Nach der Befreiung von Cherson im November, der einzigen seit dem 24. Februar von den Russen besetzten ukrainischen Regionalhauptstadt, haben sich die Kämpfe in der Ukraine aufgrund des morastigen Bodens etwas verlangsamt. Aufgehört haben sie jedoch keinesfalls. Während die Ukrainer versuchen, in Luhansk nahe der logistisch wichtigen Straße zwischen den Orten Swatowe und Kreminna vorzudringen, haben die Russen kleinere Geländegewinne in der Nähe der Stadt Bachmut im Oblast Donezk erzielt. Schon seit Monaten tobt hier eine Schlacht, die mit ihren Artillerieduellen und den Grabenkämpfen an den Ersten Weltkrieg erinnert. An einer Eroberung der Stadt scheiterte die Armee von Wladimir Putin, die zusammen mit starken Kräften der Wagner-Söldnertruppe angreift, aber immer wieder.

Doch bedeutet diese Konzentration auf einige wenige Gebiete, dass die Militärkampagne in diesem Jahr bereits zu Ende ist und die Wiederaufnahme der großen Kämpfe erst dann möglich wird, wenn der Boden im Winter einfriert und erneut umfangreiche Truppenbewegungen ermöglicht? Daran haben ukrainische Militärexperten wie Oleksij Melnyk, Oberstleutnant außer Dienst und Co-Direktor beim Kiewer Thinktank Zentrum Rasumkowa, ihre Zweifel. "Ich würde nicht ausschließen, dass uns noch vor Jahresende eine Überraschung erwarten könnte. Vielleicht keine so große wie im September bei der Gegenoffensive im Bezirk Charkiw, doch es ist für die Ukrainer gerade jetzt extrem wichtig, die Initiative zu behalten", sagt der Militärexperte. Eine ukrainische Offensive könnte seiner Einschätzung zufolge so gut wie überall stattfinden. "Schon beim Vorstoß in Charkiw hat die ukrainische Militärführung gezeigt, dass sie stark auf den Überraschungseffekt setzt", analysiert er.

Süden als strategisches Ziel

Melnyks Einschätzung wird von Oleksandr Mussijenko, dem Direktor des Zentrums für militärrechtliche Studien, im Wesentlichen geteilt. "Es ist wichtig anzugreifen, wenn sich die Gelegenheit dafür bietet. Gleichzeitig muss aber die Verlegung der von Russland mobilisierten Soldaten an die Front gezielt gestört werden", betont er.

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Die russischen Bemühungen vor Bachmut vergleicht Mussijenko mit den monatelangen harten Kämpfen um die in Luhansk gelegenen Städte Lyssytschansk und Sewerodonezk, die im Sommer von den Russen dann letztlich doch besetzt werden konnten. "Wir sehen dasselbe Bild wie damals", sagt der Experte. "Dort wurde buchstäblich die Erde ausgebrannt. Die Städte wurden zwar besetzt, doch es gab riesige Verluste, und die Russen konnten danach keine weiteren Offensivoperationen mehr durchführen." Im Rahmen der Gegenoffensive im September konnten die Ukrainer dann sogar kleine Gebiete im Bezirk Luhansk zurückerobern.

"Es stellt sich die Frage, warum die Russen überhaupt so viele Kräfte in Bachmut aufopfern", sagt Mussijenko. Über Bachmut gäbe es zwar logistisch wichtige Wege Richtung Norden, der Hauptgrund sei aber wohl, dass es der einzige Ort ist, an dem die Russen zumindest noch teilweise vorankommen. "Falls ihre Angriffe auch hier zum Stillstand kommen, befinden sie sich entlang der gesamten Front in der Defensive", sagt Mussijenko. Das wäre kommunikativ und politisch ein Problem für den Kreml.

Bei Swatowo und Kreminna haben Mussijenko zufolge auch die Ukrainer ihre Schwierigkeiten. Doch es gäbe generell gute Chancen, dieses Gebiet zu befreien und daraufhin in Richtung der Städte Sewerodonezk und Lyssytschansk, die wiederum für die Versorgung der russischen Truppen um Bachmut wichtig sind, vorzurücken. "Dadurch könnte man den Druck auf die ukrainischen Soldaten dort deutlich verkleinern", betont Mussijenko.

Mussijenko und Melnyk sind sich aber einig, dass das strategische Ziel Nummer eins der Süden ist - das nach wie vor besetzte linke Dnjepr-Ufer im Bezirk Cherson und die okkupierten Teile des Bezirks Saporischschja. "Das hat oberste Priorität für das Jahr 2023. Die effektive Zerstörung der Landbrücke zur Krim wäre der absolute Wendepunkt des Krieges", sagt Melnyk, der zwischen 2005 und 2008 als erster Berater des ukrainischen Verteidigungsministers fungierte. "Die Offensive im Bezirk Charkiw und die Befreiung von Cherson waren für den Kriegsverlauf wichtig. Doch hier könnte die russische Logistik kollabieren, was kriegsentscheidend sein könnte."

Ein Ende im Jahr 2023?

Eine ukrainische Offensive in Richtung Süden wäre aber alles andere als einfach, zumal die Russen sich seit Wochen und Monaten darauf vorbereiten. Melnyk und Mussijenko, die beide davon ausgehen, dass die Armeeführung in Kiew den Vorstoß in jedem Fall versuchen wird, sehen aber durchaus realistische Chancen auf einen ukrainischen Erfolg. Im besten Fall könnten die aktiven Kampfhandlungen dann sogar Mitte 2023 grundsätzlich zu Ende gehen, auch wenn sich die Experten hier nicht auf konkrete Prognosen einlassen wollen.

Dass die ukrainische Armee in der Lage ist, sich an neue Gegebenheiten anzupassen und sich sowohl taktisch als auch strategisch weiterzuentwickeln, hatte sie erst vor wenigen Tagen mit den Angriffen auf tief im russischen Hinterland liegende Flugplätze unter Beweis gestellt. "Der Angriff mag den Kriegsverlauf nicht entscheidend verändert haben. Doch je weniger russische Bomber mit Marschflugkörpern auf die Ukraine schießen, desto besser. Und psychologisch ist das für die Russen eine Katastrophe", sagt Melnyk, der die Schläge gegen die Bomberflotte mit dem Angriff auf die Krim-Brücke und der Versenkung des Schwarzmeer-Flaggschiffs "Moskwa" vergleicht.

Diplomatische Lösung für Krim

Sehr zurückhaltend sind sowohl Melnyk wie auch Mussijenko aber, was die Zurückeroberung der seit März 2014 besetzten Krim-Halbinsel angeht. "Wir sollten hier Schritt für Schritt denken. Die Priorität ist der Süden auf dem Festland. Über die Krim könnte man dann politische und diplomatische Diskussionen führen", sagt Mussijenko. "Sollten die Russen in eine derart desaströse logistische Lage wie im Bezirk Charkiw gelangen, könnte man aber auch über eine militärische Operation auf der Krim nachdenken."

Melnyk rechnet im Falle eines Angriffs auf die Krim aber in jedem Fall mit erbittertem Widerstand. "Die Kämpfe auf der Krim könnten sehr blutig werden", sagt der Militärexperte. "Ich sehe daher hier eher diplomatische Kompromisslösungen, was vielleicht in Teilen der Bevölkerung jetzt unpopulär ist. Eine Übergabe an die Ukraine nach mehrjähriger internationalen Überwachung oder Ähnliches wäre denkbar."