Die Stille bleibt in diesen Tagen nur kurz in Bachmut. Dann setzt wieder das dumpfe Grollen der Geschütze ein, das die Menschen in der ehemals 70.000 Einwohner zählenden Stadt seit dem Sommer Tag für Tag begleitet. Zumeist gehen die russischen Artilleriegranaten auf die vorgeschobenen ukrainischen Verteidigungsstellungen nieder, doch immer wieder gibt es auch Einschläge in jenen Vierteln, in denen die Menschen leben, die ihre Stadt trotz des Horrors des Kriegs nicht verlassen wollen.

Im Süden und Osten von Bachmut, dort, wo die Front mehr oder weniger an der Stadtgrenze entlang läuft, hat sich die Gegend durch das endlose Bombardement in eine leblose Kraterlandschaft verwandelt, die mit ihren zerschossenen Bäumen an die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieg erinnert. Schon seit Monaten rennen hier vor allem Einheiten der berüchtigten Söldnertruppe Wagner unter immensen Blutzoll gegen die ukrainischen Grabenanlagen an, um die Stadt doch noch unter russische Kontrolle zu bringen. Westlichen Schätzungen zufolge sind es manchmal mehr als hundert russische Soldaten, die pro Tag ihr Leben lassen müssen, um die Frontlinie, die sich seit dem 24. Februar kaum verändert hat, ein paar hundert Meter weiter in Richtung Bachmut zu verschieben.

"Putins Ziel ist unverändert"

Die auch für die ukrainische Seite extrem blutige Schlacht um Bachmut ist mittlerweile zum Sinnbild eines Kriegs geworden, der ganz anders verlaufen ist als von Präsident Wladimir Putin geplant. Statt wie vorgesehen in drei Tagen die Hauptstadt Kiew zu erobern und dort ein Moskau-freundliches Regime zu etablieren, befindet sich Russland nach den erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensiven außer in Bachmut überall in der Defensive.

Dass sich die russischen Truppen nun langfristig einigeln, um zumindest die bisher besetzen Gebiete zu behaupten, halten Geopolitik-Experten wie Velina Tchakarova aber dennoch nicht für realistisch. "Russland wird nicht aufgeben", sagt die Direktorin des Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES). "Das Mindestziel für die Regierung in Moskau ist nach wie vor, die Kontrolle über den gesamten Donbass zu erlangen. Aber ich bin auch überzeugt davon, dass das ursprüngliche Ziel, nämlich die komplette Unterwerfung der Ukraine, auf der Agenda von Präsident Wladimir Putin steht." Tchakarova rechnet daher auch damit, dass Russland parallel zum Versuch, die Ukraine mit Raketenangriffen auf die Energieinfrastruktur in die Knie zu zwingen, noch einmal zu einer großangelegten Bodenoffensive ansetzen wird. "Russland hat mittlerweile hunderttausende Soldaten mobilisiert und braucht militärische Erfolge", sagt Tchakarova.

Doch nicht nur die russischen Kriegsziele haben sich so gut wie nicht verändert, sondern auch die ukrainischen. Sowohl Präsident Wolodymyr Selenskyj als auch seine Generäle haben seit dem 24. Februar immer wieder betont, dass die Ukraine nichts weniger akzeptieren wird als den vollständigen Rückzug aller russischen Truppen aus den besetzten Gebieten. Und auch die ukrainische Bevölkerung, die durch die russischen Massaker in Butscha gleich in den ersten Kriegsmonaten einen bis heute nachwirkenden Schockmoment erlebt hat, spricht sich in Umfragen immer wieder mit überwältigender Mehrheit gegen eine Abtretung von Gebieten und für ein Weiterkämpfen aus.

Eine Frage des Vertrauens

Dass es in absehbarer Zeit zu einem primär durch Verhandlungen erreichten Friedensabkommen kommt, scheint damit so gut wie ausgeschlossen. "Damit ein Krieg zu Ende geht, muss zumindest eine Seite ihre Minimalziele ändern", sagt der Konfliktforscher Hein Goemans, der dem "New Yorker" vor kurzem ein bemerkenswertes Interview gegeben hat. "Das ist die wichtigste Bedingung."

Aus Sicht von Goemans, der sich seit mehr als 20 Jahren als einer der wenigen Forscher wissenschaftlich mit der Frage wie bewaffnete Konflikte enden auseinandersetzt, sprechen derzeit aber auch noch andere Faktoren gegen ein baldiges Friedensabkommen. So gibt es in der Praxis keine übergeordnete Instanz, die die Einhaltung eines solchen Vertrages durchsetzen kann, falls sich eine Partei dazu entschließt, ihn zu brechen.

In der historischen Rückschau haben Kriege daher vor allem dann besonders lange gedauert, wenn die Konfliktparteien nicht darauf vertrauen konnten, dass die Gegenseite sich auch tatsächlich an die getroffenen Vereinbarungen hält. Eine Lösung des Vertrauensproblems - das nach der unprovozierten Invasion und den zahlreichen gebrochenen russischen Versprechen vor allem die Ukraine betrifft - ist allerdings schwierig. Im Zweiten Weltkrieg konnte es etwa erst durch die die umfassende Denazifizierung Deutschlands, die Änderung der deutschen Verfassung und die Teilung des besiegten Landes beseitigt werden.

