Stadt der Ukraine - genauer: war einmal die zweitgrößte Stadt der Ukraine, denn von den rund 1,4 Millionen Bewohnern ist ein Großteil vor dem Angriff der russischen Armee geflohen: In Richtung Westen in die 300.000-Einwohner-Stadt Poltawa, nach Kiew, Lwiw oder gleich weiter in Länder der EU. Geblieben sind Freiwillige und einsame Menschen.

Galina lebt seit Monaten im Keller eines Hauses aus den 1930er Jahren. - © T. Seifert
Galina lebt seit Monaten im Keller eines Hauses aus den 1930er Jahren. - © T. Seifert

Lujdmila ist eine der Freiwilligen. Sie arbeitet für die Caritas Charkiw und betreut Menschen wie Galina, die seit Monaten im Keller hinter der blaugrauen Modeatelier-Türe ausharrt. Im Kellerkorridor hat Galina einen Tisch aufgestellt, in einem Tupperware-Behälter hat sie Erdnüsse, ganz hinten rechts sind in einem dunklen Raum, der nur von einer bunten LED-Lichtgirlande erleuchtet ist, zwei Matratzen und ein paar Decken. Die Modeatelier-Türe, die Lichtgirlande, die die Schlafkoje in eine unpassende Weihnachts- oder Discobeleuchtung taucht.

Es macht keinen Sinn, in diesem sinnlosen Krieg nach Zeichen oder nach Bedeutung zu suchen. Die ostukrainische Stadt Charkiw steckt seit Beginn des Angriffskrieges der Russischen Föderation in einer postapokalyptischen Realität fest. Der Kreml ließ die ukrainische Stadt mit Raketen und Artillerie beschießen und aus der Luft bombardieren. Saltiwka, ein Wohnbezirk im Nordosten der Stadt, wurde verwüstet, es gibt aber auch in vielen anderen Vierteln erhebliche Zerstörung. Ein Viertel der Wohnungen sollen völlig zerstört sein. Die Menschen leben seit Ende Februar im Untergrund, in den Metro-Stationen der U-Bahn oder in den Kellern ihrer Häuser.


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Erstmals gibt es nun ein Aufatmen in der Stadt: Die ukrainischen Einheiten haben die russischen Okkupanten weit aus der Stadt zurückgedrängt, erstmals seit Beginn des Krieges besteht bei den Einwohnern die berechtigte Hoffnung, dass die Lage in Charkiw sich bessert. In den vergangenen Tagen wurde der Beschuss Tag für Tag weniger, denn die Stadt rückte außerhalb der Reichweite der russischen Artillerie und der gefürchteten BM-21-Grad-Mehrfachraketenwerfer, auch wenn die russische Armee immer noch Ziele in der Stadt mit BM-27 Uragan-Raketen, 3M-54 Kalibr, 9K720 Iskander, BM-30 Smertsch oder mit Bomben aus der Luft treffen kann. Trotzdem: Die Menschen wagen sich vielleicht bald wieder an die Oberfläche.

Caritas-Mitarbeiterin Ljudmila versorgt die Senioren. - © T. Seifert
Caritas-Mitarbeiterin Ljudmila versorgt die Senioren. - © T. Seifert

Galina, 71 Jahre, kurze Haare, burschikoser Typ, lebt seit 16. März im Keller, weil sie die Explosionen in Saltiwka nicht mehr ertragen konnte. Wie eine Frau, die schnell in Panik gerät, wirkt Galina nicht, sie ist auch erst in den Untergrund gegangen, nachdem die Fenster ihrer Wohnung nach einem Einschlag in der Nähe geborsten sind und es auch keinen Strom mehr gab, erzählt sie: "Freiwillige haben mich dann in diesen Keller gebracht."

Aber wie schafft sie das alles, wie geht es jemanden, der nach einem harten Arbeitsleben in der Fabrik alles verloren hat? Ein Blick als Antwort. Caritas-Helferin Lujdmila versteht und legt ihre Hand auf Galinas Oberarm. Ob sie alles bekommt, was sie braucht, fragt Lujdmila: "Ich brauche nicht viel, nur Frieden", sagt sie.

Lujdmila trägt ein schwarzes T-Shirt, "PRVCTR Paris - designed with love," und für sie ist es genauso wichtig, den von ihr betreuten Menschen Zuneigung zu schenken, wie ihnen Lebensmittel und Medikamente zu geben. 60 Seniorinnen und Senioren versorgt sie, sie kann sie dank der finanziellen Hilfe von internationalen Caritas-Organisationen (darunter Polen, Deutschland und Österreich) mit Essen und Medikamenten versorgen. "Aber Insulin oder Blutdruckpräparate zu finden, wird immer schwieriger. Wir brauchen weiter Hilfe aus dem Ausland. Sehr viel Hilfe", sagt Lujdmila.

