Die wichtigsten Entscheidungen fielen schon vor dem am Freitag angesetzten Treffen der westlichen Ukraine-Unterstützer auf dem deutschen Luftwaffenstützpunkt Ramstein. Knapp 24 Stunden, bevor die Verteidigungsminister dort über neue Waffenlieferungen an die Ukraine beraten, hatte US-Verteidigungsstaatssekretär Colin Kahl in Washington klargestellt, dass die USA derzeit keine Kampfpanzer vom Typ M1 Abrams schicken wollen - wenn auch weniger aus Sorge vor einer weiteren Eskalation des nun schon fast ein Jahr dauernden Krieges als aus praktischen Überlegungen heraus. Der turbinengetriebene Abrams ist nicht nur kompliziert und verbraucht enorm viel Treibstoff, ohne komplexe Logistikketten im Hintergrund lässt sich das mehr als 60 Tonnen schwere Gerät auf dem Gefechtsfeld auch kaum effektiv einsetzen. Verteidigungsminister Lloyd Austin wolle den Ukrainern keine Waffen liefern, "die sie nicht reparieren und unterhalten können", sagte Kahl.

Mit der Entscheidung, keine Abrams liefern zu wollen, scheint zunächst aber auch die Entsendung deutscher Leopard 2, auf die neben der Ukraine auch Polen, Finnland und die baltischen Staaten drängen, vom Tisch. Kanzler Olaf Scholz hatte das grüne Licht für die deutschen Kampfpanzer Mitte dieser Woche mit einer Lieferung der Abrams verknüpft. "Jeder neue qualitative Schritt muss gemeinsam mit den USA gegangen werden", sagte Scholz, dem schon seit Wochen eine zu zögerliche Haltung vorgeworfen wird.

Viele neue Zusagen

Trotz der Uneinigkeit in der Panzer-Debatte dürfte das Treffen in Ramstein am Freitag aber dennoch der sichtbare Ausdruck eines zunehmenden Umdenkens im Kreise der westlichen Staaten werden. Hatten die USA und die europäischen Staaten der Ukraine bisher vor allem so viele Waffen geliefert, dass sie nicht verliert, erwecken die Verbündeten nun immer stärker den Eindruck, dass sie der Ukraine nun auch jene Mittel zu Verfügung stellen wollen, die sie braucht, um zu gewinnen. Seitdem sich die USA, Deutschland und Frankreich dafür entschieden haben, dutzende Schützen- und Spähpanzer an die Ukraine zu liefern, gibt es fast schon täglich ähnliche Ankündigungen aus anderen Ländern.

So will Kanada 200 gepanzerte Mannschaftstransportwagen des Typs Senator schicken, aus den Niederlanden sollen weitere Patriot-Luftabwehrraketen kommen. Ein großes Unterstützungspaket hat zudem die schwedische Regierung versprochen. Neben 50 modernen und kampfstarken Schützenpanzern soll die Ukraine auch das potente Artilleriesystem Archer bekommen.

Raketen können Krim treffen

Am wichtigsten dürfte für die Ukraine aber sein, dass sich die USA offenbar zunehmend für den Gedanken erwärmen können, auch deutlich reichweitenstärkere Artillerie-Raketensysteme als die bereits im Einsatz befindlichen Himars zu liefern. "Die harte Linie der vergangenen Monate beginnt sich aufzuweichen", schreibt die "New York Times" unter Berufung auf mehrere anonym bleiben wollende Regierungsvertreter in Washington.

Laut der Nachrichtenplattform "Politico" dürfte das nächste milliardenschwere US-Unterstützungspaket, das wohl ebenfalls in Ramstein präsentiert werden wird, neben Stryker-Radschützenpanzern daher auch schon sogenannte Ground Launched Small Diameter Bombs (GLSDB) beinhalten. Die Gleitbomben, die mit Hilfe eines Raketenantriebs in die Luft gebracht werden, sind in der Lage, Ziele in 150 Kilometern Entfernung auf einen Meter genau zu treffen.

Anders als mit den knapp 90 Kilometer weit reichenden Himars-Raketenwerfer-Systemen, die im Sommer wesentlichen Anteil daran hatten, die russische Artillerie-Überlegenheit zu brechen, könnte die Ukraine damit nicht nur fast alle Ziele in den von Russland seit dem 24. Februar okkupierten Gebiete erreichen, sondern auch Teile der Krim. Damit würde sich die russische Nachschubversorgung, die schon bisher immer wieder gezielt von der ukrainischen Armee angegriffen wurde, nochmals massiv erschweren. Mit der Lieferung des massenhaft verfügbaren GLSDB-System wäre für die russischen Truppen kein Ort in den besetzten Gebieten mehr sicher.

Entsprechend scharf reagierte auch der Kreml. "Allein dass darüber diskutiert wird, die Ukraine mit Waffen auszustatten, die russisches Territorium erreichen können, ist extrem gefährlich", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Donnerstag. "Der Konflikt würde damit eine neue Ebene erreichen."