Wien. Die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin am Mittwoch verkündete Teilmobilmachung von bis zu 300.000 Reservisten ist eine logische Eskalationsstufe aufgrund der erfolgreichen ukrainischen Militäroffensive Anfang des Monats, die zu großen Geländegewinnen für die Ukraine geführt hat. "Die Erfolge der Ukraine haben das Pendel der Möglichkeiten für die russische Führung in die eskalatorische Richtung ausschlagen lassen", so Oberst Berthold Sandtner.

Der Kreml führt frische Kräfte an die Front. - © afp / Bahar
Der Kreml führt frische Kräfte an die Front. - © afp / Bahar

Putin sei einerseits innenpolitisch unter Druck geraten, härter in der Ukraine vorzugehen. Andererseits sei Russland schon bisher keinen Millimeter von seinen strategischen Zielen die Ukraine betreffend abgerückt. Die Teilmobilmachung sei Zeichen dafür, dass dieser Konflikt noch lange dauern werde. Er habe bei einer Studienreise im Baltikum und Polen kürzlich von dortigen Experten die Warnung gehört, dass der Westen die Nachhaltigkeit nicht unterschätzen sollte, mit der Russland und Putin ihre strategischen Ziele verfolgen.

Rückt von seinen strategischen Zielen nicht ab: Putin. - © afp
Rückt von seinen strategischen Zielen nicht ab: Putin. - © afp

Wie die angekündigte Teilmobilmachung im Detail aussehen wird, ist noch unklar. Es könnten einerseits kurzfristig Lücken in den bestehenden Verbänden geschlossen werden, vielleicht auch Soldaten die seit über sieben Monaten im Einsatz stehen, ausgetauscht werden, und auch neue Einheiten aufgestellt werden. Letzteres würde Monate dauern, erklärt Sandtner. Es müssen die Reservisten einberufen, zu militärischen Einheiten formiert und deren Feldverwendungsfähigkeit durch Ausbildungsmaßnahmen zumindest zu einem gewissen Grad hergestellt werden. Das benötigte Gerät müsste großteils aus der Langzeitkonservierung geholt werden. "Das alles dauert. Erschwerend kommt dazu, dass derzeit der Großteil des russischen Berufsmilitärs in der Ukraine im Einsatz ist." Diese Männer fehlen für die Mobilmachung, denn sie müssten die Reservisten formieren und ausbilden. 300.000 Mann wären das Doppelte von dem, womit Russland am Beginn des Kriegs im Februar in der Ukraine einmarschiert ist. Der Personalmangel sei von Anfang an eine der größten Herausforderungen für die Russen gewesen, das wolle man nun jedenfalls wettmachen.

Atomare "Drohgeste"

Nach den Folgen der Teilmobilmachung gefragt, antwortet Sandtner: "Morgen und übermorgen hat die Teilmobilmachung keine unmittelbaren Auswirkungen am Gefechtsfeld, aber die Ukraine und der Westen sind unter Zugzwang." Auch die ukrainische Seite müsse zusätzliche Soldaten mobilisieren und ausbilden. Das tue sie auch, so werden derzeit etwa 10.000 Ukrainer in Großbritannien ausgebildet. Die Ukraine werde aber auch weitere Waffen brauchen, allen voran schwere Waffen wie zum Beispiel Kampfpanzer, und das nicht nur aus Deutschland, wo derzeit eine politische Debatte darüber tobt.

Die neuerlich ausgesprochene nukleare Drohung Russlands, sieht Sandtner nicht als konkrete Bedrohung, sondern als "Darstellung der nuklearen Karte". "Es ist eine Drohgeste einer Person, die mit dem Rücken zur Wand steht. Putin will uns sagen: Wir eskalieren jetzt, wir machen mobil und werden die besetzten Gebiete anschließen und erinnert mit dieser Drohung daran, was die Anzahl der Atomsprengköpfe betrifft, die größte Nuklearmacht der Welt zu sein."