Vor, neben und nach der Schlacht von Fehrbellin, im klassischen Tragödienreglement der Einheit von Raum und Zeit, ist in Kleists kurz vor seinem Selbstmord 1811 vollendetem "Prinz Friedrich von Homburg" der Irrwitz des urpreußischen Militarismus auf die Spitze getrieben. Dieser Prinz hat als Kommandant der Reiterei die Schlacht zum Sieg gewendet - aber vor dem befohlenen Trompetensignal "Schlag los!". Darum verurteilen ihn die Militärrichter zum Tod. Sein kurfürstlicher Kriegsherr, Onkel Friedrich Wilhelm von Hohenzollern-Brandenburg, wird um Begnadigung bestürmt. Doch er zieht sich so elegant wie infam aus der Affäre: Der Prinz wird selber einsehen, dass sein Regelverstoß den Tod verdient.


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Dossier: Salzburger Festspiele
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Peter Simonischek fehlt die Spree in der Sprachfarbe. Auch jeder Glanz ist diesem brummbärigen Patriarchen fremd. Mit seiner Männerrunde hat er die Wende vom Landsknecht-Chaos zum modernen Militärstaat ausgebrütet. - © APAweb/AP
Peter Simonischek fehlt die Spree in der Sprachfarbe. Auch jeder Glanz ist diesem brummbärigen Patriarchen fremd. Mit seiner Männerrunde hat er die Wende vom Landsknecht-Chaos zum modernen Militärstaat ausgebrütet. - © APAweb/AP

Des Prinzen Freunde zwingen den Kurfürsten zuletzt zur Einsicht, dass er mit Schuld hat an der Nichtbefolgung der Order. So wie Homburg am Anfang durch eine Traumgaukelei irritiert wurde, soll jetzt seine Rettung inszeniert werden als böser Scherz, indem er mit verbundenen Augen auf seine Erschießung wartet. Bei Kleist fällt der Prinz kurz in Ohnmacht. Peter Stein schickte diesem offenen Ende in der Berliner Schaubühne 1972 den Kernsatz aus Kleists Abschiedsbrief vor dem Selbstmord am Wannsee hinterher: "Die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war." Bei Andrea Breth liegt Homburg tot am Boden. Mit Blut an seinem Hemd. Ein verirrtes Geschoss im Donner der nächsten Schlacht?

In Jorge Luis Borges‘ Fiktionen sterben Helden an der magischen Kraft der Autosuggestion. Oder hält Gott die todbringende Kugel zurück, bis sie in seine Erlösungsdramaturgie passt. Der Dramaturg an der Seite Andrea Breths, der große Wolfgang Wiens, ist heuer im Mai verstorben. Schreiben wir Wiens, als ein Vermächtnis, einen neuen Deutungspfad durch Kleists Schauspiel zu! Die Figur des Rittmeisters Mörner platzt im zweiten Akt mit Verband über den Augen (nur an der Stimme erkennbar: Branko Samarovski) in die höfische Kulisse. Er meldet: "Bei Fehrbellin sah ich den Helden fallen". Eine Selbsttäuschung, wie sich bald herausstellt, denn der Kurfürst hat das Pferd gewechselt. Mörner tappt im Endspiel, unheimlich wie die Allegorie vom Ewigen Soldaten, durch den Rußwald zum toten Prinzen hin. Als wolle er sich überzeugen, dass der wahre Held von Fehrbellin nun wirklich tot sei. Hätte ihn einer abgeschossen: Es wäre der halbblinde Mörner gewesen.