• vom 31.07.2016, 17:28 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 19.07.2017, 11:57 Uhr

Nachlese 2016

Zähes Ende




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Von Judith Belfkih

  • Nicholas Ofczarek und Michael Maertens suhlen sich bei Becketts "Endspiel" in ihrem Talent.

Das Warten haben sie längst hinter sich. Auf die alles vernichtende Katastrophe etwa, auf einen Godot oder gar Gott — "Der Lump existiert nicht." — "Noch nicht." Nicht einmal auf das Ende warten die vier Figuren noch, es ist bereits da. Doch es erweist sich als zäh, dieses Ende, will zu keinem Ende kommen. Und ihnen ist klar, dass das "Endspiel", in dem sie aneinander gekettet gefangen sind, keine Gewinner kennen wird. Es ist schon lange keine Verzweiflung mehr, die sie quält, sie sind in einem Zustand des absoluten Stillstandes angekommen.

Als erste Schauspielpremiere haben die Salzburger Festspiele sich Samuel Becketts Endzeitstudie "Endspiel" vorgenommen. Am Samstag feierte die Produktion, die auch an die Wiener Burg gehen wird, ihre frenetisch bejubelte Premiere im Landestheater.

Information

Theater
Endspiel
von Samuel Beckett
Dieter Dorn (Regie); mit Nicholas Ofczarek und Michael Maertens

Beckett wünschte sich ein Theater, das auf seine eigenen Mittel reduziert ist, keine Kollaboration der Künste. Regisseur Dieter Dorn folgt ihm in Salzburg in dieser Vorstellung von Theater pur, von der Reduktion auf Wort und Spiel. In die leere Bühne hat er einen grauen Kubus gestellt (Bühne: Jürgen Rose), der bis in den Zuschauerraum herein gefahren wird. Zwei Fenster in Deckennähe, die nur über eine Leiter erreichbar sind, eine Falltüre: Der einzige Ausweg führt nach unten. "Es geht zu Ende", eröffnet Nicholas Ofczarek als Hamm das Spiel. Er ist der virtuose König dieser trostlosen Kammer, blind und gelähmt an seinen Thron gefesselt dirigiert er das triste, zähe Ringen um ein Ende. Seine leeren Augen weinen Blut. Die Katastrophe hat bereits stattgefunden, die Erde ist leer und grau, die Wogen bleiern. Alles was es nicht mehr gibt – "Gibt es noch Särge?" — wird es nie mehr geben.

Neben Hamms Stuhl vegetieren entsorgt in Mülltonnen dessen Eltern. Ihre Beine haben sie bei einem Tandem-Unfall verloren. "Worüber kann man noch reden?", fragt Barbara Petritsch als zerbrechlich entrückte Nell den widerborstigen und doch zahnlos greisen Joachim Bissmeier als Nagg. Die beiden haben sich längst in Erinnerungen geflüchtet. Jeder für sich. Und doch sind sie die einzigen, die noch etwas verbindet jenseits gegenseitiger Abhängigkeit. Sie leben in der Vergangenheit, der Hass auf den Sohn ist ihre einzige Gegenwart.

Beckett an die Wand gespielt

Die reine Gegenwart, scheinbar ohne Erinnerungen an ein Davor, ist dagegen Michael Maertens als Clov. Er, der als Einziger gehen kann, dafür aber nicht sitzen, dient den anderen, vor allem jedoch Hamm als Beine und Augen. Ohne den von Maertens mit irrem Blick, gesenktem Haupt und steifem, buckeligem Gang gezeichneten Diener wären alle dem Tod ausgeliefert. Seinen Peiniger und (Ersatz)Vater Hamm zu verlassen, das gelingt Clov jedoch nicht. Wohin auch? Vor der Türe lauert das Nichts, der Tod. "Hast du es nicht satt?", fragt ihn Hamm. "Seit jeher." — "Warum tötest du mich nicht?" — "Ich weiß nicht, wie der Speiseschrank aufgeht." Clovs Ankündigungen, Hamm zu verlassen, wiederholen sich bis zuletzt. Auch im letzten Bild, als er stumm im Mantel bereit steht, bleibt alles offen. Und so ringen diese zwei Verlorenen um unmöglich gewordene Berührung. Empathie ist mit der Welt untergegangen. Nur der selbst gebastelte Pudel erfährt grobe Zärtlichkeit.

Es ist die beklemmende Komik des Unglücks, von der dieser Einakter lebt. Und es ist ein wahres Bravourstück für die Ausnahmeschauspieler Maertens und Ofczarek. Ihre Darstellung des despotischen, exzentrischen Hamm und seines von jeher gebrochenen und tumben Clov ist virtuos, geprägt von düsterem Slapstick. Ihr Zusammenspiel ist ausgefeilt. Und doch hinterlässt ihr Spiel bei aller Faszination Langeweile. Das liegt an der Regie von Dieter Dorn, der die Zähigkeit des Stückes zelebriert. Aber auch daran, dass die beiden Darsteller das Stück benutzen, um sich ausgiebig in ihrem eigenen Talent zu suhlen. Zurückhaltung ist ihre Sache generell nicht, sie werfen sich mit all ihrer darstellerischen Wucht in das Auskosten jeder Textnuance, spielen mit ihrem Furor Beckett an die Wand. Dass sie ihr Können in den Dienst des Stückes stellen, dazu kann sie Dorn nicht zähmen. Ihre Virtuosität entpuppt sich als Selbstzweck, darin treffen sie ihre isolierten Figuren sehr präzise.





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Dokument erstellt am 2016-07-31 17:30:01
Letzte Änderung am 2017-07-19 11:57:08



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