Er bluffe nicht, richtete Wladimir Putin am Mittwoch den Unterstützern der Ukraine aus. Nach den angekündigten "Volksabstimmungen" in eroberten Gebieten unterzeichnete Russlands Machthaber eine Teilmobilmachung der Truppen. Hintergründe zu diesen Entwicklungen von enormer Tragweite.

Warum ordnet Putin die Teilmobilmachung von 300.000 Reservisten an?

Die Gebietsverluste in den vergangenen Wochen haben den russischen Präsidenten unter Druck gebracht. Mehr als 6.000 Quadratkilometer konnten die ukrainischen Truppen im Süden und Osten, in Umgebung der Millionenstadt Charkiw, zurückerobern. Selbst die unter staatlicher Kontrolle befindlichen Medien konnten die Ereignisse nicht völlig ausblenden. Personen wie die populäre Sängerin Alla Pugatschowa, der auf Instagram Millionen folgen, traten öffentlich dafür ein, dass "unsere Jungs nicht mehr für illusorische Ziele sterben". Genau das Gegenteil passiert mit der Teilmobilisierung nun. Das bedeutet, Putin fürchtet den Zorn der Bürger weniger als den Druck von Nationalisten und Imperialisten, wenn er vom großrussischen Traum ablässt.

Wie kampfstark sind die russischen Truppen mit der Einberufung von Reservisten?

300.000 Männer werden laut dem russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu eingezogen. Deren Einberufung werde noch am Mittwoch beginnen, kündigte der Kreml nach der Rede Putins an. Weit auseinander gehen zwar die Angaben, wie viele Soldaten Russland bisher in der Ukraine verloren hat. Moskau zufolge seien es 6.000 Personen. Von bis zu 80.000 Männern, die verletzt oder getötet wurden, geht das US-Verteidigungsministerium aus.

Fest steht, der Bedarf an Soldaten ist dringend - und zwar seit Kriegsbeginn. Denn die Truppen sind unterdimensioniert, weil Putin mit einem Sieg binnen drei Tagen gerechnet hat. Daher gibt es Soldaten, die bereits mehr als 200 Tage im Einsatz sind. Als Faustregel gilt, dass die Einsatzfähigkeit nach 140 bis 180 Tagen nachlässt. Dazu kommen Soldaten, deren Vertrag bereits im Mai ausgelaufen ist. Fast alle von ihnen müssen aufgrund des militärischen Misserfolgs aber weiterdienen.

Diese beiden Faktoren sorgen für Frust, während die Ukrainer hochmotiviert ihre Heimat verteidigen. Die nun einberufenen Reservisten sollen daher primär für Rotation an der Front sorgen, damit sich die anderen Soldaten erholen können, schreibt Militäranalyst Chris Owen. Die neu Angekommenen werden nicht gut ausgebildet sein. Das müssen sie auch nicht: Aufgrund des nahenden Winters ist nicht mit großen Offensiven zu rechnen.

Welche weiteren Eskalationsmöglichkeiten hat Russland?

Putin kann die Teilmobilisierung zu einer Generalmobilmachung erweitern. Insgesamt stünden zwei Millionen Reservisten zur Verfügung, verlautbarte das Verteidigungsministerium, also Personen mit militärischer Grundausbildung. Damit würde der Krieg immer stärker in die wohlhabenderen städtischen und europäischen Gebiete Russlands getragen - wo bei großen Verlusten auch stärkerer Druck auf Putin droht, den Krieg zu beenden. Russland könnte sich daher noch mehr auf Gefängnisinsassen, Söldner und Zwangsrekrutierte aus besetzten Gebieten stützen.

Die ultimative Drohung der Nuklearmacht Russland nach einem Einsatz mit Atomwaffen wird Moskau bei Bedarf verschärfen. Mit 6.300 Sprengköpfen verfügt es so viele wie kein anderes Land. Während Politologe Gerhard Mangott einen Atomwaffeneinsatz als "wahrscheinlicher als zuvor" bezeichnete, wiegelte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte ab: "Putins Rhetorik über Atomwaffen haben wir schon oft gehört, und sie lässt uns kalt."

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Wie reagieren die wichtigsten Staaten außerhalb des Westens?

