• vom 20.07.2014, 22:01 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 15.07.2015, 09:49 Uhr

Nachlese 2014

Funkelndes Rot der Sünderinnen




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Von Hans Haider

  • "Jedermann" vor dem Salzburger Dom wiederaufgenommen.

Das neue Kleid! Für die Buhlschaft ein neues rotes Kleid! Vorab lenkte schon die Werbung die Zuschaueraugen auf eine "hautenge Korsage mit einem 32 Meter langen Saum". Zu schlicht mag das unter der Taille wallend rote, darüber büstenformende fleischfarbene Kostüm für Brigitte Hobmeier den Regisseuren Brian Mertes und Julian Crouch erschienen sein.

Für die Wiederaufnahme motzten sie es mit einer aufgestickten blutroten Rosette auf, auf der tausende Glaskristalle made in Wattens funkeln. Die ikonographische Botschaft blieb am Samstagabend mit der identen Besetzung wie 2013 dieselbe: Seit Tizian 1511/12 in seinem Gemälde "Noli me tangere" - Christus spricht: Rühr mich nicht an! - der sündig gewesenen Maria Magdalena ein wallendes rotes Kleid über das cremefarbene Unterhemd legte, etablierte sich Rot auch als Farbe der Prostitution.

Information

Jedermann
Von Hugo von Hofmannsthal
Brian Mertes, Julian Crouch (Regie)
Mit Cornelius Obonya, Brigitte Hobmeier u.v.a.
Salzburger Festspiele
www.salzburgerfestspiele.at
Bis 29. August
Vier Sternchen


Wollte Hugo von Hofmannsthal 1911 bei der Uraufführung im Großstadt-Babel Berlin diesen Typ Frau auf der Bühne vorführen? Eher ja. Immerhin schenkt Jedermann seiner Freundin nicht nur dieses Festtagskleid, sondern auch einen "Lustgarten" – so wie mittelständische Unternehmer ihrem Schatzi eine Garçonnière. Nach der Regel des Warentauschs hat der streunende Kapitalist für den Lustgewinn zu bezahlen – auch wenn er ihm geschenkt wird. Die anglo-amerikanische Regie bedient auf ihrem Schaugerüst vor dem Dom synchron in die männliche Bezahl- und die weibliche Verschenkperspektive. Banaler Mittelweg oder ein ausgeklügelter Spannungsgenerator?

Wie eine überdrehte Schülerin kommt Brigitte Hobmeier auf dem Fahrrad angesaust und stößt mit ihrem Galan zusammen. Bumsti. Schon liegt sie auf dem Boden, der bald auch ihre Matratze ist. Das exemplarische Paar, beiderseits brünstig, geht sich schamloser als alle vor ihnen in Salzburg an die Wäsche. Dieselben Adrenalinschübe, wenn der bis zum Stiernacken kompakte Cornelius Obonya sich das nahe Sterben ausmalt. Ein Toben bis zur Beruhigung, die erst der "Glaube" bringt, als welcher Hans Peter Hallwachs in schwindliger Höhe über der Bühnenwelt schwebt. Nicht die Guten Werke (Sarah Viktoria Frick) öffnen nach protestantischer Dogmatik den Himmelsweg, sondern nur der Glaube. Hofmannsthal – der Dichter sowie sein Impresario Max Reinhardt sagen als Masken zu Beginn das Spiel an – waren bei der Uraufführung in Berlin einem vornehmlich protestantischen Publikum verpflichtet.

Cornelius Obonya ist ein Nervenschauspieler. Darüber mag seine pyknische Statur hinwegtäuschen. Wie er sich als Jedermann aus Gier und dann aus Sterbensangst wie ein verwundetes Tier tobend verausgabt, überrascht und bestürzt. Bis zur Gnadenwende der letzten Minuten wischt er das Allegorische, die Stellvertreterschaft für alle sündigen Reichen im Massen-Mysterical wie mit der Faust hinweg. Doch aus der altertümelnden, dem Knittelvers angenäherten Sprache kommt er nicht los. Ihre Tücke ist die Überzahl an ein- und zweisilbigen Wörtern und der unbetonten Silben "Ich sag nit ja / ich sag nit nein . . . Ach Gott wie graust mir vor dem Tod / der Angstschweiß bricht mir aus vor Not". Wird der Furor heftig, geht mit den viel zu vielen tonlosen Silben auch die Verständlichkeit unter.

Die humoristischen, an Festbräuche in den Alpen- wie in den Niederlanden und England erinnernden Massenszenen wurden heuer gestrafft. Buhlschaft und Jedermann schmücken sich an der Festtafel mit schlichten Goldreifen, nicht mehr mit übergroßen Phantasiekronen. Ein Statist bekam eine feldgraue Uniform. Wie 1914. Nach der starken Schlussszene, in der der tote Jedermann von den Mitspielern eine Handvoll Erde ins Grab mitbekommt: kurz Stille – und dann überbordender Applaus.




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Dokument erstellt am 2014-07-20 22:03:03
Letzte Änderung am 2015-07-15 09:49:42



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