Lulu im Sturm der Gender-Debatte: Die dreifache Lulu Ariane Labed, Isolda Dychauk und Anna Drexler bedrängt Christian Friedel als Alwa. - © Monika Rittershaus
Lulu im Sturm der Gender-Debatte: Die dreifache Lulu Ariane Labed, Isolda Dychauk und Anna Drexler bedrängt Christian Friedel als Alwa. - © Monika Rittershaus

Plastikkugeln. Riesige Plastikkugeln. Die gewaltige Bühne der Perner-Insel in Hallein ist voll mit Kugeln im XL-Format. Am Beginn der Aufführung schweben sie zur Bühnendecke, geben eine leere, tiefschwarze Bühne frei (Bühnenbild: Florian Lösche). Tiergeräusche sind zu hören, man wähnt sich in einem Zoo. Von hinten kriecht eine eigentümliche Kreatur zur Bühnenrampe, wie ein Käfer krabbelt sie auf sechs Beinen nach vorne. Lulus erster Auftritt: animalisches Wesen, Monster mit drei Köpfen, unheilige Dreifaltigkeit. Die Schauspielerinnen Anna Drexler, Isolde Dychauk und Ariane Labed verkörpern Lulu. Wortlos stehen die drei schließlich an der Rampe, zusammengezwungen durch ein Kostüm, das sie zu einem Unikum mit drei Köpfen und sechs Beinen macht. Während die Männer sich das Maul über sie zerreißen.

Prinzip Projektion

Regisseurin Athina Rachel Tsangari hat einen starken Anfang gefunden, eine Vision für Lulu, eine der geheimnisvollsten Bühnenfiguren der Dramenliteratur. Frank Wedekinds gleichnamiges Stück löste 1894 einen Sturm der Entrüstung aus. Die Zensur sperrte sich gegen eine Aufführung, der Autor überarbeitete den Stoff mehrfach, milderte, glättete. Für die Zeitgenossen war Lulu eine Überdosis Sex. Als männerverschlingende Zerstörerin wildert sie durch den Text, wird von der Gosse in die feine Gesellschaft gespült, verjubelt als Witwe und Mörderin ihr Vermögen, landet auf dem Strich, wird im Londoner-Exil von einem Lustmörder erstochen.

Lulu passt nun wirklich nicht in das typische Rollenmuster Tochter, Ehefrau, Mutter, sie ist so etwas wie die Inkarnation einer Männerfantasie, allzeit bereit zum Koitus. Es wundert daher nicht, dass sie häufig als Femme fatale dargestellt wurde, als Angstlust-Fantasie - wie Louise Brooks in der Regie von G. W. Pabst, 1929. Erst die feministische Lesart ließ eine andere Deutung zu: Lulu wurde nicht mehr als entfesseltes Urweib, sondern als Urgestalt des Prinzips Projektion betrachtet.

Lulu als Konstrukt patriarchal-normierter Rollen: Ehefrau, Muse, Dirne. Die Männer verkörpern geradezu archetypische Haltungen, ihr Umgang mit Lulu ist geprägt von Besitzanspruch, Bevormundung, Eifersucht. Peter Zadek, 2009 verstorben, setzte sich bei der Uraufführung der Urfassung im Jahr 1988 (!) mit dieser Sichtweise auseinander: Seine "Lulu"-Interpretation wurde mit Susanne Lothar in der Titelrolle legendär.