Moskau. Den ukrainischen Streitkräften ist der größte Durchbruch an der Südfront seit Kriegsbeginn gelungen. Die Truppen rückten am Montag an der Frontlinie im Gebiet des Flusses Dnipro in der Region Cherson vor. Tausende russische Soldaten drohten von den Nachschublinien abgeschnitten zu werden. Die Regierung in Kiew äußerte sich zunächst nur verhalten zum Kriegsgeschehen. Aber russische Quellen berichteten, wie ukrainische Panzerverbände entlang des Flussverlaufs Richtung Süden vorstießen.

Ein Berater des Kiewer Innenministeriums, Anton Geraschtschenko, veröffentlichte ein Video, auf dem ukrainische Soldaten ihre Nationalflagge in der Ortschaft Solota Balka hissten. Das Gebiet liegt zwischen den Städten Cherson und Saporischschja, deren Regionen Russlands Präsident Wladimir Putin am Freitag für annektiert erklärt hat.

"Die Informationslage ist angespannt, sagen wir es mal so, denn es gab in der Tat Durchbrüche", sagte Wladimir Saldo, der von Russland installierte Statthalter in den besetzten Teilen von Cherson, im russischen Staatsfernsehen. Saldo nannte konkret das Gebiet um die Ortschaft Dutschany am Ufer des Dnipro. "Da gibt es Siedlungen, die von ukrainischen Truppen besetzt sind." Dutschany liegt etwa 30 Kilometer südlich des bisherigen Frontverlaufs vor dem ukrainischen Durchbruch. Damit war es der stärkste Vormarsch der ukrainischen Truppen im Süden. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs war das Gebiet um Cherson lange geprägt von einer starren Frontlinie.

Rob Lee von der US-Denkfabrik Foreign Policy Research Institute zitierte russische Blogger, die berichteten, dass ihre Truppen sich bis nach Dutschany etwa 40 Kilometer weiter südlich am Ufer des Dnipro zurückgezogen hätten. "Wenn so viele russische Kanäle Alarm schlagen, heißt das gewöhnlich, dass sie in Schwierigkeiten sind", schrieb Lee auf Twitter. Sollten die ukrainischen Streitkräfte weitere Fortschritte am Ufer des Flusses machen, könnten tausende russische Soldaten in der Falle sitzen. Der Dnipro ist stellenweise sehr breit, und die Ukraine hat die meisten Brücken zerstört.

Bis zum Montagnachmittag bestätigte das ukrainische Verteidigungsministerium lediglich die Einnahme einer Ortschaft rund 20 Kilometer von der bisherigen Frontlinie entfernt. Serhij Chlan vom Regionalrat Cherson listete weitere Ortschaften auf, die von ukrainischen Truppen eingenommen worden seien, darunter auch Soloto Balka. "Das bedeutet, dass unsere Streitkräfte mit Stärke am Ufer des Dnipro vorankommen, immer näher an Beryslaw heran", sagte Anton Geraschtschenko vom Innenministerium in Kiew. "Offiziell gibt es solche Informationen bislang nicht, aber die panisch werdenden (russischen) Seiten in Sozialen Medien (. . .) bestätigen diese Fotos absolut."

Das Vorrücken im Süden folgt dem gleichen Muster, das der ukrainische Generalstab schon im Osten verfolgt hat: Ziel waren immer zunächst die russischen Nachschublinien, was die Invasoren daraufhin zwang, Gebiete aufzugeben und den Rückzug anzutreten.

Die strategisch wichtige Stadt Lyman wurde von den russischen Truppen nur Stunden später geräumt, nachdem Putin die Annexion der vier besetzten ukrainischen Gebiete Donezk, Luhans, Saporischschja und Cherson verkündet hatte. Die Regionen sind aber nicht komplett in russischer Hand, und die jüngsten Geländegewinne verbuchte die Ukraine vor allem in Donezk und Cherson. Dies setzt den Kremlchef unter Zugzwang, weil der damit gedroht hat, russische Heimaterde mit allen Mitteln zu verteidigen.