Die Führung in Moskau tut derzeit alles, um im Ukraine-Krieg wieder die Oberhand zu bekommen. Bis jetzt aber ohne Erfolg, wie die Lage auf den Schlachtfeldern zeigt. So können selbst angebliche russische Eliteeinheiten nicht verhindern, dass die ukrainische Armee in der Region Cherson große Gewinne erzielt und auf die gleichnamige Stadt vorrückt.

Auf dem Schrotthaufen: ein zerschossener russischer Panzer. - © reuters / Bensemra
Auf dem Schrotthaufen: ein zerschossener russischer Panzer. - © reuters / Bensemra

Cherson hat enorme strategische Bedeutung. Die Hafenstadt am Dnjepr befindet sich kurz vor dessen Mündung ins Schwarze Meer und kontrolliert einen Weg auf die besetzte Krim. Doch bricht in der Region der russische Widerstand stellenweise komplett zusammen - weil Truppen einfach zusammengeschossen werden oder sich flüchtartig zurückziehen müssen. Gut informierte russische Kriegsreporter bezeichnen die Lage als "kritisch" und bestätigen, dass man sich auf dem Rückzug befinde.

Strategisches Dilemma

Das britische Verteidigungsministerium, das regelmäßig umfassende Lageberichte veröffentlicht, spricht von einem "strategischen Dilemma", in dem sich die russischen Kommandeure befänden. Eines der größten Probleme sei derzeit die zunehmende Bedrohung der Stadt Nowa Kachowka am Südende des Dnipro-Stausees, hieß es am Donnerstag. Der dortige Nachschubweg ist beschädigt, aber die Russen benötigen ihn dringend, um ihre Truppen jenseits des Flusses zu versorgen. Ein Rückzug von dort würde zwar die Verteidigung von Cherson verstärken, doch sei es wohl politisch geboten, das Gebiet jenseits des Flusses zu halten.

Der Kreml verfüge allerdings kaum noch über qualifizierte und schnell einsetzbare Kräfte zur Stabilisierung der Front. So hat die russische Armee aus Mangel an Soldaten offenbar keine zweite Verteidigungslinie aufbauen können. Die Rede ist davon, dass nur ein Drittel der notwendigen Kräfte bereit stünden. Und die im Zuge der jüngsten Teilmobilmachung mühsam ausgehobenen Kräfte sind noch lange nicht einsatzbereit. Es wird noch Wochen dauern, bis sie kämpfend an der Front stehen, und selbst dann ist völlig unklar, ob sie die von Moskau so dringend benötigte Wende zustande bringen.

Die Ukrainer hingegen verfolgen eine höchst erfolgreiche Strategie weiter: Zunächst werden Brücken und Infrastruktur im russisch besetzten Hinterland zerstört. Mit satellitengesteuerten US-Himars-Raketen und ähnlichen britischen Systemen greifen die Ukrainer Munitionslager, Kasernen und Kommandostellen gezielt an. Die Koordinaten erhalten die Stäbe in Kiew von US-amerikanischen und britischen Geheimdiensten. All das führt dazu, dass sich aus russischer Sicht derzeit Niederlage an Niederlage reiht.

Allerdings betonen Militärexperten immer wieder, dass Russland noch lange nicht am Boden liegt. Denn auch auf ukrainischer Seite sind die Verluste beträchtlich. Bei einem erfolglosen Sturm auf ein von Russland gehaltenes Dorf etwa sollen Ende September hunderte ukrainische Soldaten gefallen sein. Dazu kommt, dass die Witterung im Herbst und Winter weitere Vorstöße schwieriger machen wird. Derzeit sieht es nicht danach aus, als könnte die Ukraine Russland zur Räumung Chersons zwingen. Sollte es zum Sturm auf die Stadt kommen, sind hohe Verluste der Angreifer vorprogrammiert.

Schoigu als Sündenbock

Unterdessen mehren dich die Hinweise darauf, dass Verteidigungsminister Sergej Schoigu als Sündenbock für Russlands Scheitern herhalten muss. Mit Ramsan Kadyrow hat Präsident Wladimir Putin jenen Mann zum Generaloberst befördert, der Schoigu zuletzt - zumindest indirekt - am heftigsten kritisiert hat. Der berüchtigte Tschetschenen-Führer prangerte "Fehler" russischer Generäle an und kritisierte "Vetternwirtschaft". Putin, so Analysten, wird Schoigu demnächst als Schuldigen vorführen - schon, um nicht selbst ins Fadenkreuz der Kritik zu geraten.