Die Realität hat den Steirischen Herbst eingeholt. Bei der Planung des Programms vor einem Jahr war ein Krieg in Europa kaum vorstellbar. Nun beleuchtet das Grazer Mehrspartenfestival in einer Reihe von Ausstellungen, Performances und Diskussionen die Allgegenwart kriegerischer Handlungen.

Intendantin Ekaterina Degot ist Moskauerin und äußert sich gegenüber der "Wiener Zeitung" analytisch, aber auch sehr persönlich über Putins Angriffskrieg und die Situation in Russland.

"Wiener Zeitung": Was kann ein Kunstfestival in Zeiten des Krieges ausrichten?

Ekaterina Degot: Unsere heurige Ausgabe muss in erster Linie darauf aufmerksam machen, dass ein Krieg in der Nähe und nicht "in der Ferne" stattfindet. Aber das bedeutet nicht unbedingt, den russischen Angriff auf die Ukraine direkt zu zeigen. Europa und die ganze Welt durchleben einen entscheidenden historischen Moment, und es ist an der Zeit, sich an viele andere Kriege zu erinnern, die in der Nähe oder in der Ferne stattfanden und auf die eine oder andere Weise nicht wirklich wahrgenommen wurden. Die Kunst kann nicht dazu beitragen, den Krieg zu beenden, aber sie kann helfen, seine Wurzeln und seine menschliche Dimension zu verstehen.

Ein Programmpunkt sind Filme aus der Ukraine.

Es war mir wichtig, mich auf diese Region zu konzentrieren, die vielen hierzulande unbekannt ist. Das kann nicht ohne Kunstschaffende aus der Ukraine funktionieren. Allerdings ist es mir ebenfalls wichtig, auch die Stimmen russischer Dissidentinnen und Dissidenten zu hören, um zu verstehen, was in Russland vor sich ging und geht. Auch diese Menschen sind jetzt in großer Gefahr. Ich bin den ukrainischen Künstlerinnen und Künstlern, sowie den Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die sich trotz meiner russischen Wurzeln bereit erklärt haben, mit mir zu arbeiten, zutiefst dankbar.

Wie stehen Sie zu den Boykott-Aufrufen gegenüber russischen Künstlerinnen und Künstlern?

Ekaterina Degot. - © Marija Kanizaj
Ekaterina Degot. - © Marija Kanizaj

Da ich die Situation in Russland sehr gut kenne, ist es für mich kein Geheimnis, welche Kunstschaffenden krypto- oder offen nationalistisch sind, die das Regime "verstehen", und welche sich gegen den Krieg engagieren und dabei riskieren, verhaftet zu werden. Ich brauche keinen völligen Boykott, denn ich kann die Leute differenzierter und subtiler behandeln.

Sie verknüpfen den Krieg in der Ukraine mit Ihrem Programm. Wie stehen Sie zu Putins Angriffskrieg?

Es ist der Versuch eines Weltkriegs, in dem er die totale Vorherrschaft erlangen will. Es ist ein Verbrechen gegen die Menschen in der Ukraine, aber auch gegen die Menschen in Russland. Es ist ein Klimakrieg, in dem Getreide, Öl und Gas eine entscheidende Rolle spielen, aber es ist auch ein biopolitischer Krieg, in dem Putin die nicht-slawische Bevölkerung Russlands eliminiert (indem er sie zuerst an der Front sterben lässt) und Kinder aus der Ukraine stiehlt. Und dieser Krieg ist auch der letzte Atemzug seines Regimes. Sein Ende ist nahe.

Wie erklären Sie sich die hohe Zustimmung in Russland zu Putins autoritären Führung?

Meiner Einschätzung nach unterstützt etwa ein Drittel der Menschen in Russland den Krieg, und dieser Anteil schrumpft jeden Tag. Etwa ein Drittel ist gegen den Krieg. Aber viele sind gleichgültig und glauben nicht, dass sie etwas ändern können. Der Vergleich mit dem Hitlerregime ist falsch, da dieses auf einer starken Mobilisierung beruhte, während die Menschen in Russland demobilisiert und stark entpolitisiert sind. Diese Entpolitisierung wurde von Putin aktiv vorangetrieben, aber bis zu einem gewissen Grad auch durch die "Entkommunisierung", die in den 1990er-Jahren unter aktiver Beteiligung des Westens stattfand. Die "Wende" sollte die Menschen von der repressiven Politik befreien und sie dazu bringen, sich auf den Konsum zu konzentrieren. Die Früchte davon ernten wir jetzt.

