Der beginnende Export von Getreide aus der Ukraine ist ein Lichtblick für die ukrainische Wirtschaft, wenngleich ein kleiner. Denn für die restlichen Güter bleiben die Häfen gesperrt. Transporte über Straße oder Schiene sind wegen der geringeren Kapazitäten nicht ausreichend, um durch Exporttätigkeit die Wirtschaft zu stützen. Das Bruttoinlandsprodukt wird heuer massiv einbrechen - je nach Prognose zwischen 38 Prozent bis 45 Prozent.

Im Osten, und bis vor kurzem noch im Norden, herrscht Krieg. Für die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer in der westlichen und Zentral-Ukraine läuft das Leben nach dem ersten Schock fast so weiter wie davor, sagt Hlib Vyshlinsky, Leiter des Wirtschaftsinstituts CES in Kiew. Der regelmäßige Fliegeralarm ist jedoch eine neue Realität.


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Die meisten Sektoren funktionieren - mehr oder weniger, sagt der Ökonom. Versorgungsunternehmen, Lebensmittelproduktion- und Handel, Banken erholen sich. Jene Sektoren, die im Krieg nicht so relevant seien, wie etwa Unterhaltung und Reisen, seien im Abschwung. Auch Wirtschaftszweige, die von der russischen Blockade der Seehäfen abhängig seien, leiden, wie etwa Landwirtschaft und der Metallsektor, Letzterer auch wegen der Zerstörung der Stahlwerke Azovstal und Illicha.

Laut CES, das sich auf Zahlen der US-Handelskammer und der European Business Association beruft, waren im Juli 60 Prozent der befragten Unternehmen 120 Tage nach Beginn des Krieges wieder in vollem Umfang in der Ukraine tätig. Lediglich ein Prozent hat seine Geschäftstätigkeit in dem Land zur Gänze beendet. In der Nähe der Konfliktlinie seien kaum Betriebe tätig, "und der Fokus der Regierung liegt darauf, die kritische Infrastruktur aufrecht zu halten", so der Ökonom Vyshlinsky.

"Ukraine ist Kriegswirtschaft"

Die Inflation mache den Menschen zu schaffen, vor allem, wenn sie ihren Job verloren haben, so der Experte. Die Arbeitslosenrate betrug vor dem Krieg 9 Prozent, laut Notenbank beträgt sie derzeit mehr als ein Drittel. "Befragungen zeigen, dass diejenigen, die noch einen Job haben, nur die Hälfte oder zwei Drittel ihrer Gehälter oder Löhne erhalten", sagt Vyshlinsky.

"Die Ukraine ist eine Kriegswirtschaft, mit entsprechenden Konsequenzen", sagt Artem Kochnev, Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Der Experte nennt drei Probleme: Das erste sind menschliche Verluste, aber auch zerstörte Infrastruktur, Häuser, Industrieanlagen. Zweitens sind Millionen Menschen auf der Flucht. "Die Lage ist mittlerweile besser als noch vor einem Monat, als sieben Millionen Menschen allein ins Ausland fliehen mussten. Mittlerweile kehren einige zurück", so Kochnev. Im Land fehlt die Arbeitskraft, die den Konsum ankurbeln könnte. Der dritte Punkt ist laut Kochnev die makroökonomische Situation, beziehungsweise die Inflation. "Die ukrainische Notenbank hat einen Anstieg auf 30 Prozent bis Jahresende berechnet." Um sie in Zaum zu halten, habe die Notenbank den Leitzins mit 25 Prozent festgelegt.

Staatspleite droht

Die Ukraine hat ein massives Finanzierungsproblem und steht kurz vor der Staatspleite. Die Kredite und Aufbauhilfen, die die führenden Industrienationen G7 und die EU zugesagt hatten, sind zu wenig, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Eine Milliarde Euro von den 9 Milliarden, die die EU-Staaten zugesichert hatten, sind erst in der Ukraine angekommen. "Das Budgetdefizit beträgt wegen der Kriegsausgaben 3 bis 6 Milliarden Dollar monatlich", sagt der Kiewer Ökonom Vyshlinsky. Auslandshilfen seien dringend notwendig, denn andere Quellen, sein Defizit zu decken, stünden einem Land im Krieg nicht offen, so Vyshlinsky. Laut Regierungsangaben in Kiew liegt der Finanzierungsbedarf für das kommende Jahr bei 50 Milliarden Euro.