• vom 17.08.2017, 19:31 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 17.08.2017, 20:37 Uhr

Opernkritik

Musik aus dem Auge des Schmerz-Hurrikans




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Von Christoph Irrgeher

  • Jetzt auch mit Rolando Villazón: "Ariodante" bei den Salzburger Festspielen.

Intensiver Neuzugang: Rolando Villazón.

Intensiver Neuzugang: Rolando Villazón.© Szbg. Festspiele/Rittershaus Intensiver Neuzugang: Rolando Villazón.© Szbg. Festspiele/Rittershaus

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Salzburger Festspiele Wert auf ein unverwechselbares Programm legen. Es gibt aber zumindest eine Ausnahme von diesem Gebot, und das mit gutem Grund - nämlich die Übernahme der aufwendigen Produktion vom Partnerfestival, den Pfingstfestspielen. Deren Opernpremiere findet nun auch im ersten Sommer von Salzburg-Intendant Markus Hinterhäuser auf die Bühne zurück - wobei es gelang, Händels "Ariodante" mit einem Neuzugang aufzuputzen. An der Seite von Cecilia Bartoli, der singenden Leiterin des Pfingst-Spektakels, mischt nun Rolando Villazón mit - als Lurcanio, Bruder des Titelhelden.

Womit Villazón, der einstige Tenor-Superstar und Netrebko-Bühnenpartner, freilich nur als Nebenfigur auftritt. Understatement? Eher ein Tribut an eine bittere Wahrheit. Noch heute, lang nach seinem "Comeback" von diversen Stimmkrisen, ist die Leistungskraft des Mexikaners flackerhaft, abhängig von der Gunst des Augenblicks. In Salzburg ist das nicht anders: Da schlittert der Tenor anfangs haarscharf an den Melodielinien vorbei, und das umso deutlicher, als Villazón der Barock-Ästhetik mit einer gläsernen Tongebung Tribut zollt. Ein Glück, dass ihn später doch noch alte Tugenden locken. Kaum hat dieser Lurcanio den Schurken Polinesso ermordet, läuft er unter Zuhilfenahme von mächtig Vibrato-Wucht und Schleifern zur sympathischen Saftgestalt auf. Passt stilistisch nicht unbedingt zum Originalklang drumherum, befeuert aber die Intensität.

Information

Ariodante
Salzburg, Haus für Mozart
Weitere Termine bis 28. August

www.salzburgerfestspiele.at

Hinreißendes Herzeleid

Nicht nur Villazón hat am Mittwoch Start-Schwierigkeiten: Das Alte-Musik-Orchester Les Musiciens du Prince-Monaco bespielt das Haus für Mozart anfangs mit einem dürren Klang, der kaum für die Beschallung einer Rumpelkammer reichen dürfte. Dafür prescht Dirigent Gianluca Capuano mit einem Tempo los, dass sich Kathryn Lewek (Prinzessin Ginevra) fast in ihren Koloraturen verheddert. À la longue gelingt es dem Ensemble aber doch, seinen reduzierten Klang mit Intensität zu befüllen. Spätestens dann, wenn es das Tempo im tristen Mittelakt herunterschraubt: Hier, wo die Intrigen des Möchtegern-Königs Polinesso (Christophe Dumaux) vorerst liebestötende Wirkung tun, lässt Bartoli (als Held Ariodante) leise Trauermelodien mit einem flirrenden Vibrato abheben. Und Leweks Prinzessin leidet, klagt und zürnt mit einer solchen Intensität zwischen glasorgelhaften Tönen und Verzweiflungswucht, dass man darüber die ganze Welt vergessen möchte - Musik aus dem Auge eines Schmerz-Hurrikans. Auch Sandrine Piau verwandelt (als ungeliebte Hofdame) drängendes Leid in ebensolche Melodien, Nathan Berg führt das Drama als klangfeister König einem Happy End zu.

Regisseur Christof Loy gelingt es derweil, Fadesse weitgehend zu unterbinden - kein Leichtes angesichts eines dreistündigen Stop-and-go-Betriebs der Da-capo-Arien. Die virtuosen Gesänge bewirtschaftet der Deutsche mit einer detailfreudigen Personenführung, serviert gern auch schelmische Pointen. Zudem sind jene Momente sorgsam abgewogen, in denen Loy eine royale Prachtentfaltung kredenzt: Johannes Leiackers Bühnenbild, an sich ein architektonisches Ungefähr zwischen Rokoko und Jugendstil, mutiert hie und da zu einem Schmuckkästchen barocken Prunks. Fraglich nur, warum die Regie dem Titelhelden ein Coming-out als Transsexueller beschert. Die Idee lässt sich weder aus der Handlung ableiten, noch hat sie Loy dem Abend überzeugend eingewirkt: Für den Fortgang der Geschichte bleibt sie folgenlos. Sei’s drum: Schlussendlich rauschender Beifall für die Musiker.





Schlagwörter

Opernkritik, Cecilia Bartoli

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Dokument erstellt am 2017-08-17 16:24:11
Letzte ńnderung am 2017-08-17 20:37:39




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