Der Krieg in der Ukraine wird tausende Kilometer entfernt genau beobachtet - nämlich in der Volksrepublik China. Die chinesische Armee will ihre Lehren aus dem russischen Angriff ziehen - viele der offengelegten Schwächen der russischen Streitkräfte finden sich als dringend geforderte Neuerungen in den strategischen Richtlinien für Generalstabsoffiziere der Volksbefreiungsarmee wieder. Peking hat dabei vor allem eine Invasion von Taiwan im Blick. Die Volksrepublik betrachtet die demokratisch regierte Insel als abtrünnige Provinz.

Die "Wiedereingliederung Taiwans" ist ein wesentlicher Punkt von Xi Jinpings "Chinesischem Traum des Nationalen Wiederaufstiegs". 2027 wird die Armee den hundertsten Jahrestag ihres Bestehens begehen: der richtige Zeitpunkt für die Invasion? Wenn das unrealistisch klingt, sollte man gerade in Europa erkannt haben, dass autoritäre oder totalitäre Regimes umzusetzen versuchen, was sie programmatisch festhalten. So größenwahnsinnig das auch klingen mag.

Die Streitkräfte erfahren seit Xis Machtübernahme eine deutliche Aufwertung. Der Staats- und Parteichef folgt hier ganz Liu Mingfu, Oberst der Armee und Autor von "Chinas Traum", der Buchvorlage für Xis gleichnamige Strategie: Eine starke Volkswirtschaft ohne schlagkräftige Armee ist wie ein Schaf auf der Schlachtbank.

US-Operationen erinnern China an seine Defizite

Chinas Armee hat keine Kampferfahrung und muss daher aus der Beobachtung lernen. Daher waren Kriege, an denen die US-Streitkräfte beteiligt waren, stets von hohem Interesse für die Planer in Peking. Insbesondere der Golfkrieg von 1990/91 führte zu einer grundlegenden Reform. Nur der Koreakrieg von 1950-53 hatte zu einer ähnlich massiven Umgestaltung der Armee geführt. Jeder Aspekt der US-geführten Operation hatte die chinesischen Militärstrategen an ihre Defizite erinnert.

1993 wurde folglich die Bedeutung der "Integrierten Operationen", also das Zusammenspiel der einzelnen Waffengattungen, in den Mittelpunkt gestellt. 2004 wurde erstmals der Begriff der "Informationization" genannt, also die Bedeutung von Information hervorgehoben. Bei der Reform 2015 wird diese noch deutlicher unterstrichen. Seit August 2020 gilt die "Intelligentization" als zentraler Leitbegriff. Damit wird die Rolle der Aufklärung unterstrichen sowie diversen Hochtechnologien noch größerer Einfluss zugeschrieben. Veröffentlicht werden strategische Leitlinien stets in der Fachpublikation für Generalstabsoffiziere "Science of Military Strategy (SMS)", herausgegeben von der Akademie für Militärwissenschaften und der Nationalen Verteidigungsuniversität.

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Schon die im August 2020 erschienene Ausgabe der SMS nimmt fast alle Problemstellungen vorweg, vor die sich die russische Armee in der Ukraine gestellt sieht. Als Erstes verdeutlicht der für Russland desaströse Verlauf der Kampfhandlungen in den ersten Kriegstagen chinesischen Militärexperten, dass einer Invasion in Taiwan ein intensiver Erstschlag gegen die militärische Infrastruktur der Insel vorausgehen muss.

Genau hierfür bereitet sich Taiwan aber vor: Neben den bereits dieses Jahr in Einsatz gebrachten 12 heimisch-gefertigten Tien-Kung-III-Raketenabwehrsystemen werden neue US-Patriot-Systeme angeschafft, die eine Erstschlagswirkung deutlich eindämmen würden.

Lufthoheit ist nur
schwierig zu erlangen

Als Zweites wurde überraschend klar, dass es selbst für eine hochentwickelte Luftwaffe schwierig sein kann, Lufthoheit zu erlangen. Ohne klare Lufthoheit ist eine Landeoperation an den meist schwierigen Küsten Taiwans aber undenkbar. Taipeh hat bereits reagiert und eine große Anzahl an tragbaren Boden-Luft-Raketen unterschiedlicher Bauart bestellt: FIM-92 Stinger aus den USA sowie britische und norwegische Systeme. An die Ukraine sind nach vorsichtigen Schätzungen 25.000 Stück aus unterschiedlichen Nato-Staaten geliefert worden. Taiwan hat auch bereits die heimische Produktionskapazität für Raketen und Marschflugkörper verdoppelt. Der Verlauf der Kampfhandlungen in der Ukraine hat gezeigt, welche enormen Mengen an Munition gegen einen überlegenen Gegner aufgeboten werden müssen.

