Soldaten des berüchtigten Asow-Regiments, die geschlagen und mit hängenden Köpfen von russischen Separatisten in Busse verfrachtet werden. Russische Soldaten, die von der ukrainischen Seite in Pressekonferenzen vorgeführt werden und die, sichtlich eingeschüchtert, den Krieg ihres Präsidenten Wladimir Putin verurteilen müssen. Die Kämpfe in Donezk und Luhansk fordern täglich hunderte Tote, gleichzeitig befinden sich tausende Kämpfer beider Seiten in Gefangenschaft. Ihr Schicksal ist höchst ungewiss. Klar ist: Die internationalen Regeln zum Umgang mit Kriegsgefangenen halten beide Seiten nicht ein.

Wer gilt im gegenwärtigen Krieg in der Ukraine als Kriegsgefangener und wer nicht?

Auf ukrainischer Seite kämpfen Freiwillige aus dem Ausland. Medien berichten, dass auch Deutsche darunter seien, die in den Kämpfen eine Freizeitbeschäftigung sähen. Zwei Briten und ein Marokkaner in russischer Gefangenschaft wurden nun zum Tode verurteilt. Moskau verkündet, dass Söldner nicht als Soldaten im herkömmlichen Sinn betrachtet würden und der Schutz internationaler Konventionen für sie nicht gelte. Nicht besser könnte es den ukrainischen Angehörigen des Asow-Regiments ergehen, die das Stahlwerk in Mariupol verteidigt und sich ergeben haben. Der Kreml erwägt, sie vor ein Tribunal zu stellen. Im schlimmsten Fall droht ihnen die Exekution durch pro-russische Kräfte.

Was sagt die Genfer Konvention dazu?

Um als Kriegsgefangener zu gelten, muss die betroffene Person gemäß gültigem Völkerrecht ein offizieller Beteiligter an einem Konflikt und als solcher erkennbar sein. Das schließt das Tragen einer Uniform des jeweils kriegführenden Landes und das Führen eines Erkennungszeichens ein, die die Person als am Krieg beteiligt ausweisen. Soldaten des österreichischen Bundesheeres etwa tragen zu diesem Zweck vorne auf ihren Kappen eine rot-weiß-rote Kokarde. Das Asow-Regiment, das in Mariupol gekämpft hat, ist mittlerweile in die regulären ukrainischen Streitkräfte eingegliedert. Die Genfer Konvention müsste hier gelten. Die Briten sind Söldner; sie fallen nicht unter die Genfer Konvention.

Worum geht es der russischen Seite?

Moskau führt laut Eigendefinition keinen Krieg in der Ukraine; es handle sich vielmehr um eine "Spezialoperation", um "Verbrecher" zu bekämpfen. Die Angehörigen des Asow-Regiments, von denen tatsächlich viele einen rechtsextremen Hintergrund haben, werden als legitimes Ziel präsentiert. Dazu kommt, dass russische Soldaten nicht nur im Norden von Kiew ganz offensichtlich Kriegsverbrechen begangen haben. Die Ukraine hat als Täter bereits einen jungen russischen Panzersoldaten, verurteilt. Weitere Prozesse werden folgen. Moskau setzt dem entgegen, dass die eigentlichen Verbrecher auf ukrainischer Seite zu finden sind.

Wie erging es seinerzeit Soldaten der Wehrmacht in sowjetischer Kriegsgefangenschaft?

Im derzeit laufenden Krieg zwischen Russland und der Ukraine werden Kriegsgefangene in erster Linie als Propagandawaffe missbraucht. Auch im Zweiten Weltkrieg wurden deutsche Gefangene vom sowjetischen Machthaber Josef Stalin im Triumphzug durch Moskau getrieben. Ab 1945 ging es den Sowjets darum, die von den Nazis zerstörte Heimat wieder aufzubauen. Deutsche - auch viele österreichische - Kriegsgefangene kamen in Arbeitslager und mussten etwa Infrastruktur neu aufbauen. Es wurden Arbeitsbrigaden gebildet, die Zuteilung von Lebensmitteln war häufig an das Erreichen eines täglichen Plansolls gekoppelt. Das hatte zur Folge, dass Brigaden mit körperlich schwächeren Mitgliedern weniger Nahrung zugeteilt bekamen, was die Leistungsfähigkeit weiter senkte. Viele überlebten die russische Kriegsgefangenschaft nicht.

Was berichten freigekommene ukrainische Gefangene heute?

Immer wieder haben die Ukraine und Russland Gefangene ausgetauscht. Es gibt Hinweise darauf, dass die Bedingungen in russischen Lagern zum Teil akzeptabel sind. Freigekommene ukrainische Gefangene berichten aber von Schlägen, Fußtritten und Demütigungen. So seien sie kahl geschoren und unter Androhung von Gewalt gezwungen worden, prorussische Parolen zu brüllen. Laut Genfer Konvention haben Kriegsgefangene Anspruch auf Achtung ihrer Person und Ehre.

Was erzählen freigekommene russische Kriegsgefangene?

Hier ist von enormem psychischen Druck die Rede. Den Gefangenen werde gepredigt, dass Russland am Ende sei, außerdem wird mit dem Hungertod gedroht. Zu Beginn des Kriegs kursierte ein Video, auf dem zu sehen war, wie ukrainische Soldaten russischen Kriegsgefangenen in die Beine schießen. Die Echtheit des Videos ist nicht bestätigt. Tatsache ist, dass die Ukraine russische Kriegsgefangene gezielt dazu missbraucht, Anti-Kriegsstimmung in Russland anzufachen.

Was will die Führung in Kiew?

Das Internet ist voll von Videos, in denen sich gefangene russische Soldaten weinend an ihre Mütter wenden. In einer eigenen Pressekonferenz verurteilten sieben sichtlich eingeschüchterte russische Soldaten den Krieg und appellierten an Präsident Putin, den Feldzug einzustellen. Die Hoffnung der ukrainischen Seite ist es, dass der zivile Widerstand in Russland wächst und die Mütter von Soldaten, wie in vorangegangenen Kriegen, Druck auf den Kreml ausüben. Russische Mütter werden deshalb von ukrainischen Behörden auch aufgefordert, in die Ukraine zu kommen und die Leichen ihrer gefallenen Söhne abzuholen.