Den "durchgefütterten Deutschen", die jetzt schon zu frieren anfingen, werde man noch eine Atombombe hinterherwerfen, kündigte im russischen Staatsfernsehen Andrej Guruljow an. Der einstige General der russischen Armee tönte vor ein paar Tagen auch noch, dass man Großbritannien mit einem Schlag in eine Wüste verwandeln werde.

In den russischen Propagandasendungen werden immer wieder Allmachts- und Vernichtungsphantasien zum Ausdruck gebracht und wüste atomare Drohungen gegen den Westen ausgestoßen. Den Schirm über diese Drohungen hat Wladimir Putin gespannt: Russland werde alle "verfügbaren Mittel" einsetzen, um sein Territorium zu schützen, hatte der Präsident angekündigt. Und zu seinem Territorium will Russland bald auch in der Ukraine annektiertes Gebiet zählen. So werden gerade die Volksrepubliken von Donezk und Luhansk die Gebiete Saporischschja und Cherson durch Schreinreferenden an Russland angeschlossen.

Der Angreifer erklärt sich zum Angegriffenen

Mit diesem Schritt sowie mit der Erzählung, dass der Westen Russland zerstören wolle, verwandelt Putin seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine in einen Akt der Verteidigung. Er rechtfertigt so den Einsatz von Atomwaffen, auf die Russland gemäß eigener Doktrin nur im Verteidigungsfall, wenn die Existenz des Staates auf dem Spiel steht, zurückgreifen darf.

Darauf haben nun die USA scharf reagiert: "Wir haben den Russen sehr deutlich öffentlich und auch unter vier Augen gesagt, dass sie das Geschwätz über Atomwaffen sein lassen sollen", sagte nun Außenminister Anthony Blinken dem Sender CBS News. Blinken betonte, dass es sehr wichtig sei, "dass Moskau von uns hört und von uns erfährt, dass die Konsequenzen entsetzlich wären. Und das haben wir sehr deutlich gemacht."

Und Jake Sullivan, Nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, gab bekannt, dass man auf den höchsten Ebenen mit Russland über einen möglichen Nuklearschlag gesprochen habe. Dabei hätte man klar gemacht, dass die USA und ihre Verbündeten "entschlossen antworten" würden.

Ob der angedrohte Einsatz von Atomwaffen tatsächlich "kein Bluff" ist, wie von Putin angekündigt, darüber kann nur spekuliert werden. Aber allein dass der Staatschef eines Landes, das über geschätzt 4.000 Atomsprengköpfe verfügt, eine derartige Drohung ausstößt, sorgt dafür, dass sich die Nato mit einer möglichen Reaktion auf einen derartigen Schlag beschäftigt.

Dabei ist einmal die erste entscheidende Frage, ob Russland strategische oder taktische Atomwaffen einsetzen würde. Strategische Atomwaffen können große Reichweiten von mehr als 5.000 Kilometern überwinden und besitzen die Zerstörungskraft, ganze Städte und Landstriche vollkommen zu vernichten. Ein Einsatz könnte einen nuklearen Weltkrieg auslösen und menschliches Leben auf dem Planeten beenden. Das wäre schlicht Wahnsinn, und Putin würde daher wohl, wenn er den nuklearen Schritt setzt, mit ziemlicher Sicherheit auf taktische Atomwaffen zurückgreifen.

Diese werden viel begrenzter und auf kürzere Reichweiten eingesetzt. In einem Radius von einem Kilometer schaffen diese eine tödliche Strahlenbelastung und auch über diesen Radius hinaus sorgen Druckwelle, Hitze und radioaktive Strahlung noch über mehrere Kilometer für immense Zerstörungen. Auch solche Waffen können also mit einem Schlag zehntausende Menschen töten und Kleinstädte ausradieren.

Sie lassen sich aber nicht von heute auf morgen einatzbereit machen. Und wenn das geschieht, was bisher offenbar nicht der Fall war, lässt sich das nicht unauffällig machen. "Es gäbe genug beobachtbares Material für die US-Aufklärung", sagte der an der Duke University tätige US-Forscher Simon Miles der "Financial Times". Die Folge wäre wohl ein Nervenkrieg, bei dem der Westen Putin noch einmal ausdrücklich vor einer derartigen Eskalation warnen würde. Teil dieses Nervenkrieges könnte auch sein, dass Russland - wie es das schon im Fall der Krim-Annexion praktiziert hat - seine Nuklearwaffen zunächst zur Abschreckung in von der Ukraine annektiertes Territorium verschiebt.

Sollte Russland aber dann tatsächlich taktische Atomwaffen einsetzen, gilt als wahrscheinlichste Reaktion, dass die USA - in Absprache oder gemeinsam mit ihren Verbündeten - einen massiven konventionellen Gegenschlag setzen. Sie könnten dann etwa großflächige Luftangriffe gegen die in der Ukraine stationierten russischen Streitkräfte oder die russische Schwarzmeerflotte durchführen. Dann ist es Putin überlassen, ob er auch der Nato den Krieg erklärt.

USA können es sich nicht leisten, Putin nachzugeben

Indem derartige Szenarien für einen Gegenschlag an die Öffentlichkeit gelangen, wollen die USA an Putin auch ein Signal senden: Dass er nicht darauf spekulieren soll, dass er durch einen begrenzten Atomschlag den Krieg gegen die Ukraine für sich entscheiden und den Westen von seiner Unterstützung für Kiew abbringen kann. Vielmehr will Washington klarmachen, dass es ein derartiges Überschreiten einer roten Linie nicht akzeptieren würde.

Die USA können es sich auch nicht leisten, eine nukleare Eskalation vonseiten Russlands unbeantwortet zu lassen, wollen sie ihr eigenes Abschreckungspotenzial behalten. Washington hat dabei nämlich nicht nur den Ukraine-Konflikt im Kopf. Es ist sich auch bewusst, dass andere Nuklearmächte wie Nordkorea oder China ganz beobachten, wie die Vereinigten Staaten mit Putins Kriegsführung umgehen.