Volodymyr Chernytskyi kennt Mykolajiw wie kaum jemand anderer. Er kann davon erzählen, wie die Region im Krieg gegen das Osmanische Reich erobert wurde und Mykolajiw im Jahr 1789 - dem Jahr der Französischen Revolution - von Zarin Katharina als Marinebasis gegründet wurde. Chernytskyi führt zum Fluss, dem Bug, der nur ein paar Kilometer weiter südlich ins Schwarze Meer mündet.

Mykolajiw ist strategisch wichtig: Denn um nach Odessa zu gelangen, müsste die russische Armee zuerst die Brücke über den Bug-Fluss erobern. - © Thomas Seifert
Mykolajiw ist strategisch wichtig: Denn um nach Odessa zu gelangen, müsste die russische Armee zuerst die Brücke über den Bug-Fluss erobern. - © Thomas Seifert

Am Ufer des Bug liegt die wichtigste Touristenmeile der Stadt. Restaurants und Bars liegen am Ufer, ein Straßenschild zeigt in fünf Richtungen: Paris 2668 Kilometer, Berlin 1753 Kilometer, Kiew 494 Kilometer, Wien 1605 Kilometer, Pyvo - Bier - 20 Meter. Doch Bier gibt es im Moment am Flussufer keines, das Restaurant Olviya ist geschlossen, auf der Uferpromenade, die in den Jahren zuvor gewuselt hat vor Besucherinnen und Besuchern, sind kaum Menschen.

Hinter dem Restaurant liegt der Stripclub "Mamilla" - ebenfalls geschlossen. In Sichtweite am Hügel die St. Katharinen-Kirche, deren Goldene Kuppeln in der Sonne glänzen. "Wo die Sünde ist, ist auch Gott nicht weit", sagt Chernytskyi und lächelt verschmitzt.

Strategisch wichtige Brücke

Vom Ufer aus ist auch die Warwariwka-Brücke gut zu sehen, der strategisch wichtigste Übergang über den Bug. Wer die Brücke kontrolliert, kontrolliert auch den Zugang nach Odessa, der wichtigsten Hafenstadt der Ukraine. Odessa liegt 130 Kilometer weiter westlich. Hätten die Truppen der Russischen Föderation im März die Brücke erobert, dann wäre Odessa in Griffweite gelegen. Doch die Offensive geriet nördlich und westlich von Cherson ins Stocken. Bis heute haben die Menschen in Mykolajiw nur Verachtung für die politische Führung der Stadt Cherson übrig, denn nach der in Mykolajiw vorherrschenden Ansicht wurden einige Schlüsselfiguren in Cherson von Russland einfach "gekauft". So sei es der russischen Armee erst gelungen, die Stadt und die Antonovskiy-Brücke, die über den Dnjepr führt, unter ihre Kontrolle zu bringen. "Unsere Brücke ist längst mit Sprengstoff präpariert. Sollten die Russen erneut versuchen, anzurücken, dann wird die Brücke in die Luft fliegen", ist Chernytskyi überzeugt.

Vladimir Alekseev ist Musikproduzent, Dirigent einer Bigband, Festivalorganisator und Jazz-Musiker. Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine unterstützt er aktiv die Armee und die Territorialverteidigung. - © Thomas Seifert
Vladimir Alekseev ist Musikproduzent, Dirigent einer Bigband, Festivalorganisator und Jazz-Musiker. Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine unterstützt er aktiv die Armee und die Territorialverteidigung. - © Thomas Seifert

Chernytskyi ist in der Sowjetunion groß geworden, für diese Generation ist Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine nur schwer zu fassen.

Anschauungsobjekt par excellence für die Absurdität dieses Krieges ist für den Professor für Schiffsbau der russische Lenkwaffenkreuzer "Moskwa", der am 14. April von ukrainischen Streitkräften in der Nähe der südlich von Odessa gelegenen Schlangeninsel versenkt worden ist. Denn die "Moskwa" wurde 1979 in Mykolajiw gebaut und ursprünglich unter dem Namen "Slava" in Dienst gestellt. Chernytskyi erzählt, wie er in Sowjetzeiten manchesmal in die Sauna des Kriegsschiffes eingeladen wurde, um mit den Offizieren und Matrosen zu schwitzen. Die Erinnerung daran lässt die Gegenwart einigermaßen absurd erscheinen, sagt Chernytskyi. Es ist tatsächlich bemerkenswert: Die Armee der Ukraine versenkt ein Schiff, das in der heutigen Ukraine gebaut wurde.

