• vom 20.07.2018, 08:00 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 20.07.2018, 16:28 Uhr

Salzburger Festspiele

Mit weit aufgerissener Seele




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Von Judith Belfkih

  • Die Salzburger Festspiele starten heute mit ihrer Ouverture spirituelle. Die Passion und damit klingende Kreuzwege stehen heuer im Zentrum - von Bach bis in die Gegenwart. Doch wessen Leiden sind es, die hier nachzuhören sind?




© Smileus/stock.adobe.com © Smileus/stock.adobe.com

"Was ist ein Dichter?" fragt Sören Kierkegaard in seinem philosophischen wie poetischen Erstlingswerk "Entweder - Oder": "Ein unglücklicher Mensch, der heiße Schmerzen in seinem Herzen trägt, dessen Lippen aber so geartet sind, dass, während Seufzer und Geschrei ihnen entströmen, diese dem fremden Ohr wie schöne Musik ertönen. Es geht ihm, wie einst jenen Unglücklichen, die in Phalaris’ Stier durch ein sacht brennendes Feuer langsam gemartert wurden, deren Geschrei nicht bis zu den Ohren des Tyrannen dringen konnte, ihn zu erschrecken: ihm klangen sie wie heitere Musik."

Das Leid als Quelle der Kunst ist ein Topos, der wohl so alt ist wie die Kunst selbst. Versiegt ist sie bis heute nicht - und wird es wohl auch nicht, solange es die fühlende Menschheit gibt. Wie diese Quelle für den schöpferischen Prozess genutzt wird und wessen Leid in Bilder oder Klänge gegossen wird - das hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert. Musik, die das Leiden thematisiert, die gar aus dem Leid geboren wird, steht diesen Sommer auch im Zentrum der Ouverture spirituelle. Der Prolog mit großteils geistlicher Musik, der seit einigen Jahren die Salzburger Festspiele einstimmend eröffnet, spannt dabei einen weiten Bogen: von Bach bis in die Gegenwart. Anlass genug, um drei Schlaglichter auf drei musikalische Leidenspunkte zu werfen.

In der christlichen Kunsttradition steht nicht unbedingt das menschliche Leiden am Anfang, sondern die Leiden Jesu. In Form der Passion, als oft kunstvolle Ausschmückung des Leidensweges Christi, findet es schon früh einen festen Platz im liturgischen Kirchenjahr in der Karwoche. Doch das Bild des leidenden Gottessohnes, der Todesqualen erduldet für die Menschheit, strahlt in alle Kunstrichtungen und ins ganze Jahr hinaus. Dem noch nicht aufgeklärten, sich noch nicht in seiner ganzen psychologischen Individualität begreifenden Menschen bietet dieses überhöhte Leiden Trost und Zuversicht. Das tun weltlichen Madrigale zwar auch, doch eher durch den zerreißenden Schönklang als durch eine metaphysische Dimension.

Die Qualen Jesu sind zugleich kollektiver Hoffnungspunkt wie persönlicher Fluchtpunkt angesichts der eigenen Lebensunwidrigkeiten. Gleich der griechischen Tragödie entfaltet das Leiden Christus’ jene kathartische Wirkung, die großer Kunst innewohnt: Stellvertretend, also delegiert an die Kunst, erfährt der Mensch innere Läuterung, Erkenntnis und Tröstung.

Dass gerade die Passionen eines Johann Sebastian Bach diese Qualen und Entbehrungen in eine berückende klangliche Vollkommenheit kleiden, macht ihre Wirkung noch stärker. Das Schöne, das Wahrhaftige und das Ewige fallen zusammen im vergänglichen Augenblick der Klangentfaltung - und sind in dieser transzendentalen, überhöhten Distanz tiefer, klarer und zugleich tröstlicher zu ertragen als in der banalen Alltäglichkeit.




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Dokument erstellt am 2018-07-19 16:26:06
Letzte Änderung am 2018-07-20 16:28:26



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