Die Kinmen-Inseln sind der äußerste Vorposten Taiwans in der Nähe zur Volksrepublik, die man im Hintergrund sieht. Wo Touristen Abwehrstellungen fotografieren, könnte auch irgendwann ein echter Angriff stattfinden. 
- © AFP / Sam Yeh

Die Kinmen-Inseln sind der äußerste Vorposten Taiwans in der Nähe zur Volksrepublik, die man im Hintergrund sieht. Wo Touristen Abwehrstellungen fotografieren, könnte auch irgendwann ein echter Angriff stattfinden.

- © AFP / Sam Yeh

Neben diesen defensiven Maßnahmen stellen die Marschflugkörper "Hsiung Feng IIE" mit einer Reichweite von 600 Kilometern und "Wan Chien" mit 240 Kilometern Reichweite eine ernsthafte Bedrohung für chinesische Schiffe dar. Ergänzt wird das durch die Lieferung von weiteren 80 Abschussrampen für "Harpoon"- Anti-Schiffs-Raketen noch in diesem Jahr. Welche Gefahr für im Küstenbereich operierende Marineverbände ausgeht, zeigt der Angriff mit einer Anti-Schiffs-Rakete des Typs Neptun auf den russischen Lenkwaffenkreuzer "Moskva" am 13. April.

Eine der wenigen, erfolgreichen Operationen, die die russische Marine bisher durchgeführt hat, ist die Blockade ukrainischer Häfen. China ist sich der doppelten Bedeutung von Minen im Falle einer Invasion bewusst: Denn im Falle einer Invasion gilt es, sowohl Taiwan von der Außenwelt abzuschneiden als auch zu Hilfe eilenden US-Marineverbänden die Operationsfähigkeit zu erschweren. Die Marine unterhält die größte Minenleger-Flotte der Welt. Kriegsführung mit Minen gilt als "Dolch-des Attentäters-Strategie". Das ist eine Metapher für asymmetrische Geheimwaffen.

Eigene Einheit für den Cyber-Krieg

Neben diesen waffentechnischen Beobachtungen zeigt sich die Bedeutung der in der SMS von 2020 publizierten Strategischen Richtlinien überdeutlich: "Integrierte Operationsfähigkeit", das heißt die Koordination von Luft-, See- und Landstreitkräften, sowie aller damit verbundenen Maßnahmen elektronischer Kriegsführung haben in den Augen der Militärexperten in Peking wohl noch deutlicher an Relevanz gewonnen.

Auch erfolgreichen Aufklärungsoperationen und strategischer Frühwarnung wird große Bedeutung zugeschrieben. In beiden Punkten hatte sich die russische Armeeführung als bestenfalls inkompetent erwiesen. Peking hat die Bedeutung mit der Gründung der Strategic Support Force, einer eigenen Cyber-Krieger-Einheit, bereits im Jahr 2015 unterstrichen.

In der SMS wird auch der Punkt "Ideologische Arbeit im Kriegsfall" angeführt. Damit ist mehr als die Hebung der Kampfmoral gemeint. Wie die Zentrale Militärkommission der Kommunistischen Partei unterstreicht, sind die Folgen gegnerischer psychologischer Kriegsführung für Rekruten sehr gefährlich. Auch hier gelten die Fehler der russischen Streitkräfte als alarmierend. Vor allem, da es sich bei den "Amphibischen Einheiten", die den Kern jeder Invasionsarmee bilden, die sich auf den Weg über die 180 Kilometer breite Meerenge der "Straße von Taiwan" machen würde, um Wehrpflichtige handelt.

Ein zentraler Punkt, der den russischen Generalstab noch intensiv beschäftigen wird, der aber auch im chinesischen Hauptquartier bekannt ist, findet sich allerdings in keiner strategischen Richtlinie noch Einsatzdoktrin wieder: Grassierende Korruption gefährdet die Einsatzbereitschaft einer Armee.