• vom 05.08.2015, 16:41 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 13.07.2016, 15:39 Uhr

Nachlese 2015

Florestan will in die Grube




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Von Christoph Irrgeher

  • Der neue Salzburger "Fidelio": musikalisch fruchtbar, szenisch eine Möglichkeit.

Mit Leidensdruck und Spitzennoten: Jonas Kaufmann und Adrianne Pieczonka.

Mit Leidensdruck und Spitzennoten: Jonas Kaufmann und Adrianne Pieczonka.© Reuters Mit Leidensdruck und Spitzennoten: Jonas Kaufmann und Adrianne Pieczonka.© Reuters

Jonas Kaufmann! Salzburg verzehrt sich nach ihm. Längst sind alle "Fidelio"-Aufführungen ausverkauft; die "Suche Karte"-Zettel wachelten am Dienstag vergebens vor der Premiere. Kaufmaniacs wissen: Im nächsten Sommer wird ihr Idol hier schmerzlich fehlen. Umso sehnlicher will man den bärtigen Beau heuer sehen. Fast eine Tücke, dass er "nur" den Florestan singt. Der taucht nämlich erst in der zweiten Opernhälfte auf.

Die Regie von Claus Guth verschafft dem Publikum bis dahin aber eine kleine Wegzehrung: Sie lässt Kaufmanns Kopf schon im ersten Akt als Projektion aufblitzen. Eine Konzession an die Fans? Freilich nicht. Guth verfolgt ein düsteres Konzept, und es lässt Beethovens "Freiheitsoper" grundlegend anders aussehen.


Hauch von "Matrix"
Heftigster Eingriff: Die gesprochenen Dialoge sind gestrichen. Guth hält sie für "banal", und man kann ihm das nicht verübeln. Die - oft umgeschriebenen - Worte sind wie quietschende Scharniere zwischen den Gesangsnummern. Wobei die Plumpheit nicht nur auf das Konto der Librettisten geht: Beethoven hat seine einzige Oper eher mit Ideen als mit Menschen bevölkert. Treue Gattin rettet Freiheitskämpfer aus dem Kerker eines Despoten: Die Gerechtigkeit, die Liebe, das Menschenrecht - sie sollen leben! Die Bühnenfiguren tun es aber nur bedingt.

Guth versucht, dem abzuhelfen. Zwar bleibt er bei der Geschichte von Leonores Rettungsmission als verkleideter Gefängnisgehilfe Fidelio, fokussiert aber auf eine innere Handlung: Hier geht es um jene Seelenregungen, die hinter dem Plot ablaufen - vor allem in Leonore. Guth spaltet sie in zwei Figuren auf. Wir sehen da einerseits eine Frau, die nicht nur in Männerkleidern, sondern vor allem im Korsett selbstauferlegter Pflichtensteckt. Wenn diese Fürsorgerin in Schwierigkeiten gerät, erscheint ihr der Ehemann wie eine Bild gewordene Durchhalteparole.

Die zweite Dame ist eine Art Gefühls-Leonore: Sie appelliert in Gebärdensprache an ihr Alter Ego, scheint angesichts ihres "Geschreis" aber nicht wirklich Erfolg zu haben: Leonore I wirkt verstockt, ja in emotionalen Belangen so eingesperrt wie ihr Mann. Ein halbes (oder doppeltes) Geschöpf ist auch der Despot: So sehr Pizarro I seinen Gefangenen töten will, so sehr zittert Pizarro II vor seiner Umwelt. Am Ende marschiert sogar eine ganze Pizarro-Armee ein. Der Schurke kann sich offenbar ebenso vervielfältigen wie der üble Agent Smith aus der "Matrix"-Filmreihe - und sieht ihm auch zum Verwechseln ähnlich.

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Dokument erstellt am 2015-08-05 16:44:07
Letzte Änderung am 2016-07-13 15:39:49



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