• vom 23.07.2018, 14:57 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 23.07.2018, 17:28 Uhr

Theaterkritik

Und Gott sprach vom Band




  • Artikel
  • Lesenswert (20)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Hans Haider

  • Michael Sturmingers zweiter Anlauf bei den Salzburger Festspielen zu Hofmannsthals "Jedermann".

Kluge und gefasste Verbindung: Tobias Moretti und Buhlschaft Stefanie Reinsperger.

Kluge und gefasste Verbindung: Tobias Moretti und Buhlschaft Stefanie Reinsperger.© apa/Gindl Kluge und gefasste Verbindung: Tobias Moretti und Buhlschaft Stefanie Reinsperger.© apa/Gindl

Regen statt Wettersegen über Salzburg. Auch im zweiten Anlauf verfehlte der neue "Jedermann"-Regisseur Michael Sturminger bei der Premiere die Domfassade. Im Großen Festspielhaus leiden Hofmannsthals altertümelnde Knittelverse unter einer Tonverstärkung von Wanderkinoqualität. Und leidet die reiche Nuancenpalette des um das Innerste der Titelrolle ringenden Tobias Moretti.

Findet Jedermann in Sturmingers gründlich überarbeitetem Vorjahresversuch mehr als Katechismuslehren? Ja: Nähe, Liebe zur Buhlschaft, die diesmal nicht als Gspusi ein Dekolleté spazierenführt. Stefanie Reinsperger fehlt der gern gesehene Dominaglamour. Umso wahrer gibt sie die selbstbewusste Frau, die zart und gefasst loslässt wie eine kluge Witwe.

Information

Theater

Jedermann

Mit: Tobias Moretti, Stefanie Reinsperger

Domplatz, Salzburger Festspiele

Wh.: bis 27. August

Großes Kino

Zu Beginn ruft, hinter einem Vorhang verborgen, eine Bigband mit schneidenden Tönen aus klirrendem Blech zum Aufbruch zu "Jedermanns" Abschiedsreise. Gefühlte drei Minuten lang, wie der Vorspann zu einem Filmepos. Wolfgang Mitterer ersetzte Mathias Rüegg als Musikmeister. Ein Multiartist zwischen Elektronik, Blasorgel und Jazz. Jede Massenszene kann Sturminger, opernerprobt, mit Mitterers Hilfe hochstemmen zum Bal macabre, jeder intimen Szene Stimmungstöne unterlegen. Großes Kino, große Oper: Hofmannsthal nicht fremd. Der "Jedermann" war 1911 einem Berliner Zirkus bestimmt.

Danach ein Loch. Der Spielansager ist leicht zu überhören, auch die "Mildtätigkeit", die der Tod (ebenfalls Peter Lohmeyer) in latexschwarzer Kapuzenkutte als Bedingung nennt für den Zutritt zur Himmelspforte. Doch gleich bekommt die Schaulust in zwei Massenszenen reichlich Futter. In einer wilden Stehparty in Fun-and-Crime-Design (von Renate Martin und Andreas Donhauser) verhöhnt Jedermann den verarmten, um Kredit bettelnden Nachbarn (Roland Renner) im sadistischen Exempel: Das Bündel Scheine aus dem Schwarzgeldkoffer nimmt er ihm wieder weg. Das Schuldknechtpaar (Fritz Egger, Martina Stilp) trägt gutbürgerliche Dress. Nicht ganz originalgetreu fantasiert Jedermann sogar davon, den Dom nach seinem Maß (mit Kelle und Zirkel?) neu aufzubauen.

Endlich die Buhlschaft, aufgestellt hinter einer samtroten XXXL-Robe. Ein Staffagekleid wie für die Zenzi vom Land im Fin-de-Siècle-Fotostudio. Die Reinsperger als Männerfantasie zelebriert. Ihr Lieb nimmt sie in Empfang, wie sie ist: im schwarzen Glitzer-Schleier-Abendkleid, weiche Linien. Die Stimme Gottes (im Original am Anfang) platzt dazwischen - als Ton- und Laufschriftband. Sie spricht überdeutlich von Sünd, Gut, Blut, Gericht und ruft den Tod als Bot‘. Auch Jedermanns Mutter (Edith Clever in nobler Blässe) mahnt und bangt.

