Kluge und gefasste Verbindung: Tobias Moretti und Buhlschaft Stefanie Reinsperger. - © apa/Gindl
Kluge und gefasste Verbindung: Tobias Moretti und Buhlschaft Stefanie Reinsperger. - © apa/Gindl

Regen statt Wettersegen über Salzburg. Auch im zweiten Anlauf verfehlte der neue "Jedermann"-Regisseur Michael Sturminger bei der Premiere die Domfassade. Im Großen Festspielhaus leiden Hofmannsthals altertümelnde Knittelverse unter einer Tonverstärkung von Wanderkinoqualität. Und leidet die reiche Nuancenpalette des um das Innerste der Titelrolle ringenden Tobias Moretti.

Findet Jedermann in Sturmingers gründlich überarbeitetem Vorjahresversuch mehr als Katechismuslehren? Ja: Nähe, Liebe zur Buhlschaft, die diesmal nicht als Gspusi ein Dekolleté spazierenführt. Stefanie Reinsperger fehlt der gern gesehene Dominaglamour. Umso wahrer gibt sie die selbstbewusste Frau, die zart und gefasst loslässt wie eine kluge Witwe.

Großes Kino

Zu Beginn ruft, hinter einem Vorhang verborgen, eine Bigband mit schneidenden Tönen aus klirrendem Blech zum Aufbruch zu "Jedermanns" Abschiedsreise. Gefühlte drei Minuten lang, wie der Vorspann zu einem Filmepos. Wolfgang Mitterer ersetzte Mathias Rüegg als Musikmeister. Ein Multiartist zwischen Elektronik, Blasorgel und Jazz. Jede Massenszene kann Sturminger, opernerprobt, mit Mitterers Hilfe hochstemmen zum Bal macabre, jeder intimen Szene Stimmungstöne unterlegen. Großes Kino, große Oper: Hofmannsthal nicht fremd. Der "Jedermann" war 1911 einem Berliner Zirkus bestimmt.

Danach ein Loch. Der Spielansager ist leicht zu überhören, auch die "Mildtätigkeit", die der Tod (ebenfalls Peter Lohmeyer) in latexschwarzer Kapuzenkutte als Bedingung nennt für den Zutritt zur Himmelspforte. Doch gleich bekommt die Schaulust in zwei Massenszenen reichlich Futter. In einer wilden Stehparty in Fun-and-Crime-Design (von Renate Martin und Andreas Donhauser) verhöhnt Jedermann den verarmten, um Kredit bettelnden Nachbarn (Roland Renner) im sadistischen Exempel: Das Bündel Scheine aus dem Schwarzgeldkoffer nimmt er ihm wieder weg. Das Schuldknechtpaar (Fritz Egger, Martina Stilp) trägt gutbürgerliche Dress. Nicht ganz originalgetreu fantasiert Jedermann sogar davon, den Dom nach seinem Maß (mit Kelle und Zirkel?) neu aufzubauen.

Endlich die Buhlschaft, aufgestellt hinter einer samtroten XXXL-Robe. Ein Staffagekleid wie für die Zenzi vom Land im Fin-de-Siècle-Fotostudio. Die Reinsperger als Männerfantasie zelebriert. Ihr Lieb nimmt sie in Empfang, wie sie ist: im schwarzen Glitzer-Schleier-Abendkleid, weiche Linien. Die Stimme Gottes (im Original am Anfang) platzt dazwischen - als Ton- und Laufschriftband. Sie spricht überdeutlich von Sünd, Gut, Blut, Gericht und ruft den Tod als Bot‘. Auch Jedermanns Mutter (Edith Clever in nobler Blässe) mahnt und bangt.