Ich war in Russland. Nicht als Journalist, denn ich bin Unternehmer in der Kommunikationsbranche und konsumiere Medien nach ihren Möglichkeiten, die wieder meinem Geschäft dienlich sein könnten. Ich konsumiere Medien aber auch als politisch interessierter Leser. Und ich kann einige Kritik an den Medien in Sachen Russland-Berichterstattung nachvollziehen. Und zwar jene, dass kaum noch im Land mit den Leuten geredet wird. Und schon gar nicht außerhalb Moskaus. Zwar gibt es löbliche Ausnahmen, wie den deutsch-französischen Kultursender Arte, aber vom ORF zum Beispiel kriege ich keine Bilder aus dem Herz des Landes gezeigt. Vielleicht habe ich einen Beitrag übersehen, gut möglich. Aber im Gegensatz zu noch vor zwanzig Jahren machen die Leitmedien, meiner Meinung nach, nicht die Arbeit, die sie tun sollten.

Abendstimmung in Moskau. Wie denken Russen über den Krieg? Vielfach fällt ein Satz, der sich wiederholt: "Man kann ja ohnehin nichts ändern." 
- © Alexander Popov

Abendstimmung in Moskau. Wie denken Russen über den Krieg? Vielfach fällt ein Satz, der sich wiederholt: "Man kann ja ohnehin nichts ändern."

- © Alexander Popov

Ich flog also nach Russland. Und war der einzige Tourist in der Maschine, blieb der einzige Tourist all die acht Tage, die ich im Land war. Ich war Tourist zu einer unmöglichen Zeit. Und ich reiste am Tag der Teilmobilmachung wieder ab. Haben die Leute mit einer solchen gerechnet? Die, die mit mir sprachen, dachten sehr wohl, dass da noch was kommen würde. Es wurde offensichtlich, dass die "Spezialoperation" die ukrainische Armee nicht aufhalten konnte, Geländegewinne zu verzeichnen. Trotz der Zensur gibt es immer noch auch unabhängige und teilunabhängige Medien, die davon berichten. Sogar das Propagandainstrument Staatsfernsehen tat dies. Die Gesichter jener, die in meiner Anwesenheit die geschönten TV-Nachrichten sahen, privat und im Hotel, blieben regungslos. Will man sich nichts anmerken lassen? Nachgefragt die Antwort: "Man kann nichts ändern."

Ich habe Freunde in Russland; Menschen, welche unter den Regierungen Putin und Medwedjew wirtschaftlichen Aufstieg erfuhren. All meine Freunde und ihre Bekannten, die ich traf, werden hier zu ihrem Schutz nicht namentlich genannt. Denn man kann nie sicher sein, ob eine Reaktion erfolgt. Und wann. Der Inlandsgemeindienst FSB hat ein langes Gedächtnis. Und auch Menschen, die nicht im Zentrum der Öffentlichkeit stehen und leise Kritik üben, sterben mitunter bei seltsamen Unfällen.

Erbe der Sowjetunion

Ich flog von einem asiatischen Flughafen an die östlichste Grenze Europas. Hinter mir im Flugzeug saß ein lesbisches Paar, dass genauso gut aus Steyr oder Feldkirch hätte stammen können. Die Einreisekontrolle am Flughafen, wo man sich über meine Ankunft sicher wunderte, dauerte länger. Der Beamte musste Anrufe tätigen, blieb aber ausgesprochen freundlich. Der Mann, ungefähr dreißig, sprach gutes Englisch, betonte aber stets, dass er seine Englischkenntnisse nicht für ausreichend hält. Ich widersprach vehement, sein Lächeln signalisierte, dass er genau das hören wollte. Ein kurzer Moment einer vermeintlichen Freundschaft mit einem Repräsentanten eines Terrorstaates? Man gibt dem Instinkt des Lächelns nach. Und schon öffnen sich die Schranken.

Mein Ziel liegt einige Flugstunden östlich von Moskau. Hier habe ich viele, alte Freunde. Im Land lebt eine vielethnische, meist turkstämmige Bevölkerung, die sich das Gebiet mit einer Mehrheit Russen teilt, die seit vielen Jahrzehnten quasi Besatzer sind, die aber auch so etwas wie Staat und Verwaltung mitbrachten. Das Theater der Stadt führt seine Aufführungen nur in der Turksprache auf, Russen bekommen Kopfhörer mit einer Übersetzung - manch europäische Volksgruppenpolitik könnte sich hier eventuell ein Beispiel nehmen. Diese Art Respekt, ein Erbe der Sowjetunion, die ihre Völker nicht nur mit Gewalt zusammenhalten konnte, ist auch der Grund, warum diese Region nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht ein eigener, unabhängiger Staat werden wollte. Dass das richtig war, bewiest die ökonomisch sehr stabile Lage.

Ich hatte nicht den Eindruck, in einem unterentwickelten Teil Russlands zu sein, und die Städte und die Dörfer sahen nicht so aus, als müssten die Bewohner Waschmaschinen in der Ukraine klauen. Nein: Die Soldaten der Spezialtruppen wurden kaum von hier rekrutiert. Bis zur Einberufung der Reservisten.

