Einen Tag, nachdem Russland einen Generalangriff auf ukrainische Städte geführt hatte, dröhnten am Dienstag erneut die Sirenen. Die Menschen wurden von den Behörden angewiesen, Schutz in Kellern und U-Bahn-Stationen zu suchen. Wieder gingen rund 20 Raketen und Kampfdrohnen auf das Land nieder, das sich seit 24. Februar im Krieg mit seinem großen Nachbarn befindet.

Die Behörden in Saporischschja - Europas größtes Atomkraftwerk steht rund 50 Kilometer von der Stadt entfernt - meldeten Angriffe, Kiew und Chmelnyzkyj zählen zu den betroffenen Metropolen. Die ukrainische Luftabwehr versuchte, die todbringenden russischen Geschosse in letzter Sekunde zu eliminieren. Medien zufolge gelang es, vier Raketen abzuschießen. Dennoch waren auch am Dienstag wieder zivile Opfer zu beklagen.

Ohne Strom und Unterkunft

Tags davor waren mehr als 80 russische Angriffe gezählt worden, landesweit starben laut ukrainischen Angaben 19 Menschen, mehr als 100 wurden verletzt. Das russische Verteidigungsministerium bestätigte am Dienstag erneut "massive Angriffe" mit "Hochpräzisionswaffen" gegen Einrichtungen der Energieversorgung und militärische Infrastruktur. Alle Ziele des Angriffs seien erreicht worden, hieß es. Die Ukraine hingegen sprach von "Kriegsverbrechen", denn die Lebensbedingungen für die Zivilbevölkerung würden durch gezielte Angriffe unerträglich gemacht.

Die jüngsten Entwicklungen weisen darauf hin, dass Russlands Krieg in der Ukraine noch enorme Entbehrungen für die Zivilbevölkerung bereithält. Bei den Angriffen ist die Elektrizitätsversorgung in zahlreichen Regionen der Ukraine unterbrochen worden. Sofort wurde mit den Reparaturarbeiten begonnen, trotzdem dürften die Schäden nicht so schnell behoben sein.

Die ukrainischen Behörden warnen die Bevölkerung bereits jetzt vor dem härtesten Winter seit Jahrzehnten. Temperaturen von minus 20 Grad sind in der Ukraine keine Seltenheit, seit Ausbruch des Krieges wurden rund 50.000 Gebäude und 350 zentrale Heizungsanlagen beschädigt. Das Rote Kreuz warnt, dass wetterfeste Unterkünfte fehlen, was vor allem für ältere Menschen, Kranke und Kinder lebensbedrohlich werden kann.

Die Ukraine ist auf humanitäre Hilfe angewiesen: "Die Aggressoren wollen uns zu einem kalten und dunklen Winter verdammen", bringt der Bürgermeister von Charkiv, Ihor Terechow, die Lage auf den Punkt. Wobei die Behörden genaue Informationen zum Zustand der Infrastruktur aus strategischen Gründen nicht gerne bekanntgeben. Gesichert ist, dass zwei Umspannwerke im Süden des Landes durch russische Angriffe vollständig zerstört worden sind. In Lemberg haben nach Treffern 30 Prozent der Menschen keinen Strom mehr.

Von langer Hand geplant

Russland kann die Ukraine aber auch ohne kriegerische Mittel schwer in Bedrängnis bringen. Sollte der Kreml entscheiden, kein Erdgas mehr an den Westen zu liefern, hätte das erhebliche Konsequenzen. Ein derartiger Lieferstopp könnte den Druck in den Pipelines so absenken, dass auch der Transport von Gas innerhalb der Ukraine unmöglich würde.

Die Ukrainer sind gewarnt, viele haben bereits begonnen, Holz für den Winter zu hamstern. Zudem haben die Behörden dazu aufgerufen, sich eigene Heizgeräte zu beschaffen. Das allerdings könnte wieder zu einer Überlastung des angeschlagenen Stromnetzes führen.

Ein baldiges Ende des Martyriums ist nicht in Sicht. Dass es rasch zu Lösungen auf dem Verhandlungstisch oder einer Entscheidung auf dem Schlachtfeld kommt, ist so gut wie ausgeschlossen.

Die jüngsten Angriffe legen außerdem nahe, dass der Krieg einem genauen russischen Drehbuch folgt. Der Außenminister der Ukraine, Dmytro Kuleba, geht ebenso wie internationale Experten davon aus, dass die Attacken von langer Hand geplant waren. Es handelte sich somit keineswegs, wie von Präsident Wladimir Putin behauptet, um eine Reaktion auf die Explosionen auf der Krim-Brücke am Wochenende. Die Raketenschläge sind vielmehr Teil einer groß angelegten Zermürbungsstrategie. Der ukrainische Geheimdienst meint, dass damit Panik unter der Bevölkerung ausgelöst werden soll.

Dass so die Fähigkeit der Ukrainerinnen und Ukrainer zum Widerstand gebrochen werden kann, ist aber wenig wahrscheinlich. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges etwa lehren, dass die verheerenden Bombenangriffe der Alliierten auf Deutschland zwar zu Verbitterung in der Bevölkerung führten. Hass und Wut richteten sich aber in erster Linie gegen die Angreifer.

Putin, ein Getriebener

Die Angriffe ohne Rücksicht auf zivile Verluste sind auch ein Indiz dafür, dass Putin längst vom souveränen Kriegsherrn zum Getriebenen geworden ist. Angesichts der russischen Niederlagen an der Front im Osten der Ukraine fordern nationalistische Hardliner schon lange ein härteres Vorgehen. Entsprechend nachdrücklich begrüßen diese Kräfte die Angriffe vom Montag und Dienstag. Putin ist es damit kurzfristig gelungen, dem Druck seiner Kritiker entgegenzuwirken.

Beobachter weisen darauf hin, dass der Krieg nun in eine neue Phase eingetreten ist. Zwar hat es bereits früher Raketenangriffe auf ukrainische Städte gegeben, doch war die Führung im Kreml stets bemüht, diese Attacken als strategisch notwendige, "präzise" Schläge darzustellen. Jetzt ist erstmals von "Vergeltung für Terror" die Rede, wobei die Ukraine ihrerseits "Rache" schwört. Eine unselige Spirale von Gewalt und Gegengewalt beginnt sich zu drehen, und derzeit kann niemand abschätzen, wohin diese Entwicklung noch führen wird.