Nicht viel realistischer als ein Friedensabkommen scheint daher derzeit auch ein temporärer Waffenstillstand, bei dem nicht zuletzt der Kriegsherr im Kreml die Temperatur des Konflikts nach Bedarf hinauf oder hinunter drehen könnte. "Ein auf diese Weise eingefrorener Konflikt würde in die russische Strategie hineinspielen und wäre vielleicht sogar das bestmögliche Szenario für Moskau in den kommenden Monaten", sagt AIES-Direktorin Tchakarova. "Russland würde dann die Pause nutzen, um sich militärisch neu aufzustellen, und anschließend wieder angreifen." Eine ähnliche Taktik hatte Russland bereits in Tschetschenien angewandt, wo die Führung in Moskau nach militärischen Misserfolgen 1996 einen Waffenstillstand aushandelte, drei Jahre später aber mit deutlich stärkeren Kräften wieder angriff.

Für die Ukraine birgt ein Waffenstillstand aber nicht nur die Gefahr, dass Russland, nachdem es Atem geschöpft hat, mit deutlich besseren Voraussetzungen wieder in die Offensive geht. Ein über Monate eingefrorener Konflikt würde wohl auch das Interesse des Westens, der sich in den vergangenen Monaten erstaunlich geschlossen und tatkräftig gezeigt hat, erlahmen lassen. Für die Regierung in Kiew käme dies einem Worst-Case-Szenario gleich. Denn ohne die militärische und finanzielle Unterstützung aus den USA und den EU-Staaten könnte die Ukraine dem russischen Ansturm nicht nur militärisch nicht standhalten. Auch das Funktionieren des Staates an sich ist ohne die massiven Hilfsgelder aus dem Westen kaum vorstellbar.

Entscheidung am Schlachtfeld

Viele westliche Experten gehen daher davon aus, dass der Krieg erst dann zu Ende geht, wenn es entweder der Ukraine oder Russland gelingt, auf dem Schlachtfeld einen entscheidenden Sieg zu erzielen, der auch politisch die Karten neu mischt. Bei einer desaströsen militärischen Niederlage würde es wohl auch für Putin, der einen Erfolg in der Ukraine ohne Zweifel auch als eigene Lebensversicherung betrachtet, schwierig werden, sich weiter im Amt zu halten. Und eine neue Regierung in Moskau wäre dann womöglich zu anderen Zugeständnissen bereit als Putin, der die Unterwerfung der Ukraine auch immer als höchstpersönliche Angelegenheit angesehen hat.

Die ukrainischen Militärexperten Oleksij Melnyk und Oleksandr Mussijenko, die die "Wiener Zeitung" Mitte Dezember zum Interview in Kiew getroffen hat, rechnen daher fest damit, dass die ukrainische Armee in den kommenden Monaten versuchen wird, in Cherson oder in Saporischschja nach Süden vorzustoßen, um die russische Landbrücke zur Krim zu zerschlagen. "Das wäre der absolute Wendepunkt des Krieges", sagt Melnyk, der zwischen 2005 und 2008 als Berater des ukrainischen Verteidigungsministers fungierte.

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Für die Ukraine dürfte diese Gegenoffensive aber deutlich schwieriger werden als jene in Charkiw oder Cherson, bei denen sie zusätzlich zum Überraschungsmoment auch von den teils desaströsen strategischen und taktischen Fehlern der russischen Armeeführung profitiert hat. Russland hat nämlich mit Sergej Surowikin mittlerweile nicht nur einen alleinigen Oberbefehlshaber in der Ukraine, der 56-jährige General scheint auch bereit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. So hat Surowikin Positionen, die sich nur schwer halten lassen, aufgegeben und in leichter zu behauptenden Gebieten tief gestaffelte Verteidigungsanlagen errichten lassen. Auch die Moral und Disziplin der russischen Truppen sollen sich US-Angaben zufolge mit der Übernahme durch den neuen Oberbefehlshaber verbessert haben.

Krieg ohne Ende?

Dass es Surowikin gelingt, das Blatt militärisch noch einmal zu wenden, scheint unter der derzeitigen Bedingungen aber unwahrscheinlich. "Selbst wenn russischen Truppen in diesem Winter von Belarus aus erneut Kiew angreifen, sind die Chancen auf einen Erfolg um nichts besser als im vergangenen Jahr", schreiben die Experten des Thinktanks Institute for the Study of War in einer vor kurzem veröffentlichten Analyse.

Als wahrscheinlichstes Szenario erscheint damit - neben einem ohne Zweifel möglichen militärischen Sieg der Ukraine - ein noch lange dauernder Abnutzungskrieg. "Der Konflikt entwickelt sich zunehmend zu einem Kampf zwischen der industriellen Leistungsfähigkeit des Westens und der Russlands", sagt Seth Jones, Vizepräsident bei der US-Geopolitik-Denkfabrik CSIS, der "New York Times". Ähnlich wie im Zweiten Weltkrieg dürfte damit auch in der Ukraine jene Seite den Krieg für sich entscheiden, die nicht nur über den längeren Atem und den stärkeren Willen verfügt, sondern auch mehr Panzer, Artilleriegeschosse und Lenkwaffen aufs Schlachtfeld zu bringen vermag.