China hat eine Tendenz in Richtung Russland gezeigt und schätzt Moskau vor allem als Verbündeten gegen die Vereinigten Staaten. Peking hat sich aber nie voll und ganz auf die Seite Russlands gestellt. Noch weniger gilt das für Indien. Das Land ist abhängig von russischen Waffenlieferungen, hat deshalb einen eingeschränkten Spielraum. Indien hat den Krieg nicht verurteilt, unterstützt Russland aber nicht offen. Beide Staaten schauen auf ihre Vorteile und wollen von russischen Rohstofflieferungen profitieren. In Afrika und Lateinamerika gibt es in einigen Ländern große Sympathien für Russland, etwa in Venezuela oder Südafrika, weil man dem Westen Dopplemoral und Bevormundung vorwirft. Generell lässt sich das Pro- und Contra-Lager schwer nach Staaten trennen, sondern die Bruchlinien verlaufen oft innerhalb der Länder: Eine Schwäche für Russland zeigen, auch und besonders in Europa, vor allem, rechts- und linkspopulistische sowie autoritäre Bewegungen.

Welche Folgen drohen, wenn Luhansk, Donezk, Cherson und Saporischja per manipulierten Volksabstimmungen russisches Staatsgebiet werden?

Wenn die von Russland besetzten ukrainischen Gebiete offiziell zu russischem Staatsgebiet erklärt werden, ändert das die Lage gewaltig. Dann geht es für Moskau um die Verteidigung von Heimaterde und laut Militärdoktrin können die Streitkräfte dann bis zum Äußersten gehen. Dann könnten theoretisch auch taktische Atomwaffen eingesetzt werden, das wäre zum Beispiel atomare Gefechtsmunition, die mit Feldgeschützen verschossen wird. Experten gehen davon aus, dass sich Wladimir Putin nicht zu einem derartigen Schritt hinreißen lässt, da dann Landstriche auf lange Zeit radioaktiv verseucht wären, an denen Russland ein Interesse hat.

Wie ist die Stimmung in Russland angesichts der Tatsache, dass es sich doch um einen "Krieg" mit Beteiligung der Bevölkerung handelt?

Viele Menschen sind gleichgültig, viele sind kritisch, sagen das aber nicht öffentlich. Die Ukrainer werden jedenfalls trotz aller Propaganda und der Einstellung unabhängiger Medien nicht als hassenswerte und bedrohliche Feinde wahrgenommen. Die Opposition, die vor allem im urbanen Raum Gehör findet, hat bereits zu Protesten aufgerufen. "Tausende russische Männer" würden "in den Fleischwolf des Krieges geworfen", heißt es hier. Viele wollen sich der Einberufung entziehen. Internet-Daten zufolge wächst in Russland die Nachfrage nach One-Way-Flügen rasant. Statistiken von Google Trends zeigen einen sprunghaften Anstieg der Suchanfragen nach Aviasales, der beliebtesten russischen Website für den Kauf von Flügen. Direktflüge von Moskau nach Istanbul und Eriwan in Armenien - beides Ziele, die Russen eine visumfreie Einreise ermöglichen - waren laut Aviasales am Mittwoch ausverkauft. Tickets nach Belgrad kosteten bis zu 9.000 Euro. Und das, obwohl auf Desertion laut russischem Gesetz 15 Jahre Haft stehen. Und sich jeder wehrpflichtige Russe an seinem Wohnort aufhalten muss.

Wie gefährlich ist die Eskalation in der Ukraine für Putin selbst?

Der Kremlchef treibt ein riskantes Spiel. Einerseits ist die Teilmobilmachung nicht populär, nur wenige russische Bürger wollen tatsächlich in der Ukraine kämpfen. Mit der Mobilmachung gibt Putin außerdem zu, dass die "Spezialoperation" gescheitert ist. Spätestens seit der erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive wird Putin von den ultranationalistischen Kräften unter Beschuss genommen. Diese unterstützen, ja fordern den Krieg, sind aber wegen der Misserfolge in Rage und verlangen Konsequenzen wie den Austausch der Armeeführung und die Entlassung von Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Schließlich trifft die offen geäußerte Kritik auch Putin selbst, der einen solchen Gegenwind nicht gewohnt ist. Sollte es nach der Teilmobilmachung mit den russischen Niederlagen weitergehen, wird es für Putin erstmals seit langem richtig unangenehm. Derzeit ist das autoritäre System, über Jahre aufgebaut wurde, (noch) nicht in Gefahr und auch der Präsident wird nicht so rasch stürzen.