Fußball ist wie Krieg. Man muss den Gegner kaputtmachen." Rinus Michels, einer der bekanntesten und erfolgreichsten Fußballer und Trainer, den der niederländische Fußball je vorgebracht hat, musste es wissen. Als Coach von Ajax Amsterdam gewann er die nationale Meisterschaft, den Pokal und den Europapokal der Landesmeister, und auch mit dem FC Barcelona wurde er Meister und Pokalsieger. Weiters führte er die Oranje Elftal 1974 als Teamchef zum Vize-Weltmeistertitel, 14 Jahre später wurde er mit dem Team Europameister. Nicht zufällig kürte der Welt-Fußballverband den "General", wie Rinus Michels wegen seines harten und autoritären Trainingsstils auch genannt wurde, daher 1999 zum "Trainer des Jahrhunderts".

Daran, dass der 2005 verstorbene Niederländer Fußball als kriegerische Auseinandersetzung verstand, stoßen sich bis heute wenige. Im Gegenteil, gilt doch der "totale Fußball", wie ihn Michels gelehrt hat, nach wie vor als höchste Kunst. Konkret basiert er auf einem Spielsystem, bei dem auf jeder Position, die zuvor von einem Spieler verlassen wurde, ein anderer nachrückt. Dies führt dazu, dass alle zehn Feldspieler zusammen angreifen und alle zehn Feldspieler zusammen verteidigen. Mit anderen Worten: Jeder kann Stürmer, Mittelfeldspieler oder Verteidiger sein. Hat ein Team einmal das Prinzip dieser Dampfwalze verinnerlicht, stellt sich der Erfolg wie von selbst ein. Auf diese Weise wurde etwa die spanische Nationalelf, die den totalen Fußball in den 2000er Jahren als Tiki Taka weiterentwickelte, zwischen 2008 und 2012 zwei Mal Europa- und einmal Weltmeister.

Hollands Ex-Coach Rinus Michels (l.) betrachtete den Fußball als Krieg. Zu seinen besten "Kämpfern" zählte Johan Cruyff. - © afp / anp / R. Vos
Hollands Ex-Coach Rinus Michels (l.) betrachtete den Fußball als Krieg. Zu seinen besten "Kämpfern" zählte Johan Cruyff. - © afp / anp / R. Vos

Nun ist ein kriegerisches Element, das dem Fußball innewohnt, nicht zu leugnen. Das suggeriert nicht nur Michels Trainingsstil, sondern auch die Fußballsprache. Sieg, Niederlage, Torschuss, Kampf, Strategie, Taktik, Verteidigung oder Sturm sind eindeutig Begriffe, die dem militärischen Vokabular entnommen sind. Augenscheinlich wird diese Tatsache auch in Hinblick auf einzelne Vereinsnamen (wie Arsenal, Vorwärts und Viktoria) oder nicht ganz unproblematische Funktionstitel wie etwa den "Sturmführer", der im ersten Moment eher an einen Offiziersrang innerhalb der nationalsozialistischen SA und Waffen-SS erinnert (und dennoch in Deutschland offiziell an Spieler vergeben wird).

Fußball zur Wehrertüchtigung

Dabei ist die martialische Sprache im Fußball bei genauerer Betrachtung nicht einmal so ungewöhnlich, zumal es doch Parallelen gibt. Wie im Krieg suchen auch auf dem Rasen zwei Parteien nach Vorteilen. Ziel ist es, den Gegner zu zermürben, im richtigen Moment zuzuschlagen und die Entscheidung zu erzwingen. Immerhin war der Fußball schon in seiner Frühzeit ein wüstes, derbes und gewaltsames Spiel gewesen, bei dem getreten, gestoßen und geprügelt wurde. Dieser Volksfußball, bei dem in England oft ganze Dörfer - unter anderem in Derbyshire, Namensgeber des modernen Derby - gegeneinander antraten, wurde erst mit der Implementierung konkreter Regeln Mitte des 19. Jahrhunderts domestiziert, also zivilisierter und geordneter gestaltet.

Von einem friedlichen Kicken und Passen war das Spiel allerdings noch weit entfernt. Wie man bald herausfand, war die Jagd nach dem runden Leder im Unterschied zum stupiden, auf Kadavergehorsam ausgerichteten Turnen bestens geeignet, um die jungen Männer in Wehrertüchtigung zu üben sowie auf die Erfordernisse moderner Kriegsführung vorzubereiten. Darüber hinaus diente der Fußball - insbesondere im Ersten Weltkrieg - der Hebung der Kampfmoral, und das nicht nur auf dem Platz. Mit der zunehmenden Professionalisierung und Kommerzialisierung des Sports mutierten die Ovale bald zu Gastgebern riesiger Massenspektakel, die immer brutaler wurden, wobei diese Brutalität vor allem unter den Fans ausgelebt wurde.

