• vom 11.08.2014, 16:12 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 15.07.2015, 09:57 Uhr

Nachlese 2014

Lange Nacht des Opernmuseums




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Von Christoph Irrgeher

  • Der gehypte Salzburger "Trovatore" hält nur in einem Punkt Wort: Anna Netrebko singt grandios.

Große Gesten vor Alten Meistern: Anna Netrebko und Plácido Domingo in Salzburg.

Große Gesten vor Alten Meistern: Anna Netrebko und Plácido Domingo in Salzburg.© apa/Barbara Gindl Große Gesten vor Alten Meistern: Anna Netrebko und Plácido Domingo in Salzburg.© apa/Barbara Gindl

Natürlich ist es nicht einfach. Wie soll man eine Oper inszenieren, deren Schauerromantik an ein Groschenheft erinnert? In der eine Zigeunerin ein Kind umbringen will, aber in ihrem Blutrausch - ups! - das eigene verbrennt? Keine Frage: Der "Trovatore" ist ein Problemfall. Genau genommen ist er es aber erst durch seine Partitur: Weil Giuseppe Verdi so eingängige Musik geschrieben hat, müssen sich Regisseure bis heute mit den logischen Lücken dieses Librettos herumschlagen. Und weil von diesen Regisseuren heute mehr erwartet wird als nur ein pittoresker Austragungsort für das große Gefühl, ist es mit dem "Trovatore" noch schwerer geworden: Die Wiener Festwochen zeigten im Vorjahr eine ratlos quietschbunte Beliebigkeit, die Volksoper lieferte eine unfreiwillige Satire der Mantel- und Degengeschichte.

Ließ sich das noch unterbieten? Seltsam, aber: leider ja. Es ist ausgerechnet den Salzburger Festspielen gelungen. Seit Samstag prangt im Großen Haus eine Arbeit, die nicht nur dem Werk einen Bärendienst erweist. Regisseur Alvis Hermanis hat den "Trovatore" in ein Museum gesteckt und lässt dort in altvaterischen Kostümen spielen. Fast möchte man meinen, dass da jemand die ganze Gattung Oper desavouieren will. Was aber wohl doch nicht der Fall ist.

Information

Il trovatore
Salzburger Festspiele


Alte Meister als Blickfutter
Es ist nicht lange her, da schrieb Hermanis noch bestaunte Theaterabende. In Salzburg beschränkt er seine Fantasie neuerdings auf die kreative Anreicherung von Opernabenden. Das ging zwei Jahre gut. Heuer hat er aber bloß eine Idee, und die wirkt nur kurz plausibel. Willkommen in einem heutigen Kunstmuseum: Ein Guide erzählt anfangs statt des Hauptmanns die Opernvorgeschichte; nach Dienstschluss verwandelt sich das Hauspersonal - erraten - in die Tragöden des "Trovatore". Nun weiß man zwar aus Hollywood: Nachts im Museum passieren seltsame Dinge. So sinnlose aber kaum. Ist die Verdi-Werdung dieser Figuren erst einmal abgeschlossen, gebärden sie sich wie aus der Zeit gefallen. Zwar umgibt sie ihr Dienstort weiterhin: Die Werke Alter Meister prangen hier als Blickfutter, einige (Nacht?-)Besucher kommen vorbei. Dieser Schau-Platz aber ist nicht sinnstiftend mit der Handlung verbunden. Er wirkt vielmehr wie das Alibi einer Regie, die sich vor den Mühwaltung der Kreativität in einer Mottenkiste der Opernkonvention verkriecht. In seinen patscherten Pathosgesten, hölzernen Chormanövern und dicken Kostümen ist dieser Abend keinen Deut heutiger als der "Trovatore" in dem Marx-Brothers-Film "A Night at the Opera" (1935).

Der Begeisterung des Publikums tut das keinen Abbruch. Mit Plácido Domingo und Anna Netrebko in den Hauptrollen war man ohnedies auf ein Sängerfest eingestellt, und die bestbekannte Sopranistin seit - ja, wem eigentlich? - hält diesem Druck stand. Nicht nur, dass sie auch ariose Kräusel in höchster Lage meistert. In erfreulicher Oppositon zur platten Personenführung wechselt diese Leonora zwischen Klangfarben und Intensitätsgraden, hämmert hier mit fatalistischer Härte, lässt dort ein sanftes Säuseln ausschwingen, vor allem aber: füllt die Weltrekordweiten des Großen Festspielhauses (und das noch im Piano) bis in den letzten Winkel mit Intensität.

Solche Souveränität steht Domingo leider nicht zu Gebote: Schnelle Notenketten klingen bei diesem Grafen Luna mitunter halberstickt. Mit seinen schroffen Attacken ist der Mittsiebziger aber immer noch ein Gewährsmann der Intensität. Edel und differenziert singt Francesco Meli den Manrico; die Azucena von Marie-Nicole Lemieux klang (wie der Chor) solide.

Und die Wiener Philharmoniker? Sie agieren unter Daniele Gatti mit wechselnder Fortüne. Zwar kommt es in den ersten beiden Teilen phasenweise zu einer betörenden Sublimierung des Klangbildes. Nach der Pause aber wirkt Gattis Zugriff - bald bedächtig, bald gehetzt oder tango-schroff - eher befremdlich. Dank der vielen Langsamkeiten hat man La Anna, deretwegen die Schwarzmarktpreise auf BIP-Niveau stiegen, aber immerhin einige Minuten länger für sein Geld gehört. Zuletzt lauter, doch enden wollender Beifall.




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Dokument erstellt am 2014-08-11 16:17:04
Letzte Änderung am 2015-07-15 09:57:43



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