Lange war es einigermaßen ruhig in Mykolajiw, doch seit einigen Wochen ist die Stimmung wieder angespannt. Gut möglich, dass von dieser Region bald eine Gegenoffensive gegen die russischen Truppen in Cherson ausgeht. Denn für die Ukraine ist der Zugang zum Schwarzen Meer von allergrößter Bedeutung. Cherson ist auch zentral für die Schifffahrt am Dnjepr. Zuletzt hat die ukrainische Armee ein russisches Munitionsdepot in der Nähe von Cherson zerstört, auch russische Kommando-Gefechtsstände werden vermehrt zum Ziel der erst vor kurzem vom Westen an die Ukraine gelieferten Mehrfachraketenwerfer. Die Angriffe werden von Beobachtern als Eröffnungssalven zur geplanten Offensive im Süden gedeutet.

Im Stadtzentrum sind die Zerstörungen sichtbar, in einem Park an der Hauptstraße muss man nicht lange im Gras suchen, um Granatsplitter zu finden. Im Asphalt sind Detonationsspuren zu sehen. Einige Auslagen von Geschäften sind vernagelt, weil das Glas bei Explosionen zersplittert ist.

Mykolajiw wurde regelmäßig Ziel russischer Artillerie. Zu Beginn des Krieges wurde das Gebäude der Regionalverwaltung Ziel eines russischen Angriffs, neun Menschen starben. Doch der weit über die Region bekannte Gouverneur Vitali Kim hört nicht damit auf, seine mit schwarzem Humor gespickten Youtube-Videos, in denen er die russischen Angreifer verhöhnt, zu posten. Die Stadt scheint auf Widerspenstigkeit gebürstet.

Vom Jazz zum Molotowcocktail

Als Russland am 24. Februar den Krieg gegen die Ukraine begann, wartete Musikproduzent Vladimir Alekseev nicht lange. Er begann gemeinsam mit Freunden, die das DOF - "Haus der Flottenoffiziere" (Budynok ofitseriv flotu)-Kulturzentrum betreiben, Baumwolltücher, Flaschen, Diesel und Benzin zu sammeln und Molotowcocktails zur Verteidigung von Mykolajiw vorzubereiten. Hektisch wurden von den Kulturschaffenden Panzersperren zusammengeschweißt. Die Leute des Kulturzentrums halfen der ukrainischen Territorialverteidigung, Checkpoints zu errichten, Freiwillige meldeten sich als Hilfspolizisten.


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Der Gruppe, die gerade im Hof des Kulturzentrums zusammensitzt, würde man gar nicht zutrauen, dass sie alle im Dienst der Verteidigung der Ukraine stehen: Sie sehen mit ihren Baseballkappen, weiten Cargo-Pants und verspiegelten Sonnenbrillen eher wie Skateboarder, Graffiti-Künstler, Streetdancer oder Techno-DJs aus. Alekseev führt in das Gebäude, vorbei an Frauen, die gerade Kleidung sortieren, vorbei an einem Raum, in dem Medikamente und medizinische Geräte gelagert werden. In einem weiteren Raum werden Lebensmittel, Toiletteartikel und andere Hilfsgüter in Kartons verpackt, um diese an Soldaten und bedürftige Zivilisten verteilen zu können.

Am Ende des Korridors befindet sich eine Werkstatt, in der es nach Klebstoff riecht. Für den Einsatz in Splitterschutzwesten zugeschnittene Stahlplatten liegen bereits am Boden aufgestapelt und werden von einem gelernten Automechaniker mit einer Gummischicht überzogen.

Im Februar wartete man auf die Offensive der russischen Armee. Heute wartet Mykolajiw auf die ukrainische Gegenoffensive.