Unbesiegbar: So sieht sich Russlands Präsident Wladimir Putin selbst und so will er wahrgenommen werden. In der Tat scheint der Mann, der am Freitag 70 wird, sein Land trotz aller militärischer Misserfolge immer noch fest im Griff zu haben. Das russische Parlament ist sein willfähriges Instrument, eine Oppositionsbewegung, die ihm gefährlich werden könnte, gibt es schon lange nicht mehr. Die Macht der Oligarchen ist gebrochen, Proteste werden im Keim erstickt.

Doch könnte auch hier, wie bei der Schlagkraft der russischen Armee, der Schein trügen. Glaubt man der Russland-Expertin und Putin-Biografin Catherine Belton, ist der stolze Kriegsherr ein bedauernswert Getriebener, der an einem Minderwertigkeitskomplex leidet und es nicht erträgt, wenn ein anderer mehr hat als er. Sicher fühlt sich Putin in keinem Fall. So hat er ein System an Verstecken errichtet, darunter auch atomsichere Bunker, in die er sich bei Gefahr zurückziehen kann. Dazu kommt ein riesiger Trupp an Sicherheitsleuten, die rund um die Uhr damit beschäftigt sind, mögliche Attentate auf den stets misstrauischen Präsidenten zu verhindern.

Komplette Niederlage
wäre Putins Ende

Und schrittweise beginnt sich das Blatt für Putin zu wenden. Der von Beginn an missglückte Angriff auf die Ukraine hat seine Beliebtheitswerte sinken lassen und den öffentlichen Diskurs in Russland verändert. Auch in den streng kontrollierten Medien wird das Debakel, das die russische Armee in zuletzt in der Schlacht um Lyman erlitten hat, beim Namen genannt und öffentlich die Frage gestellt, wer dafür die Verantwortung trägt. Der Kreml predigte zunächst weiterhin, dass die Lage unter Kontrolle wäre. Dass dem nicht so ist, wusste jeder, der es wissen wollte. Jetzt gibt die Führung erstmals Fehler zu. Auch Putin selbst. Der russische Präsident, sagt Belton, ist ein Mensch, der in dem Bewusstsein lebt, siegen zu müssen. Und er arbeite mit den Tricks eines Ex-KGB-Mannes, um an sein Ziel zu gelangen.

Jetzt ist er offensichtlich bereit, alles in die Waagschale zu werfen. Mit der Annexion von vier ukrainischen Regionen hat Putin den Einsatz erhöht, auch sein persönliches Risiko steigt gewaltig. Bleiben die militärischen Erfolge für Russland weiter aus, könnte das der Anfang von Putins Ende sein, sagen Experten. Solle es jetzt eine "desaströse Niederlage" setzen, sollte Putin die annektieren Provinzen oder gar die Krim verlieren, dann "dürfte er nicht mehr zu halten sein", prognostiziert der Osteuropa-Experte Gerhard Mangott.

Die nächsten zwei bis drei Wochen entscheiden

Wie aber ist ein mögliches Ende Putins vorstellbar? Der genaue Ablauf ist nicht vorherzusehen. Belton meint, dass die Entwicklungen der nächsten zwei bis drei Wochen über Putins Zukunft entscheiden. Sein Status bei den Eliten ist ramponiert. Zudem gibt Teile des Inlandsgeheimdienstes, von denen eine Bedrohung für den Machthaber ausgehen kann. Geht der Krieg in Bausch und Bogen verloren, brechen in Moskau Machtkämpfe aus.

Viele Karten hat Putin jetzt nicht mehr in der Hinterhand. Die letzte Hoffnung bestünde darin, dass es im Winter mit der Einheit des Westens, mit den Sanktionen und mit der militärischen Unterstützung für die Ukraine vorbei ist. Derzeit sieht es jedenfalls ganz so aus, als wäre die von Putin - widerstrebend - angeordnete Teilmobilmachung ein Verzweiflungsschlag ins Wasser.

Putin ist zum militärischen Erfolg verdammt, doch geht das britische Verteidigungsministerium davon aus, dass sich Moskau komplett übernommen hat. Der Staat sei nicht in der Lage, die Rekruten auszurüsten und zu trainieren. Oft bekommen die neu Eingezogenen nichts zu essen oder werden auf freiem Feld ausgesetzt, ohne dass sich ein Ausbilder um sie kümmert. Häufig gibt es keine passenden Uniformen für die mittlerweile rund 200.000 Einberufenen, die sogar gezwungen sind, ihre eigenen Ausrüstungsgegenstände wie Schlafsäcke mitzubringen.

Die eigentlich nicht geplante Mobilisierung von Reservisten stößt auf Widerstand. Hunderttausende wehrpflichtige Russen sind bereits in das benachbarte Ausland geflüchtet. Die Grenzen werden jetzt genau kontrolliert und Ausreisewilligen wird im Extremfall sofort eine Einberufung zur Armee in die Hand gedrückt. So wurden zuletzt auch verhaftete Friedensaktivisten behandelt.

Kremlherr greift immer
öfter direkt ein

Die Moral ist entsprechend schlecht: Auf einer Militärbasis bei Moskau soll es zu einer Massenschlägerei zwischen den neu Einberufenen und Zeitsoldaten gekommen sein. Die in der Kaserne Dienenden sollen von den Neuen deren Kleidung und Mobiltelefone gefordert haben, der Konflikt endete in einer Prügelorgie. Dabei behielten die frisch Rekrutierten die Oberhand.

Auch sonst können die russischen Rekrutierungsstrategien hinterfragt werden. Die Praxis, Soldaten in Gefängnissen anzuwerben, könnte sich als Irrweg herausstellen. Ob derartige "Strafbataillone" kampfstark sind, ist zu bezweifeln, immer wieder wurden in der Vergangenheit Offiziere von den Mannschaften bedroht, verletzt oder sogar getötet. Die Zahl der Desertionen wird sprunghaft ansteigen.

Auch gibt es klare Hinweise, dass Putin immer öfter direkt in militärische Entscheidungen eingreift. Ob so weitere militärische Niederlangen verhindert werden, ist mehr als fraglich. Und wenn die ersten russischen Reservisten in einigen Wochen im Sarg in die Heimat zurückkehren, wird sich die Wut der Menschen verstärkt gegen die Person des Präsidenten selbst richten.