Für die Besatzung der "Riva Wind" endete die Odyssee in der Nacht auf den 15. März. Nachdem bereits in den Tagen davor mehrere Gruppen philippinischer Seeleute heimgeholt worden waren, landeten auch die 21 Männer, die an Bord des auf den Marshall-Inseln registrierten Frachters angeheuert hatten, auf dem Ninoy Aquino International Airport in Manila.

Während die Crew längst gerettet ist, steckt die fast 200 Meter "Riva Wind" allerdings noch immer in Odessa fest. Auch mehr als 80 Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ist an eine Ausfahrt aus dem ehemals wichtigsten Hafen des Landes nicht zu denken. In unmittelbarer Nähe der Küste treiben Seeminen, die hier aus Angst vor amphibischen Landungsoperationen großflächig ausgebracht wurden, doch die noch viel größere Gefahr stellen die Kriegsschiffe der russischen Schwarzmeer-Flotte dar, die weit draußen auf hoher See lauern. Die Regierung in Moskau hat zwar offiziell nie von einer Blockade der ukrainischen Häfen gesprochen, doch nach all den russischen Angriffen gegen die wirtschaftliche und zivile Infrastruktur glaubt niemand in Odessa, dass die Russen die Frachter mit ukrainischen Waren unbehelligt passieren lassen würden. Und dass ein Schiff von der russischen Marine aufgebracht oder sogar beschossen wird, will derzeit kein Reeder riskieren.

Keine Alternative zum Seeweg

Die "Riva Wind" ist allerdings nur eines von vielen Schiffen, die infolge des Krieges festsitzen. Laut der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation IMO liegen derzeit 84 Frachter und Tanker in den ukrainischen Häfen und können nicht auslaufen. Der vergleichsweise wenig beachtete, aber sehr zielgerichtet geführte Krieg gegen die ukrainische Wirtschaft läuft für Russlands Präsident Wladimir Putin damit wesentlich besser als die militärische Offensive im Osten. Denn während die russischen Truppen im Donbass nur langsam vorankommen und die Einkesselungsversuche in den vergangenen Wochen immer kleiner ausgefallen sind, gefährdet der Beschuss von Produktionsanlagen und Verkehrsinfrastruktur zusammen mit der Hafenblockade bereits das gesamte Wirtschaftssystem. Laut einer Analyse des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) wurden in jenen Regionen, in denen die Wirtschaft nun wegen des Krieges zum Erliegen gekommen ist, 53 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet und 43 Prozent aller Industriegüter produziert. Über die nun blockierten Schwarzmeerhäfen wurden mehr als 50 Prozent der Exporte abgewickelt. "Die Ukraine wird in diesem Jahr wohl knapp 40 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts einbüßen", sagt Olga Pindyuk, die beim WIIW für die Ukraine zuständig ist, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Das ist quasi der größtmögliche Schock für die Wirtschaft des Landes."

Schon seit dem Beginn des Krieges versucht die Regierung in Kiew daher, die Ausfälle der Schwarzmeerhäfen zu kompensieren. Doch der Transport über Straße und Schiene ist nicht nur viel teurer als über den Seeweg, er ist auch deutlich schwieriger zu organisieren. So besitzt die ukrainische Eisenbahn eine andere Spurweite als die der EU-Staaten, an der Grenze müssen Getreide und Industrieprodukte daher mühsam und mit großem zeitlichen Aufwand umgeladen werden. Hinzu kommen Kapazitätsprobleme und administrative Hürden für das Nicht-EU-Mitglied Ukraine, die jetzt schon für Staus und lange Wartezeiten sorgen. "Die bestehende Grenzübergänge sind für einen massiven Zuwachs nicht ausgelegt, da fehlen beispielsweise Ressourcen bei den Einfuhrkontrollen und Sanitätschecks", sagt Pindyuk. "Zudem gibt es auch viel zu wenige Waggons und Getreidesilos."

Zusammen mit geringeren Zolleinnahmen und den höheren Ausgaben für die viele zusätzlichen Soldaten reißt der Einbruch bei den Exporten mittlerweile ein massives Loch in das ukrainische Budget. Laut Finanzminister Sergej Marchenko klafft zwischen Ausgaben und Einnahmen trotz der bisher kaum eingebrochenen Lohnsteuererträge jeden Monat eine Lücke von 5 Milliarden Dollar.

