Kiew. Russland hat am Dienstag seine Luftangriffe auf ukrainische Städte fortgesetzt und erneut auf die Strom- und Wasserversorgung des Landes gezielt. In Kiew gab es in der Früh mehrere Explosionen, über der Stadt waren mehre dicke Rauchsäulen zu sehen.

Beim Angriff auf die Hauptstadt wurde nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko vor allem kritische Infrastruktur im Norden getroffen. Dort steht ein Wärmekraftwerk. Ob es beschädigt wurde, ließen Klitschko und der stellvertretende Leiter des Präsidialamtes, Kyrylo Tymoschenko, offen. Auch über mögliche Opfer gab es zunächst keine Angaben.

In der nordukrainischen Stadt Schytomyr war am Dienstag nach russischen Luftangriffen die Stromversorgung ausgefallen. "Es gibt zurzeit weder Licht noch Wasser in der Stadt", schrieb Bürgermeister Serhij Suchomlyn auf Facebook. Die Spitäler hätten auf Notstromversorgung umgestellt. In Schytomyr lebten vor Beginn der russischen Invasion am 24. Februar rund 260.000 Menschen. Aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt des Landes, wurden ebenfalls Angriffe auf Energieanlagen gemeldet.

In Mykolajiw wurde ein Wohnhaus getroffen. Ein Flügel des Gebäudes in der Innenstadt sei vollständig zerstört worden, berichtete ein Reuters-Reporter. Ein riesiger Krater sei dort nun zu sehen. Aus den Trümmern habe die Feuerwehr die Leiche eines Mannes geborgen. Die Bewohner des Gebäudes hatten sich im Keller in Sicherheit bringen wollen, als die Rakete einschlug.

"Sie terrorisieren
und töten Zivilisten"

"Die Ukraine steht unter dem Feuer der Besatzer", schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf dem Nachrichtendienst Telegram. "Sie tun weiterhin das, was sie am besten können - Zivilisten terrorisieren und töten." Selenskyj zufolge wurden bei den russischen Luftangriffen binnen einer Woche fast ein Drittel der Kraftwerke in der Ukraine zerstört. Durch den Beschuss komme es zudem immer wieder zu massiven Stromausfällen im ganzen Land.

Nach Ansicht britischer Militärexperten sind die russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur und zivile Ziele eine unmittelbare Reaktion auf die jüngsten Rückschläge auf dem Schlachtfeld. Die russische Armee ist nach massiven Geländeverlusten in der Region Charkiw zuletzt auch im Oblast Cherson immer stärker unter Druck geraten. Mit weitreichreichender Artillerie hatten ukrainische Truppen dort bereits im Sommer Munitionsdepots und Nachschubwege ins Visier genommen, Mitte September gelang dann auch ein Vorstoß entlang des Dnjepr in Richtung Süden. In der vergangenen Woche rief die russische Besatzungsverwaltung in Cherson schließlich Zivilsten zur Flucht auf.