Überträger der Gewalt war die Arbeiterschaft. Und auch hier war der Motor, der die proletarischen Massen in die Arenen trieb, der Krieg. Er erst machte den Fußball bei den Arbeitern richtig populär - aber eben auch gewalttätiger. In dem Maße, wie Fußball Proletariersport wurde, stieg die Gewaltbereitschaft in und am Rande der Stadien. Der dank Regeln endlich eingehegte "Krieg der Mannschaften" schwappte vom Rasen auf die gut gefüllten Zuschauertribünen über. Man könnte auch sagen, die proletarische Fußballgewalt eroberte den Volksfußball zurück. Handelte es sich hierbei zunächst um relativ harmlose Prügeleien auf den Plätzen, so wurde durch das erstmalige Auftreten von Hooligans die Randale zum nostalgisch-folkloristischen Beiwerk.

Physische Angriffe gegen Anhänger, Spieler oder sogar Schiedsrichter gehörten zur Tagesordnung - so etwa bei einem Länderspiel zwischen Österreich und Ungarn am 13. Oktober 1918, bei dem es zu einem "bolschewistischen Wutausbruch" der Anhänger kam. "Es geht nicht an, daß selbst der Schiedsrichter, der sein Amt nach bestem Wissen und Gewissen geleitet hat, nach Schluß des Spieles um sein Leben besorgt sein muß", schrieb das "Deutsche Volksblatt". "Selbst Spieler blieben nicht verschont. Einige der ungarischen Nationalelf wollten dem Schiedsrichter rettend zur Seite stehen und wurden natürlich auch verprügelt." In der heimischen Liga ging es nicht ruhiger zu, wie das Ende eines Spiels zwischen der Admira und dem SK Slovan im Herbst 1923 zeigt: "Ein paar Radaulustige fangen an, die Gegner zu beschimpfen und die eigenen Spieler zu Gewalttätigkeiten aufzufordern; niemand weist sie zur Ruhe, und so stecken sie andere an, finden ihr Echo und im Nu sind die Zuschauer eine heulende, tobende und nur schwer zu bändigende Masse."

Für die Hooligans der Moderne ist Gewalt wiederum längst zum Selbstzweck geworden. Immer öfter kommt es in und vor den Stadien zu kriegsähnlichen Szenen, bei welchen sich die Anhänger der gegnerischen Lager verprügeln und gewaltsam gegen die Polizei vorgehen. Die Bilder von den Auseinandersetzungen in Paris, als sich hunderte Fans vor dem Champions-League-Finale anschickten, ohne (oder mit gefälschten) Tickets Zugang ins Stadion zu verschaffen, sind noch in frischer Erinnerung. Nicht viel weniger brutal war es zwei Tage zuvor nach einem Liga-Spiel zwischen dem FC St. Pauli und dem HSV in Hamburg hergegangen, als sich rund 100 Fans im Stadtteil Rotherbaum eine offene Straßenschlacht lieferten und sich mit Zaunlatten, E-Scootern und Bierflaschen attackierten. "Der Krieg in Europa ist schlimm genug. Brauchen wir wirklich noch einen Krieg in Hamburg?", fragten sich Kommentatoren und Beobachter fassungslos.

Krieg schweißt zusammen

Freilich ist der Krieg auf den Straßen Europas keineswegs mit den "echten" Kriegen, die aktuell weltweit toben, zu vergleichen. Ob in der Ukraine, in Libyen oder im Jemen - Klubfußball und Ligabetrieb gibt es in diesen Ländern keinen mehr. Hatten in der Ukraine bis zum Einmarsch der Russen im Februar die beiden Donbass-Vereine Sorja Luhansk und Schachtar Donezk noch in andere Städte des Landes ausweichen (und trotz aller Unbill den Pokal- beziehungsweise Vizemeistertitel holen) können, sind heute Spieler wie Anhänger in alle Himmelsrichtungen verstreut. Einige dienen in der ukrainischen Armee, andere sind ins Ausland geflohen. Wenige fielen sogar dem Krieg zum Opfer. Die einzige Mannschaft, die nach wie vor aktiv ist und Pflichtspiele bestreitet, ist die ukrainische Nationalelf, die zuletzt nach einem sensationellen Sieg gegen Schottland beinahe das letzte Play-off-Ticket für die Fußball-WM in Katar gelöst hätte.