Waren Sie seit Beginn des Krieges zu Besuch in Russland? Wie erlebt man dort den Krieg?

Ich bin am 22. Februar für einen Tag nach Russland gereist, um meine Eltern zu umarmen, denn ich habe verstanden, dass es Krieg geben wird. Ich weiß nicht, wann und ob ich ein weiteres Mal reisen werde. Aber ich stehe in Kontakt mit Freunden dort. Einige sind auf der Flucht vor einer drohenden Verhaftung und befinden sich jetzt mit einem Baby, ohne persönlichen Dinge und ohne Visum für Europa irgendwo in einer Unterkunft im Ausland. Andere akzeptieren ihre Isolation in Russland und lesen klassische chinesische Philosophie, wie sie, ich erinnere mich noch daran, in den 1970er-Jahren in Mode war.

KwieKulik, "Offene Form - Spiel auf dem Gesicht einer Schauspielerin" (1971), Film-Still. - © KwieKulik
KwieKulik, "Offene Form - Spiel auf dem Gesicht einer Schauspielerin" (1971), Film-Still. - © KwieKulik

Wie beurteilen Sie derzeit die Lage für Künstlerinnen und Künstler in Russland?

Sie stecken entweder in Gefahr, in einer tiefen Depression oder verschließen sich der Realität. Es gibt auch einige Kunstschaffende, sogar bekannte, die jetzt sehr aktiv pro-Putin eingestellt sind, für einen neuen russischen McCarthyismus eintreten und Listen von "illoyalen" Kunstschaffenden erstellen.

Am 30. August 2022 starb Michail Gorbatschow, der letzte Staatschef der früheren Sowjetunion. In Russland wurde der Politiker, der das Antlitz Europas durch Perestroika und Glasnost von Grund auf veränderte, weniger geschätzt als im Ausland. Wie beurteilen Sie Ihren berühmten Landsmann?

Er war ein sehr sowjetischer Mann, der weder den Kommunismus noch die Sowjetunion beenden wollte, weshalb die Intellektuellen, mich eingeschlossen, ihm damals mit Misstrauen begegneten. Heute schätzen viele Menschen seine langsame Art des historischen Wandels. Aber ich würde trotzdem sagen, dass er nicht radikal genug war, um den imperialen Charakter des Landes zu überwinden.

Romane von Dostojewski, Tolstoi und Tschechow prägten ein historisches Russland-Bild. Haben Sie eine Lektüreempfehlung, um Russland heute besser zu verstehen?

Mykola Ridnyi, "Seacoas"t (2008), Video-Standbild. - © Mykola Ridnyi
Mykola Ridnyi, "Seacoas"t (2008), Video-Standbild. - © Mykola Ridnyi

Ich würde eigentlich empfehlen, sich sowjetische Filme aus den 1960er- bis 1980er-Jahren anzuschauen, alle Arten von Filmen, Komödien und Dramen, ein irgendwie "neorealistisches" Kino, das sehr gut zeigt, wie der "homo sovieticus" wirklich war: ganz und gar nicht so, wie man es erwartet. Dieses Kino zeigt oft, wenn auch auf idealisierte Weise, das Beste in diesen Menschen, die Ethik der Solidarität und der persönlichen Bescheidenheit, eine Welt, die auf Freundschaft und nicht auf Eigentum aufgebaut ist. Viele in Russland wie auch in der Ukraine haben noch etwas davon in sich, so wie es ihnen von ihren Großeltern weitergegeben wurde.

Wie könnte der Krieg Ihrer Ansicht nach enden?

Die Situation ist sehr unberechenbar. Vorgestern hätte ich noch gesagt, die Ukraine wird gewinnen und Putins Regime wird zusammenbrechen. Nun hat Putin die Teilmobilmachung in Russland verkündigt. Das könnte die Dinge zu seinen Gunsten ändern, oder auch nicht.