Die Bilder müssen für jeden, der sich jetzt noch in der Ukraine aufhält, verstörend wirken: Lodernde Flammen und schwarze Rauchwolken waren auf Videos zu sehen, die im Internet verbreitet wurden. Das, was da verbrannte, konnte man nur noch am breiten Parkplatz davor erahnen: Ein Einkaufszentrum, wie es auch in Westeuropa tausendfach anzutreffen ist, ein Ort also, in dem Zivilisten ihre notwendigen täglichen Besorgungen machen.

Russische Luft-Boden-Raketen, die von Tu-22-Langstreckenbombern aus dem Gebiet um die russische Stadt Kursk abgefeuert worden seien, hätten die Shopping-Mall in der Stadt Krementschuk getroffen, gaben die ukrainischen Luftstreitkräfte an. Mindestens 18 Menschen seien bei dem Angriff, der am Montagabend stattfand, ums Leben gekommen. Das russische Militär bestätigte den Raketenschlag, bestritt aber, dass das Einkaufszentrum in Betrieb gewesen sei. Ziel des Angriffs seien Hallen gewesen, in denen Waffen und Munition aus den USA und Europa gelagert worden seien.

Ob das glaubhaft ist, ist fraglich: Einträge auf Online-Plattformen zeigen, dass Geschäfte im bombardierten Einkaufszentrum "Amstor" bis vor wenigen Tagen noch um Kunden geworben haben. Eine ukrainische Elektronik-Kette schrieb nach dem Angriff, dass ein Mitarbeiter ihrer dortigen Filiale getötet worden sei.

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Krementschuk ist nun keine Stadt, die im unmittelbaren Frontgebiet liegt. Sie liegt nicht einmal im Donbass oder in der Ostukraine. Krementschuk ist eine Industrie- und Handelsstadt, die am Dnjepr liegt, in der Zentralukraine, weit von der Front. Ein Versehen war der russische Angriff, der von den G7-Staaten auf ihrem Gipfel als "Kriegsverbrechen" und "wahllosen Angriff auf unschuldige Zivilisten" verurteilt wurde, also nicht. Entweder glaubten die für den Angriff Verantwortlichen in Russlands Armee tatsächlich, mit dem Schlag den Nachschub an Waffen für die Ukraine unterbinden zu können – oder aber der Angriff war "ein Signal Russlands, dass in der Ukraine jederzeit überall Raketen einschlagen können", wie Russland-Experte Gerhard Mangott im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" analysiert.

Angriffe schädigen ukrainische Wirtschaft

Ein solches Signal auszusenden, würde Russland, wie Mangott meint, jedenfalls in die Karten spielen: Erst einmal löst der Angriff in der ukrainischen Bevölkerung, die sich nirgendwo mehr sicher fühlen kann, Angst und Unsicherheit aus. Außerdem sei Russland nicht nur dabei, in der Ukraine Gebiete zu erobern. "Moskau versucht auch alles, um die Ukraine ökonomisch und finanziell zu ruinieren. Wenn jederzeit überall Angriffe auf zivile Objekte möglich sind, schreckt das auch Investoren ab, wieder in das Land zurückzukehren", sagt Mangott. "Aus russischer Sicht geht es also nicht nur darum, die Zivilbevölkerung in Angst zu versetzen. Man will auch den wirtschaftlichen Niedergang der Ukraine beschleunigen."

Ob es Russland aber gelingen wird, die vom Westen mit Milliarden Euro und Waffenlieferungen unterstützte Ukraine in die Knie zu zwingen, ist derzeit noch eine offene Frage. Im umkämpften Donbass rücken die russischen Truppen jedenfalls weiter vor. Nach dem Fall von Sjewerodonezk wird um die benachbarte, strategisch wichtige Stadt Lyssytschansk erbittert gerungen. Es ist die letzte große Stadt in der Region, die noch unter ukrainischer Kontrolle ist.

Russen "ausgezehrt"?

Bei schweren Waffen und in der Luft sind die Russen, wie man in den vergangenen Wochen gesehen hat, eindeutig im Vorteil – weshalb auch der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj den Westen eindringlich um moderne Luftabwehrsysteme ersucht, die die USA auch zu liefern versprachen.

Die Rakete hatte das Einkaufszentrum in Flammen aufgehen lassen. 
- © reuters

Die Rakete hatte das Einkaufszentrum in Flammen aufgehen lassen.

- © reuters

Ob die Lieferungen schnell genug ankommen, ist freilich fraglich. Die ukrainischen Verbände sind zunehmend angeschlagen. Aber auch die Kämpfer auf russischer Seite sind nach Einschätzung britischer Geheimdienstexperten von ihren schweren Verlusten gezeichnet. Sie seien "ausgezehrt", heißt es im Lagebericht des britischen Verteidigungsministeriums zum Ukraine-Krieg am Dienstag.

"Ukraine wird weiterkämpfen"

Da erscheint jenes Szenario wahrscheinlich, das Mangott skizziert: "Nach der Eroberung von Lyssytschansk wird Russland wahrscheinlich noch versuchen, die Städte Slowjansk und Kramatorsk zu nehmen" – und damit den Rest des Donbass zu kontrollieren. Danach könnte Russland – zumindest fürs Erste – genug haben: "Ich könnte mir vorstellen, dass der Kreml dann eine einseitige Waffenruhe ausruft", meint Mangott.

Das hätte für Moskau verschiedene Vorteile: Einmal könne der Kreml seinen Zugriff auf die eroberten Gebiete stabilisieren und seine erschöpften Truppen ausruhen lassen. Vor allem aber könnte Russland mit der Ausrufung einer Waffenruhe seinen Friedenswillen demonstrieren und damit den Westen unter Zugzwang setzen. Denn es ist zwar kaum vorstellbar, dass die Ukraine, die von der Rückeroberung der Krim träumt, den Verlust weiterer Gebiete akzeptiert. "Sie wird den Krieg weiterführen", meint Mangott.

Kriegsmüdigkeit im Westen

Ob aber vor allem die Staaten West- und Mitteleuropas diesseits des ehemaligen eisernen Vorgangs, die – im Gegensatz zu Ländern wie Polen oder Litauen – historisch ein relativ unbelastetes Verhältnis zu Russland haben, Kiew dann noch geschlossen den Rücken stärken werden, ist fraglich. "Russland spekuliert auf die Uneinigkeit des Westens, auf seine Kriegsmüdigkeit – dann, wenn sich die wirtschaftlichen Folgewirkungen des Krieges im Westen zeigen: eine Energieversorgungskrise mit Lieferstopp und möglicherweise eine zweistellige Inflation. Man setzt darauf, dass dann Stimmen im Westen laut werden, die fordern, Russland nicht noch stärker unter Druck zu setzen. Ein Waffenstillstandsangebot aus der Position der Stärke heraus, das die Ukraine ablehnen muss, ließe sich dann propagandistisch gut vermarkten", analysiert der Politologe.

Zumal die bedingungslose Unterstützung für die Ukraine angesichts hoher Sprit- und Gaspreise im Westen bereits jetzt bröckelt - vor allem abseits der Regierungen, in der Bevölkerung.