Der Jubel bei den blau-gelben Fans war dennoch groß. Die Erfolge der Nationalmannschaft trugen sogar dazu bei, die historisch bedingten sowie nach wie vor existierenden Ressentiments zwischen Russisch- und Ukrainischsprachigen, Orthodoxen und Katholisch-Unierten sowie Rechten und Linken im Land zu kühlen. Dass politische Krisen und kriegerische Ereignisse - entgegen aller Empirie - auch zur Befriedung gewalttätiger Fankulturen beitragen können, hat die Ukraine bereits während der Revolution auf dem Maidan 2013, an der unter anderem zahlreiche Fußballfans teilnahmen, demonstriert. Damals stellten sich linke Ultras von Arsenal Kiew sowie rechte Hooligans von Dynamo Kiew gemeinsam vor die Demonstranten, um sie vor den Regierungstruppen des autoritären Präsidenten Viktor Janukowitsch zu schützen. Tatsächlich führte der politische Widerstand auch dazu, dass es in den Stadien friedlicher wurde.

Über Dschibuti zum Länderspiel

Während das Schicksal der ukrainischen Nationalmannschaft von Millionen Menschen weltweit verfolgt und geteilt wird, stehen andere von Krieg und Leid betroffene Teams im Schatten - und das, obwohl sie Unvorstellbares leisten. 2007 gewann der Irak die Asienmeisterschaft, Afghanistan 2013 die Südasienmeisterschaft, und auch das zerrissene Syrien verpasste die WM 2018 nur knapp. Den möglicherweise schwersten Stand hat aber die Nationalelf aus Jemen, deren Heimat seit zehn Jahren im Bürgerkrieg versinkt und seither keine Ligaspiele mehr gesehen hat. Viele Stadien sind zerstört, Klubzentralen geplündert. Die Nationalspieler erhalten kein Gehalt und verdingen sich als Händler, Taxifahrer oder Beamte.

Für den Kader erschwerend hinzukommt, dass die Pflichtspiele alle im Ausland absolviert werden müssen - in Katar oder Bahrain. Wenn die Kicker aufgrund der Bombardierungen nicht von den heimischen Flughäfen ins Ausland abheben können, bleibt ihnen oft nur die stundenlange Bootsfahrt über den Golf von Aden ins ostafrikanische Dschibuti, um vom dortigen Airport zu starten. "Ich glaube, keine andere Nationalmannschaft hat solche Schwierigkeiten wie wir", betonte Sami Hasan Al Nash, bis 2021 Teamchef der jemenitischen Nationalelf. "Unsere Spieler können selten gemeinsam trainieren, manche von ihnen bestreiten viele Monate kein einziges Spiel." Trotz allem schlägt sich die Nationalmannschaft wacker. Erst am Mittwoch hat der Jemen im Auftaktspiel der Asienmeisterschaftsqualifikation in Ulan-Bator gegen die Philippinen ein 0:0-Remis erreicht.

Dass Nationalmannschaften kriegführender Länder auf dem Rasen gegen ihre Erzfeinde antreten müssen, ist freilich ausgeschlossen. Dafür sorgen die kontinentalen Fußballverbände und die Fifa. Um etwa dem israelischen Verband Begegnungen mit verfeindeten Nationen wie Syrien, Irak oder dem Iran zu ersparen, wurde er ab 1974 zunächst von der Fifa in unproblematische WM-Qualifikationsgruppen "einsortiert", um dann 1991 als vollwertiges Mitglied in die Uefa aufgenommen zu werden. Man möchte sich nicht ausmalen, was passiert, würden sich israelische und syrische Fans vor und im Stadion gegenüberstehen. Ähnliches gilt für Serben und Kosovaren oder aktuell für Ukrainer und Russen (die allerdings schon von allen internationalen Turnieren ausgeschlossen sind).

Rache für Falkland

Dass politische Gegensätze im Allgemeinen sowie Kriege im Besonderen allen Vorsichtsmaßregeln zum Trotz immer wieder in die Stadien getragen werden, ist dennoch traurige Realität. In Erinnerung geblieben ist beispielsweise das WM-Viertelfinalspiel zwischen Argentinien und England 1986 in Mexiko City. Als Diego Maradona erst (per Hands) zum 1:0 und dann nach einem Dribbling über 53 Meter zum 2:0 traf, kam es im Stadion zu tumultartigen Szenen und politischen Kundgebungen, die deutlich Bezug auf den vier Jahre zuvor zwischen beiden Ländern ausgefochtenen Falklandkrieg nahmen. Maradona habe durch diesen Sieg, hieß es, die Nation gerächt und auch das Mutterland des Fußballs symbolisch getötet. Der Torschütze sah das im Übrigen ähnlich. "Der Sieg war für die toten argentinischen Burschen, die erschossen worden waren, wie man Vögel von den Bäumen holt", sagte Maradona. "Wir gewannen nicht nur gegen eine Mannschaft, sondern gegen ein ganzes Land."