Auf den Straßen aber dann Szenen wie damals beim Boykott der Olympiade in Moskau, 1980. Es war "City Marathon", ein westlicher Brauch, der auch in dieser Stadt gerne gepflegt wird. Und man ist stolz auf internationale Teilnehmer, die trotz des Krieges anreisten. Ich sah einen afrikanischen Läufer, der mit einer großen ungarischen Flagge lief. Das ist Teil dieser grotesken Aufführung, die mir mehr vom Westen als vom Osten erzählt. Und dann doch wieder mehr vom Osten.

Man spricht von "Krieg"

Über die Dörfer: Ich besuchte die Eltern einer meiner Bekannten, die dort ein schönes Einfamilienhaus haben, groß und komfortabel eingerichtet, mit großen Garten - die Mama hatte Geburtstag. Auf der Hinfahrt ein kurzer Blick auf und in eine rein russische Wohnsiedlung, etwa 20 Autominuten von der Stadt entfernt; meist propere neue Wohnhäuser. Dazwischen aber auch Bauwerke von kurzfristig vermögend gewordenen Russen, maßlos in ihrer Art - und teilweise auch schon wieder zum Verkauf stehend, weil die Jahre schnellen Geldes auch hier zu Ende sind. Die Straßen in den Dörfern sind gut asphaltiert, die Verkehrsschilder und Ampeln neu. Nur der Schafhirte treibt seine Herde wie die Jahrhunderte davor, jeder Moderne trotzend, zwischen den Häusern auf die Weide.

Und ja, der Krieg? Ich musste meiner Gastgeber und dessen Freunde nicht fragen. Und auch ihre Bekannten nicht. Jede und jeder kam von selbst mit dem Thema auf mich zu. Fühlt man sich vom Westen unverstanden? Ich habe eher den Eindruck, dass meine Freunde versuchen zu verstehen, was Putin hier tut. Das Narrativ mit den Nazis funktioniert nicht. Die Meinung eines Westlers, der in diesem Teil Russlands aufschlägt, wird aufmerksam gehört. Aber kaum kommentiert. Da ist er wieder, dieser Satz: "Man kann ohnehin nichts ändern."

Es ist der vierte Tag. Ich schreibe das gegenwärtige Schicksal mehrerer Frauen auf. Aleksandra, zum Beispiel, wird mit ihrem deutschen Lebensgefährten nicht nach Berlin, sondern nach Moskau ziehen, wo dieser "remote" bei seinen deutschen Arbeitgebern arbeiten kann. Der Vater ihrer Tochter aus vorheriger Beziehung gab zur Ausreise seines Kindes keine Zustimmung.

Die andere Freundin Valentina hat sich von einer Nawalny-Anhängerin in ein Kadyrow-Groupie entwickelt und liest nächtelang alle Posts aus dem Krieg. Ich wusste nicht, dass der tschetschenische Schlächter Kadyrow Prada-Stiefel trägt. Jetzt weiß ich es.

Eine andere Freundin, Natascha, die einem meiner Bekannten auch Englisch beigebracht hat, bricht ob der Nachrichten regelmäßig in Tränen aus. Über ihrer Seele liegt der Schleier dieses Krieges.

Schlange vor dem KFC

Oksana, die in Moskau Deutsch unterrichtet, berichtet, dass ihre Studentinnen und Studenten sehr viel über den Krieg sprechen wollen und den Krieg auch Krieg nennen. Sie will sich da eher zurückhalten; die Studenten aber fordern sie heraus und sagen: "Wieso nicht darüber reden? Russland ist doch eine Demokratie. Da darf man über alles reden." Und dann lachen alle.

Am Abend dieses vierten Tages bin ich in der Sauna im großen Einkaufszentrum der Stadt. Hier sind etwa 15 Prozent der Geschäfte geschlossen. Die anderen sind aber gut besucht, vor dem Laden des noch immer in Russland tätigen, US-amerikanischen Hühnchenbräters KFC steht eine lange Schlange. Der Westen ist out? Die Schlange erzählt vom Gegenteil. Zumindest vom Rating westlicher Lebensart.

Der aufgrund der Sanktionen geschlossene Ikea wirkt befremdlich, wie eine Art "Irrtum" in dieser Einkaufslandschaft. Auch russische Geschäfte haben wie selbstverständlich englische Namen wie "Bee-Line", ein Telefonanbieter, wie "Sportsmaster", ein Sporthändler, den man auch in der Vösendorfer SCS nicht anders findet. Rein nationales Russisches ist hier, wo Zigtausende täglich flanieren, selten. Der Fremde aus dem Westen wird nicht bestaunt, auch nicht als Fremder wahrgenommen, denn man zieht sich an wie er und konsumiert wie er. Der lokale Sender im Radio, heißt "Energy". Wäre da nicht dieser Krieg, dann könnte man fast . . .