Der Tod ist zweierlei Geschlechts. Frauenkleid, Schlangenmann mit Schlangenarmen, "XIII" auf die Stirn tätowiert - Glückszahl? Unglückszahl?

Die Tischgesellschaft erhitzt sich in bizarren Tänzen, Raufereien, Sich-auf-dem-Boden-Wälzen. Ein Operettenfest bei Reich und Schön, ein Hexensabbat. Der Gute Gesell (Hanno Koffler) trägt Jedermann huckepack. Der wunderbar bewegliche Moretti mimt Panik, stolpert knieweich. Der Tod kommt und küsst ihn. Der Boden bricht ein, Tische und Sessel rutschen ab, bäuchlings auch Moretti. Gestorben wird heute im Spital. Dicker und Dünner Vetter (Hannes Flaschberger, Stephan Kreiss) und auch der Gute Gesell flüchten. Reinsperger verabschiedet sich am Bett: "Dein Spiel will mir nit mehr gefallen". Mitreißend der Auftritt Christoph Frankens als Mammon wie ein in Gold gebadeter Zottelhund. Als einen Blutsbruder umarmt er Jedermann, dreht sich mit ihm im Tanz. Ein wuchtiger Typ, der einen Bilderbuch-Treppensturz hinlegt, und herausragender Sprecher.

Letzte Bekenntnisse

Im letzten Teil seiner Neufassung des Morality Plays vom "Everyman", Hofmannsthal nannte ihn den "theologischen", stehen Jedermann bei seiner Prüfung die Guten Werke und der Glaube als Symbolfiguren bei. "Ich glaube an die 12 Artikel", bekannte Jedermann im protestantischen Berlin 1911. Die sind ein Grunddokument des Protestantismus aus den schwäbischen Bauernkriegen 1525 und ein erster Vorläufer der UN-Menschenrechtsdeklaration.

Für Salzburg wählte Hofmannsthal katholisch die 10 Gebote. Moretti sagt: "Ich kenne die 12 Artikel". Immerhin. Denn die oft in Peinlichkeiten und frommem Kitsch erstarrende Szene hat nur im protestantischen Geist seine Richtigkeit. Mavie Hörbiger als Werke will wie ein unschuldiges Kind dem Sünder seine Reinheit aufdrängen. Johannes Silberschneider als Glaube trägt den Bettelmönchhabit Luthers. Nach den Lazzi Hanno Kofflers als schwarzer Teufel mit Rattenschwanz endet ein großer Abend in Würde und Stille. Ehe sich der Applaus bis in Standing Ovations übersteigert.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-23 15:05:09
Letzte Änderung am 2018-07-23 17:28:16



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Zank am Festspielgipfel
  2. Valery Tscheplanowa wird neue Buhlschaft
  3. Schweigen im Blätterwald
  4. Dero Hochwohllöblichkeit
  5. Die Maus ohne Eigenschaften
Meistkommentiert
  1. Lang lebe Europa!
  2. Rene Benko steigt bei "Krone" und "Kurier" ein
  3. Kritik an finnischem Rechts-Metal-Konzert in Wiener Club
  4. Weißes Haus verteidigt sich mit Fake-Video
  5. Schweigen im Blätterwald


Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 Gruppenbild der Jury: Präsident Guillermo del Toro (4.v.l.) gewann im Vorjahr den Goldenen Löwen für "The Shape of Water". Ganz links Venedig-Chef Alberto Barbera im Gespräch mit Christoph Waltz, ganz rechts:Biennale-Präsident Paolo Barratta.

Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959. Romy Schneider wurde am 23. September 1938 als Rosemarie Magdalena Albach in Wien geboren. Die Schauspielerei ist ihr in die Wiege gelegt geworden: Ihre Eltern und sogar ihr Ururgroßvater waren Schauspieler. Ihren Künstlernamen verwendete sie kurz nach ihrer ersten Filmrolle in den 1950ern.


Werbung