In Argentinien gilt Diego Maradona für manche Fans als "Kriegsheld". Bei der WM 1986 schoss er England aus dem Turnier. - © afp / Strdel
In Argentinien gilt Diego Maradona für manche Fans als "Kriegsheld". Bei der WM 1986 schoss er England aus dem Turnier. - © afp / Strdel

Und wenn Argentinien das Viertelfinalspiel verloren hätte? Nun, einen Waffengang hätte das südamerikanische Land wohl nicht riskiert - was aber nicht bedeutet, dass der Fußball in seiner Geschichte bei Kriegserklärungen nie eine Rolle gespielt hätte. Tatsächlich waren und sind die "Kriege", die von und mit den Fans in den Stadien dieser Welt bisweilen geführt werden, manchmal auch Vorboten realer Kriege. Ein solcher Vorbote war beispielsweise das Liga-Spiel der beiden jugoslawischen Top-Klubs Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad am 13. Mai 1990 im Zagreber Stadion Maksimir. Schon Stunden vor Anpfiff dominierten nationalistische Hassgesänge und Schlägereien, während des Spiels durchbrachen kroatische und serbische Fangruppen Zäune, warfen Steine und zerstörten Sitze. Die Partie wurde abgebrochen, und die Spieler flohen in die die Kabine. Elf Monate später rückte die Jugoslawische Volksarmee in Kroatien ein.

Schneller mit der Waffe zur Hand waren die Militärs bis dahin nur im sogenannten "Fußballkrieg", der im Juli 1969 zwischen den zentralamerikanischen Republiken El Salvador und Honduras ausbrach und tausende Menschen das Leben kostete, gewesen. Rund zwei Wochen zuvor hatte El Salvador in Mexiko City 3:2 gewonnen und sich folglich für die WM 1970 qualifiziert. "Es war ein Hass zu spüren, der über die sportliche Rivalität hinausging", erinnerte sich der salvadorianische Stürmer Pipo Rodriguez. Obwohl 5.000 Polizisten zur Sicherung des Aztekenstadions aufmarschiert waren, kam es nach dem Schlusspfiff zu Ausschreitungen auf den Rängen. Es brannten Fahnen, Geschosse flogen, Menschen starben.

1969 marschierte El Salvador in Honduras ein. Der "Fußballkrieg" kostete bis zu 6.000 Menschen das Leben. apa / afp / M. Recinos - © apa / afp / M. Recinos
1969 marschierte El Salvador in Honduras ein. Der "Fußballkrieg" kostete bis zu 6.000 Menschen das Leben. apa / afp / M. Recinos - © apa / afp / M. Recinos

Als Honduras drohte, alle im Land lebenden salvadorianischen Bauern binnen zehn Tagen auszuweisen, befahl El Salvadors Präsident Fidel Sanchez Hernandez am 14. Juli 1969 die Invasion. Ohne Kriegserklärung stießen seine Truppen 70 Kilometer tief nach Honduras vor, gleichzeitig bombardierte die noch aus Propeller-Fliegern bestehende Luftwaffe den Flughafen von Tegucigalpa. Obwohl sich die Armee El Slavadors als überlegen erwies, endete der Krieg bereits nach 100 Stunden Kampf. Die Organisation Amerikanischer Staaten OAS setzte dem Aggressor ein Ultimatum und zwang Hernandez zum Einlenken. In Wirklichkeit hatte der Diktator die Invasion von langer Hand geplant gehabt, wie auch Stürmerstar Rodriguez einsehen musste: "Der Krieg wäre so auch gekommen. Wir wurden für politische Zwecke benutzt."

Krieg der Medien

Diese Erkenntnis gilt noch heute, das Politische und damit das Gewalttätige ist dem Fußball nach wie vor immanent. Was sich allerdings seit den Tagen von Rinus Michels geändert hat, ist der sprachliche Umgang mit dem Begriff Krieg, der von Trainern und Spielern - weil eigentlich verharmlosend - kaum verwendet wird. Auch werden die großen Schlachten längst nicht mehr in der Arena ausgefochten, sondern vor allem in den (sozialen) Medien. Welche Macht die Presse hat, musste "General" Michels bereits 1974 erfahren. Als die deutsche "Bild" wenige Tage vor dem WM-Finale der Niederlande gegen Deutschland einen Sex-Skandal rund um den Oranje-Star Johan Cruyff aufdeckte und ihn und die Elftal damit schwer unter Druck setzte, warf der Bondscoach den Deutschen psychologische Kriegsführung ("Im Moment herrscht Krieg") vor. Die martialische Rhetorik sollte ihm nichts nützen. Die Niederländer verloren das Endspiel 1:2. Die Rivalität ist geblieben - bis heute.