Gestopft wird diese derzeit vor allem vom Ausland. Das US-Repräsentantenhaus hat erst kürzlich für weitere Ukraine-Hilfen im Umfang von 40 Milliarden Dollar gestimmt, von denen fast ein Viertel für die Unterstützung der Wirtschaft vorgesehen sind. Hilfe kommt auch von der EU, die der Ukraine Kredite in Höhe von 9,5 Milliarden versprochen hat, um die Liquidität zumindest bis Juni sicherzustellen, und dem Internationalen Währungsfonds.

Konvoi soll Blockade brechen

Doch ob das Geld auch in den kommenden Monaten noch so fließen wird, ist ungewiss, und viele der Hilfsmaßnahmen umfassen Kredite, die die Ukraine auch irgendwann einmal zurückzahlen wird müssen. Laut Finanzminister Marchenko, der davon ausgeht, dass der Krieg noch länger als drei bis vier Monate dauern wird, kann die Ukraine daher nicht so weitermachen. "Das ist nicht nachhaltig", sagt er gegenüber dem britischen "Economist".

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Fiskalpolitisch sind Marchenkos Möglichkeiten allerdings beschränkt. Wenn sich der Krieg so wie erwartet noch weiter in die Länge zieht, bleiben neben den bereits jetzt schon ausgegebenen Kriegsanleihen nur noch massive und schmerzhafte Steuererhöhungen sowie drastischen Kürzungen bei den Ausgaben als Optionen über.

Immer öfter wird daher über ein Brechen der russischen Blockade im Schwarzen Meer nachgedacht, die nicht nur für die ukrainische Exportwirtschaft ein massives Problem darstellt, sondern auch die Lebenmittelversorgung in Afrika und im Nahen Osten gefährdet. Ohne die Lieferungen aus der Ukraine, die vor dem Krieg zu den größten Weizenexporteuren gehört hat, drohen in vielen Ländern wegen der gestiegenen Brotpreise Hunger und soziale Unruhen.

Als Mittel zur Öffnung der ukrainischen Häfen werden derzeit vor allem Konvois diskutiert. So hat der ehemalige US-Admiral James Starvidis vorgeschlagen, sich ein Beispiel an der US-geführten Operation "Ernest Will" im Iran-Irak-Krieg zu nehmen, als Kriegsschiffe der Navy und ihrer Verbündeten Öl-Tanker aus dem Persischen Golf hinausbegleitet haben. Andrey Stavnister, der Besitzer des größten privaten Hafenterminals in der Ukraine, spricht sich dagegen für einen internationalen UN-Geleitzug unter Führung der Türkei aus.

Doch die Länder, die Schiffe für einen solchen Konvoi stellen würden, stehen vor einem ähnlichen Dilemma wie bei der in den ersten Kriegswochen diskutierten Flugverbotszone über der Ukraine. "Geleitzüge werden im Augenblick noch als unangemessen provokative Maßnahme angesehen, die zu einer direkten Konfrontation mit der russischen Marine führen könnte", schreibt der britische Militärhistoriker und Sicherheitspolitikexperte Lawrence Freedman in einer Analyse. "Entsprechend vorsichtig ist die Nato auch hier."

Raketen als Alternative?

Laut der Nachrichtenagentur Reuters, die sich auf zwei Insidern beruft, arbeiten die westlichen Staaten derzeit allerdings schon an einer Alternative. So soll die Ukraine fortschrittliche Anti-Schiffs-Raketen vom Typ Harpoon oder NSM geliefert bekommen, die Ziele in einer Entfernung von bis zu 300 Kilometer treffen können. Russische Kriegsschiffe könnte damit effektiv von den Küsten ferngehalten werden. Wann die ersten Harpoons oder NSM tatsächlich geliefert werden, ist allerdings fraglich. Den zwei Insidern zufolge gibt es inzwischen zwar eine Reihe von Staaten, die grundsätzlich zur Lieferung bereit wären. Allerdings wolle niemand dies aus Furcht vor der russischen Reaktion als Erster tun.