Caritas-Hilfe auf den Straßen von Charkiw

Auf der Straße, nicht weit vom Keller, in dem Galina lebt, verteilen Freiwillige der Caritas Polen Lebensmittel aus LKW. Die Schlange der Hilfsbedürftigen ist lang, es sind rund 900 Bewohner der Stadt hierhergekommen, um Brot, Wasser, Reis, Fleisch und Kartoffeln zu erhalten. Der aus Polen stammende Geistliche Wojciech Stasiewicz ist Direktor der Caritas Charkiw und berichtet, dass er mit seinen Freiwilligen zweimal wöchentlich in diesen Park kommt, um die Hilfsgüter an jene Menschen zu verteilen, die kaum mehr Geld haben, um sich Essen leisten zu können. "Es geht aber nicht nur ums Helfen, es geht auch darum, hier bei den Menschen zu sein und ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein in ihrem Leid sind."

Szenenwechsel. Im Viertel Iwaniwka riecht es nach Keksen und Schokolade - eine große Biskuitfabrik prägt das olfaktorische Bild des Viertels. In einer Wohnung mit Holzeinbauschrank, Plüschsofa und schweren Vorhängen läuft der Fernseher, eine ältere Dame wird von ihrer Tochter an die rostrote Gartentüre geleitet, sie wird gestützt, doch die verwirrt wirkende Frau mag zuerst nicht über die Schwelle, mag nicht in den schwarzen Toyota Prado einsteigen, der schon auf sie wartet und sie in ein Pflegeheim bringen soll. Die Frau hat Alzheimer, Andrei Bikow von der Hilfsorganisation "Through the War" will sie in Sicherheit bringen.

Andrei Bikow trägt einen Parka über einer tarnfarbenen Splitterschutzweste, er hat während der ganzen Zeit des Krieges Senioren in Pflegeheime überstellt. Es gelingt ihm, die Alzheimer-Patientin zu überreden, ins Auto zu steigen. Als sie dann 20 Minuten später in ihrem neuen Zimmer, in ihrem neuen Heim sitzt, kniet Andrei vor ihr und greift nach ihrer Hand. Minutenlang sind die beiden ganz still, ihre Silhouetten zeichnen sich sanft im Gegenlicht ab. In diesem Zimmer wird die Frau den Rest ihres Lebens verbringen, eine Pflegerin legt sie ins Bett und deckt sie mit einer hellblauen Frotteedecke mit weißen Sternen zu. Ihre weißen Mokassins stehen mitten im Zimmer, als die Türe geschlossen wird. "Ich will, dass die Frau hierbleiben kann, denn die Alternative für sie ist ein Spital."

Andrei Bikow bringt eine Alzheimer-Patientin ins Pflegeheim. 
- © Thomas Seifert

Andrei Bikow bringt eine Alzheimer-Patientin ins Pflegeheim.

- © Thomas Seifert

Die betagten Menschen in Charkiw haben seit dem Krieg Blutdruckprobleme und Stress, viele leiden auch an Posttraumatischem Stresssyndrom (PTSD), sagt Christian, der eigentlich in einem Spital für Kriegsveteranen in Palo Alto, Kalifornien arbeitet, aber drei Monate lang in der Ukraine als Freiwilliger Dienst versieht. Die Alten, die Senioren, die Betagten und Pensionisten würden besonders unter dem Krieg leiden - "wer niemanden mehr hat, der blieb hier in Charkiw. Aber wer kümmert sich um diese Menschen?"

Der Historiker Sergey Kudelia (er war zuletzt Gast beim Europäischen Mediengipfel in Lech/Arlberg) sagte vor kurzem in einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Wir erleben in der Ukraine gerade die schlimmste demografische Krise der jüngeren Geschichte des Landes. Tausende von Menschen sind diesem russischen Angriffskrieg bisher zum Opfer gefallen, Millionen von Menschen haben das Land verlassen. Die Frage ist: Wie viele derer, die flüchten mussten, werden in die Ukraine zurückkehren?" Doch wer kümmert sich um die einsamen betagten Menschen, die in den Städten und Dörfern geblieben sind, in denen sie ihr Leben verbracht haben?

Mitarbeit: Alexander Solodkiy